Am 22. August 1938 verlangte ein Kunsthistoriker aus Berlin mich zu sprechen. Als er in meinem Büro war und sich umgeschaut hatte, mit dem bekannten Blick, den man damals in Frankreich Je regard Europe Centrale" nannte, eröffnete er mir leise, nachdem er sich legitimiert hatte, Weizsäcker wünsche mich dringend zu sprechen. Auf dem Weg nach Genf machte ich in Berlin halt.

Weizsäcker schritt gleich zur Sache: "Es muß etwas geschehen", sagte er mir, "wir stehen am äußersten Rand, die Engländer müssen so rasch als möglich jemand schicken," damit man reden kann. Aber", setzte er hinzu, "keine allzu hochgestellte Persönlichkeit, keinen Primeminister, keinen allzu höflichen Engländer der alten Schule. Kommt Chamberlain, so triumphieren die Kerle und sagen: der Engländer frißt uns aus der Hand, er ist zu Kreuze gekrochen. Chamberlain ist zu gut für diese Leute, sie sollten einen energischen Militär schicken, der, wenn es sein muß, auch schreien und mit dem Reitstock auf den Tisch schlagen kann, einen Marschall mit viel Orden und Narben, einen Mann ohne viel Rücksicht; natürlich darf er nichts Unmögliches verlangen, aber man darf sich darüber klar sein, die Überlegenheit der deutschen Rüstung ist heute proportional viel erdrückender, als sie in einem Jahr sein wird, somit wäre Hitler leicht entschlossen, es zum Bruch kommen zu lassen; nur vernünftige Transaktion und gleichzeitig Festigkeit können ihn verhindern, nach außen dasselbe Vabanquespiel zu spielen, das er nach innen mit so viel Erfolge angewandt hat. Ich bitte Sie, fahren Sie so rasch als möglich in die Schweiz und setzen Sie sich mit London in Verbindung. Wenn es nicht zum Gespräch kommt, riskieren wir, daß er Prag bombardiert und in Böhmen einrückt."

Ich fuhr direkt von Weizsäckers Amtsraum ohne Anhalten im Wagen nach Bern, stieg vor der englischen Gesandtschaft aus, weckte den wegen eines Gichtanfalles bettlägerigen Warner. Wir verfaßten das Telegramm an Lord Halifax, am nächsten Morgen sprach ich mit Butler am Telephon, ich trug Weizsäckers Ansicht, ohne Hinweis auf seine Person, als -Ansicht maßgebender Kreise mit Nachdruck vor. Jedoch Chamberlain reiste ...

Attolico versucht einzugreifen

Der italienische Botschafter in Berlin schickte mir im November 1938 einen Brief durch Boten und bat mich dringend, ihn bei nächster Gelegenheit aufzusuchen. Es war jedoch erst viele Monate später, im Frühsommer 1939, daß ich ihn aufsuchte.

Attolico, den ich vor Jahren in Genf gesehen hatte, erschien mir sehr gealtert, eingefallen, müde. Er ging sofort aufs Ganze: "Ich bin krank", sagte er mir, "ich werde nicht lange mehr leben; ich hatte gehofft, noch einige späte Jahre für mich zu haben; ja, ich wollte jetzt aus dieser furchtbaren Atmosphäre weg. Aber ich kann es nicht; ich mußdiesen Unsinn, diesen verbrecherischen Unsinn, diesen drohenden polnischen Konflikt mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern suchen. Jetzt geht es aufs Ganze, wir stehen vor dem zweiten Weltkrieg." Er sprach überstürzt, leidenschaftlich, im Atem gehemmt, hielt die Hand aufs Herz, als ob er Schmerzen empfinde. "Aber alles", fuhr er fort, "ist verschworen, überall will man die Katastrophe, die Polen machen es uns furchtbar schwer; hier in Berlin haben wir es mit gefährlichen Narren zu tun, die keine Ahnung haben von der Welt, von den Kräften, die im Augenblick des ersten Schusses dieses neuen unseligen Krieges entfesselt werden." Er wandte sich ab, sagte leiser: "In Italien ist es nicht viel besser; es gibt keine reiten, verantwortungsbewußten Männer mehr, es gibt keine Diplomatie mehr, alles wird vom Zaun gebrochen; der Einfluß von Berlin macht sich in verderblicher Weise bemerkbar."

Ich erwiderte Attolico: "Die" Widerstandskräfte im Innern Deutschlands sind mächtig; täglich gelangen Leute an mich, welche aufgelehnt, verzweifelt, erbittert, zu allem bereit sind", und ich erwähnte viele einzelne Fälle der letzten Zeit.