Auch in der Wirtschaft gibt es "Dynastien", die durch mehrere Generationen hindurch über große Konzerne herrschen. An der Ruhr war es für die meisten dieser Familien kennzeichnend, daß sie den Herr-im-Hause-Standpunkt vertraten, einen kapitalistischen Absolutismus, der dem fürstlichen Absolutismus früherer Zeiten vergleichbar war. Und ebenso, wie etwa in Frankreich die Republik durch Gesetz die Nachkommen der bourbonischen Herrscher von jeder politischen Aktivität, ja sogar vom politischen Bürgerrecht ausschloß, so kann es heute in Deutschland geschehen, daß die Zugehörigkeit zu einer der kapitalistischen Ruhr-Dynastien einen Mann, und sei er noch so befähigt, für die Übernahme wirtschaftspolitischer Funktionen als "untragbar" erscheinen läßt. Die Vorbedeutung des "Namens, das nomen atque omen, wiegt dan schwerer als die unbedingte Gerechtigkeit.

Bei einigem politischem Fingerspitzengefühl hätte die CDU dies bedenken müssen, bevor sie Dr. Reusch im Hauptausschuß des Wirtschaftsrates als einen der beiden deutschen-Vertreter für den "Ausschuß zur Förderung dir deutschen Stahlproduktion nominierte, in dem sie neben zwei britischen und zwei amerikanischen Mitgliedern wirken sollten: Denn Dr. Reusch gehört nun einmal zur Dynastie der Gutehoffnungshütte, deren Leitung er nach seinem Vater übernommen hatte, und er gilt nicht nur wegen seines Namens, sondern auch wegen seiner eigenen Vergangenheit als ein typischer Exponent jenes "Herr-im-Hause-Standpunkts", dessen Zeiten vergangen sind. Doch die CDU, die soviel christliche und soziale Gesinnung programmatisch verkündet, aber in ihrer Praxis nicht klar genug, erkennen läßt, ob nun eigentlich "Gott oder dem Mammon" gedient werden soll, bedachte dies alles nicht. Sie fand sich im Hauptausschuß mit der SPD zum üblichen Parteigeschäft zusammen: "Sage du nichts gegen meinen Kandidaten, dann sage ich nichts gegen deinen Kandidaten." Und also wurden den Besatzungsmächten Dr. Reusch und der von der SPD gewünschte Dr. Bleiß vorgeschlagen und entsprechend ernannt.

Der Hauptausschuß des Wirtschaftsrates war In diesem Falle auf deutscher Seite die letzte politische Instanz, also der Staat. Und wenn in einer normal funktionierenden Demokratie der Staat als Repräsentant des Willens der Volksmehrheit gesprochen hat, so ist niemand mehr berechtigt, hiergegen Einspruch zu erheben. Die echte Demokratie kennt keine "Nebenregierungen", sie kann nur bestehen, wenn sie selbst "Herr im Hause" bleibt. Der Fall Reusch machte deutlich, daß jedenfalls unserer Parteiendemokratie diese letzte Autorität gar nicht besitzt. Denn nun traten die Gewerkschaften auf und protestierten "gegen diesen Faustschlag ins Gesicht der Hüttenarbeiter". Es kam zunächst zu kleinen Streikdemonstrationen im Ruhrgebiet. Schließlich aber drohte ein allgemeiner Ausstand in der gesamten eisen- und Stahlerzeugenden Industrie der britischen Zone. Und der Staat kapitulierte. Die SPD wusch ihre Hände in Unschuld und bestritt jede Beteiligung an der Nominierung von Reusch. Die CDU wäre, ach so gern, hart geblieben und wurde doch recht schnell weich. Fieberhaft verhandelte der Hauptausschuß des Wirtschaftsrates mit den Gewerkschaften. Ergebnis: ein Brief des Präsidenten des Wirtschaftsrates, Dr. Köhler, an die Besatzungsmächte, der Hauptausschuß widerrufe seine Vorschläge. Dr. Reusch solle nicht mehr tätig sein und – damit nur ja niemand von einer Sonderniederlage der CDU sprechen könne – Dr. Bleiß auch nicht. Neue Vorschläge wurden nicht gemacht. Vorletzte Szene: der widerrufene Dr. Reusch erklärt mannhaft, hier stehe er und könne nicht anders; er weiche nur einem Befehl der Besatzungsmächte, die ihn ernannt hätten. Und nun kam der Schlußeffekt: die Besatzungsmächte zerschlugen den gordischen Knoten unserer eher unerzogenen als umerzogenen Demokratie und lösten den ganzen Stahlaosschuß kurzerhand auf. Die Lektion ist deutlich, blamabel deutlich.

Wer ist nun bei uns "Herr im Hause"? Zweifellos nicht mehr der Kapitalismus alten Stils. Aber die Parteien jedenfalls auch nicht. Etwa die Gewerkschaften? Nun, sie haben in einer Machtprobe gesiegt, aber eine Rechtsprobe war das nicht, denn in keiner Verfassung oder Charta sind bisher die Gewerkschaften als eine politische Instanz bei uns vorgesehen. Sie haben sich also eine Stellung als Staat neben dem Staate angemaßt. Alle waren sie hier im Unrecht: Parteien und Gewerkschaften und nicht zuletzt Dr. Reusch selbst. Wird man endlich daraus die Lehre ziehen, daß das politische Parteienmonopol in Deutschland versagt hat? Andere Kräftegruppen gehören bei uns in den Staat. Es ist wesentlich besser,-die Gewerkschaften am Staate zu beteiligen, als daß ein Staat, an dem sie nicht beteiligt sind, sich dem Diktat der Gewerkschaften beugt. Wir wären nicht gerade weise, wenn wir, auch um den Preis der Anarchie, bei einem überlebten Dogma beharrten. Fr.