Australien ist immer ein reiches Land gewesen, so befremdlich das im Hinblick auf das wüste Innere des Kontinents auch klingen mag. Das Volkseinkommen per capita ist vielleicht in keinem anderen Land so hoch. Auch andere, allgemein, gültige Indizien – Zahl der Autos und Radios je Kopf der Bevölkerung – sprechen eine unwiderlegbare Sprache. Wo liegen die Wurzeln dieses Reichtums?

Auf knappste Formel gebracht, beruhte bisher der Wohlstand auf der großen Gewinnspanne zwischen den Erzeugungskosten und den Verkaufspreisen der australischen Stapelprodukte: Wolle, Weizen, Butter und Fleisch. Der sonstige Reichtum an wertvollen Mineralien und Kohle trat hiergegen zurück. Die Wolle hat nicht nur in der australischen Gesamterzeugung, sondern auch auf dem Weltmarkt in Quantität und Qualität eine unbestrittene Führung gehabt. Das milde Klima gestattet ein Draußen-Weiden das ganze Jahr hindurch, Ställe sind unbekannt. Zur Wartung von ca. 700 Schafen benötigt man einen Mann. Durch Zuchtwahl und die eigentümliche mineralische Zusammensetzung und Trockenheit der Weide ist die Qualität der Wolle unübertroffen. Bei gleichen Gestehungskosten erzielt man für australische Wolle bessere Preise als zum Beispiel für argentinische oder südafrikanische.

Auch der Weizenanbau ist besonders begünstigt. Die Gestehungskosten sind niedrig wie in anderen, weiträumigen und extensiv bewirtschafteten Ländern: USA, Kanada und Argentinien. In Australien rechnet man auf 1000 ha Weizenland zwei Mann, wobei maschinelle Bearbeitung (Motorpflug, Harvester Combine) eine selbstverständliche. Voraussetzung ist. Der Boden verunkrautet wenig, zur Erntezeit herrscht mit Sicherheit Schönwetter und es fehlen jegliche Drainage-Unkosten. Dabei kommt der australische. Weizen dem kanadischen an Qualität gleich. Die Butter- und Fleischproduktion genießt dieselben Vorteile wie die erwähnten Erzeugnisse, allerdings ist sie Ländern wie Argentinien gegenüber durch knappes Grünfutter benachteiligt.

Diesen insgesamt hervorragend günstigen Produktionsbedingungen auf der Habenseite steht nur eine Position auf der Sollseite gegenüber: die Dürre. Die Niederschlagsmengen sind nur am Küstensaum einigermaßen normal, verringern sich aber progressiv im Innern. Es kann vorkommen, daß der Regen ganz ausbleibt. Das führt zu katastrophalen Mißernten. Notschlachtungen größten Ausmaßes müssen dann durchgeführt werden. Kein Glied der Landwirtschaft bleibt verschont. Aber die Statistik zeigt, daß die biblische Gesetzesmäßigkeit von sieben fetten und sieben mageren Jahren in Australien nicht zutrifft, obgleich die Dürre-Jahre in den Gesprächen der Australier eine große Rolle spielen. Im Durchschnitt fällt auf sieben fette Jahre nur ein mageres.

Alles in allem trug die australische Wirtschaft die charakteristischen Züge eines wohlhabenden und verhältnismäßig sorgenfreienAgrarlandes. Die Zollpolitik ließ vor dem Krieg, auch abgesehen von der britischen Vorzugsstellung, hier und da schon absperrende Tendenzen durchblicken, bewegte sich aber im Ganzen in der einem Agrarland angemessenen liberalen Richtung. Jetzt aber bereitet sich eine Strukturwandlung vor. Wird die Agrarerzeugung noch Eckpfeiler der australischen Wirtschaft bleiben? In weniger als fünfzehn Jahren hat sich der Wert der industriellen Erzeugung mehr als verdoppelt. Die größten Fortschritte wurden in den Kriegsjahren gemacht, aber auch nach dem Krieg ist die Tendenz die gleiche geblieben. Das Schwergewicht der industriellen Betätigung hat sich geändert: war bis vor kurzem noch die Lebensmittel- und Textilindustrie mit 40 v. H., die Metallindustrie mit 28 v. H. an dem Gesamtvolumen beteiligt, so hat sich heute das Verhältnis umgekehrt. Der Krieg mit seinem ungeheuren Rüstungsbedarf und die Notwendigkeit für Australien, – sich bei den immer spärlicher fließenden Einfuhren in Konsumgütern autark zu machen, haben die landwirtschaftliche Veredelungsindustrie an die zweite Stelle gedrängt. Begünstigt wurde ferner diese Entwicklung der Metallindustrie durch die vorhandenen Bodenschätze, vor allem die gut verkokbare Kohle und die hochwertigen Eisenerze. Auch andere Grundstoffindustrien: Öl aus Ölschiefer, Aluminium, Kupfer, Blei, Asbest sind neu entwickelt oder, wenn vorhanden, weiter ausgebaut. Die Socony Vacuum Oil Co. hat bereits eine Million Dollar für Bohrversuche investiert, um dem Mangel an flüssigen Brennstoffen abzuhelfen, die für die mechanisierte Landwirtschaft eine conditio sine qua non sind.

Eine weitverzweigte Fertigungsindustrie hat sich an die Grundstoffindustrien angeschlossen. Die australische Regierung – immer schon die Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung – erleichtert ausländischen Firmen die Gründung von Tochtergesellschaften. So hat der größte amerikanische Autokonzern General Motors kürzlich mit dem Bau einer Autofabrik begonnen.

Auf der Rohstoffseite sind dieser Entwicklung keine Grenzen gesetzt. Was sich nicht im Land vorfindet, kann ohne zu hohe Transportkosten eingeführt werden: Schwefel aus Japan für die unentbehrliche Schwefelsäure, Erdöl, Gummi aus Indonesien, Phosphate von der ehemalig deutschen Mandatsinsel Nauru, Kali aus Deutschland und Frankreich. Man plant allerdings, große Kalifabriken an den salzhaltigen australischen Binnenseen, ähnlich der Kali-Industrie am Toten Meer, ins Leben zu rufen.