Herr Lallinger kann zufrieden sein. Ludwig M. Lallinger – Kriminalbeamter in München und nomineller Vater der Bayernpartei. Was im vorigen Jahr noch bewitzelt wurde, hat sich in einen ernst zu nehmenden Faktor der bayrischen Politik verwandelt: 24,6 v. H. bei der Wahl für den Stadtrat der Stadt München, 15,5 v. H. bei der Gemeindewahl in 41 kreisfreien Städten; zweitstärkste Partei in der Landeshauptstadt mit nur 3 v. H. hinter der SPD und mit 6 v. H. vor der CSU, drittstärkste Partei in den Städten mit 15 v. H. hinter der SPD und nur 3 v. H. hinter der CSU.-Zwar sind Gemeindewahlen anders zu bewerten als Parlamentswahlen, und das politische Spektrum weist in den Städten entsprechend der geographischen Lage nördlich oder südlich der Donau starke Schwankungen auf. Aber uns läßt sich aus dem Gesamtbild der Städte selbst mit dem Hinweis auf das konservativ katholische flache Land nicht hinwegdiskutieren: daß die Vormachtstellung der Christlich-Sozialen Union in Bayern gebrochen, ist und daß der Stamm der Bayernparteiwähler in jenen 27 v. H. enthalten ist, die der CSU den Rücken kehrten. Das ist ein erstaunliches Ergebnis, um so erstaunlicher, als es auf den ersten Anhieb erzielt wurde, was erwarten läßt, daß die Ziffern bei den nächsten Landtagswahlen weiter klettern werden. Mit Kochtopfdemagogie und Zirkus-Krone-Sensation ist es nicht zu erklären. Es führt der deutschen Öffentlichkeit vor Augen, daß in Bayern echte Anlässe zur Unzufriedenheit bestehen.

In einer kurzen, aber wirkungsvollen Propaganda hat die Partei Lallingers darauf hingewiesen, daß das Land überfremdet sei, daß die Bayern vor lauter Auswärtigen nicht mehr zum Zuge kämen, daß sie für gute Nahrungsmittel wenig Industrieerzeugnisse und schlechte Kohle erhielten und daß die bayerischen Redakteure in den amerikanisch lizenzierten Zeitungen Seltenheitswert besäßen. Bayern fühlt sich verkannt, bevormundet und benachteiligt. Es strebt nach dem Podium, das ihm gestattet, seine Auffassungen und Gesichtspunkte deutlich darzulegen. "Wenn wir das erreicht haben, werden wir auch wieder vornehmere Umgangsformen pflegen", sagt man im Vorstand der Bayernpartei.

Das Wahlergebnis des 30. Mai richtet sich also so gefühlsbedingt es auch sein mag, wie vieles, was in Bayern geschieht, gegen durchaus konkrete Objekte: gegen unkluge Entscheidungen in Frankfurt, gegen die unpopuläre Vertretung Bayerns bei den bizonalen Behörden und damit im Endeffekt gegen die Partei, die diese Vertretung in der Hauptsache stellt und nach Meinung der Bayernpartei das "unerträgliche Gängelband verschuldethat: dieCSU. Aus der latenten Krise der Union, die von den Monarchisten bis zu den christlichen Gewerkschaften allzu viele widerstrebende Interessengruppenumschließt und die ihre Zeit damit vergeudet hat, zwischen der Reichskonzeption Dr. Josef Müllers und der ulträföderalistischen Konzeption des klerikalen oberbayerischen Flügels herumzustreiten, ist ein offener Konflikt geworden. Die längst fällige Scheidung der Geister, von Dr. Ehards Geschick immer wieder aus dem Wege verhandelt, ist zum völligen Bruch geworden.

Der Wahlerfolg. der Bayernpartei wirkt wie ein Magnet. Nicht nur Mitläufer werden kommen, sondern auch solche Politiker der CSU, die sich innerlich längst für die Bayernpartei entschieden haben und nur mit Rücksicht auf ihre exponierte Stellung nicht früher umsatteln konnten. Allerdings: einem ehemaligen Bayerischen Volksparteiler wie Fritz Schäffer hat die Bayernpartei bereits die kalte Schulter gezeigt. Nichts in ihrer. Wahlpropaganda deutete, auch darauf hin, daß sie klerikale Interessen vertritt. Wohl aber hat sie verkündet, daß sie Korruption und Unkorrektheit in jeder Form bekämpfen wird. Sie muß sich daher gegen die Geheimdiplomatie der bayerischen Staatskanzlei, gegen das Aushandeln von Gesetzen hinter verschlossenen Ministertüren, gegen die Ausschaltung des Parlaments und gegen undurchsichtige politische Gespräche mit deutschen und ausländischen Partnern wenden. Träger dieser Art Kabinettspolitik sind in erster Linie die klerikal gesteuerten Gruppen der CSU mit Dr. Anton Pfeiffer und Dr. Alois Hundhammer an der Spitze.

Man braucht nicht auf weitere Wahlen zu warten, um feststellen zu können, daß Parlament und Kabinett in Bayern nicht mehr dem Willen der Wähler entsprechen. Die drittstärkste Partei des Landes, die zweitstärkste der Hauptstadt ist im Parlament nicht vertreten. Entweder tritt nun die Regierung Ehard zurück oder der Landtag löst" sich auf, oder er wird zur Auflösung gezwungen. So wenig Rücktritt und Selbstauflösung wahrscheinlich sind, so wenig unterliegt der Ausgang eines Volksbegehrens dem geringsten Zweifel. Außer der SPD und der Bayernpartei würde eine solche Aktion die KPD auf den Plan rufen, die beweisen muß, daß ihr gemeindlicher Stimmenzuwachs um 3,5 v. H. tatsächlich aus Kommunisten besteht. Bis dieser Beweis erbracht ist, darf als wahrscheinlich gelten, daß unter den neuen KP-Stimmen viele sind; die auf dem Umweg über einen kleinen Schock gegen die amerikanische Besatzungspolitik protestieren wollen. Doch der große Schock für die Union und der kleine für die Amerikaner stehen nicht allein. Einen dritten haben die triumphierenden Wähler der Bayernpartei selber erlitten, als ihr Parteigründer die Absicht äußerte, sich in der Gemeindepolitik mit der SPD als einer konstanten Größe zu verbünden. Verstehen wird dies seinen Wählern nur, der weiß, daß Lallingen früher der wachsame Schatten des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Dr. Högner war der einen sauberen, unauffälligen Mann braucht um mit einer kleinen Bayerngruppe die CSU spalten. Aber das wissen nur wenige.

Kurt Gelsner