Seitdem. Österreich Ende 1947 gezwungen war, fast genau zwei Jahre nach der ersten ("milden") Geldreform einen zweiten Währungsschnitt durchzuführen, ist das "abschreckende Wiener Beispiel" bei uns geradezu eine stehende Redensart in den Gesprächen über die Geldneuordnung geworden. Nichts habe sich gebessert, nichts geändert, so wird behauptet; allenfalls könne man sagen, daß der Schwarze Markt noch: mehr als vorher dominiere ... Die Gegner einer deutschen Währungsreform, denen es natürlich fernliegt, sich genauere Informationen aus Ländern zu beschaffen, wo (wie etwa in Belgien!) das Reformwerk einen vollen Erfolg brachte, werden nun freilich umlernen müssen. Wie der folgende Bericht unseres Wiener Korrespondenten zeigt, läßt sich ja heute ernstlich kaum mehr behaupten, daß die dortige Geldreform von 1947 ein Schlag ins Wasser gewesen wäre – wenn sie auch gewiß nicht als vorbildlich für uns gelten kann.

Der Kauflustige ist nun wieder geschätzt, ja, heiß umworben. Der Wettbewerb regt sich wieder kräftig; die Warengüte ist auch Trumpf, und der Ramsch fällt merklich ab. Ratenangebote, auch "tief herabgesetzte Preise" sind wieder da, und ein Zwangsverkauf "unter dem Selbstkostenpreis" belebt die Anzeigenspalten der Blätter. Die verstaatlichten Betriebe verlangen nach zinsfreien Staatsanleihen; der Geldbedarf der privaten Unternehmungen hofft auf die Einsicht der angekündigten Kreditlenkung...

Unter der Wucht der wirtschaftlichen Ereignisse hat sich auch die Preisbehörde in Bewegung gesetzt. Die Entwicklung ist ihr aber, wie seinerzeit bei steigenden Preisen, auf vielen Gebieten vorausgeeilt. Fahrräder, obgleich noch bewirtschaftet, sind unter dem amtlichen Preis in jeder beliebigen Anzahl frei erhältlich – bereift, denn die Geldknappheit hat auch die Frage nach Reifen plötzlich gelöst. Verschiedene Spinnstoffwaren, besonders die infolge allzu langer Lagerung unmodern gewordenen Überschußgüter und UNRRA-Waren, werden zu tatsächlich "tief herabgesetzten" Preisen angeboten, bleiben aber hoffnungslos unanbringlich.

Das noch vor einem halben Jahr so begehrte Papier ist für jeden kaufkräftigen Interessenten in hinlänglichen Mengen erhältlich, da zahlreiche Verleger ihre Papierzuweisungsscheine nicht mehr einlösen. Auch das Geschäft für Schmutz und Schund ist vorbei. Heute hat auch auf dem Büchermarkt die Güte unbedingten Vorzug. Aber der Preis eines guten Buches ist unerschwinglich. Die Herstellung belasten unverhältnismäßig mehr Steuern, Verwaltungskosten und Löhne, als in den anderen als Herausgeber deutscher Bücher auftretenden Ländern, also der Schweiz, Schweden, und den USA, so daß der Wunschtraum, Wien werde das Erbe Leipzigs antreten können, sich nicht erfüllen wird. Von den Theatern sei nur erwähnt, daß sie, nach Ablehnung eines auf mehrere Millionen gehenden Subventionswunsches, in den nächsten Tagen ihre Pforten schließen werden? Sommerferien vor der Zeit...

Neben dem Buchhandel ist durch die Geldknappheit am schwersten das Baugewerbe getroffen. Der Baustoffmangel war schon in der vorjährigen "Blütezeit" behoben. Heute werden Baustoffe in jeder Menge frei und vielfach unter den amtlich festgesetzten Preisen angeboten. Als Zeichen der Zeit mag auch vermerkt werden, daß Bauarbeiter, im Vorjahr von den Unternehmern noch ängstlich vor Abwerbungsversuchen behütet, jetzt oft um Aufnahme zu untertariflichen Löhnen bitten; wie auch der offizielle Baukosten index in den letzten Wochen gesunken ist.

Was den normalen Markt so tiefgehend trifft, konnte natürlich auch am Schwarzen Markt nicht spurlos vorübergehen. Die allgemeine Flucht aus der Ware zwingt die Herren des Schwarzen Marktes zu der Überlegung, ob ihre Tätigkeit überhaupt noch genügende Verdienstmöglichkeiten zu bieten vermag. Sie müssen ihre Preise mit knappsten Gewinnspannen erstellen. Doch der alte Zauberspruch "kleine Preise – großer. Umsatz" will hier nicht recht wirken. Die Großschieber haben sich ihrer bisherigen Helfershelfer meist bereits entledigt und sind nun oft selbst Kleinverteiler geworden. Die Umstellung war aber nicht nur von en gros auf en détail nötig, sondem auch von einer Warengattung auf die andere. Zigaretten, früher die "Währung", sind heute kaum gefragt. Die westungarische Zigarettenfabrik, die amerikanische Marvells hergestellt hat, mußte vor. einiger Zeit ihren Betrieb schließen. Die Preise? deckten nicht mehr die Kosten der Herstellung und des Vertriebes. Der Kriegsversehrte, der das "Letztverteilermonopol" im Zigarettenschleichhandel hatte, ist sehr selten geworden. Er bietet nun auch meist nur Zigaretten der Tabakregie an, merkwürdigerweise billiger als im Trafik.

Und woher stammt der Koks und die Kohle, die als bewirtschaftete Ware im freien Verkauf zu beliebigen Mengen unter den amtlichen Preisen angeboten werden? Handelt es sich um gehortete Ware, deren Verkauf die Geldknappheit nun erzwungen hat? Um Diebesgut? Oder um einen Zwangsverkauf, der den Geldbedarf eines in Bedrängnis geratenen Unternehmers decken soll?