Von Hanns Braun

Klischees sind hartnäckig. So galt und gilt München schlechterdings überall als gemütliche Stadt, ungeachtet es eines Tages angefangen, politisch zu werden – was ja nur ein anderes Wort ist für entschlossenste Ungemütlichkeit. Auch München selbst denkt nicht anders. Es hat – man könnte das weltweite Phänomen der ihrer selbst gewissen Unschuld geradezu, daran exemplifizieren – es hat im tiefsten jene nicht ganz folgenlosen Spektakelstücke der Königsaustreibung, des Eisnermords, der Räterepublik, der Statthalterschaft Kahr und last not least des Hitlerputsches einfach nicht dort zur Kenntnis genommen, wo sich die Frage der Verantwortung stellt; sie rangierten für sein Grundgefühl in einer Reihe mit den Beendigungen des Prinzregenten Luitpold und weiland Königs Ludwig III., bei denen ja so ziemlich die gleichen Leute auf der Straße gewesen sein und "mitgemacht" haben müssen dazumal und allerwärts. Ja dieses Gefühl seines Berufenseins zur Gemütlichkeit ist so stark, daß die oft unleidliche Gereiztheit, der rüde Ton, den Einheimische und Wahlmünchner heute gleicherweise beklagen, nichts anderes ist als Ausdruck der Verzweiflung, am Eigensten, Besten fortgesetzt behindert zu werden. Es ist ähnlich wie bei jenen Beamten, die auch nur darum immerzu grantig sind, weil sie das Eigentlichste ihrer Existenz erst mit dem Tag ihrer Pensionierung erreichen können, vorerst aber durch "Dienst" ein paar Jahrzehnte lang daraus verstoßen und dabei gemeinerweise auch noch verschlissen werden.

Gehindert an seiner Gemütlichkeit wird der Münchner durch jeden Dritten. Denn jeder Dritte, so behauptet wenigstens die Statistik, und der Augenschein treibt es oft noch ärger, ist heut an der Isar ein Fremdling, spricht polnisch, jiddisch, ukrainisch, ungarisch, lettisch oder sonst etwas Schönes, besitzt Messer, Revolver, auch Einbrecherwerkzeuge, Devisen, Brillanten und nicht die deutsche Normalverbraucherration, dafür aber die Protektion höherer Mächte, die damit erhärten, daß auch ein Kreuzzug für die Gerechtigkeit aus seiner ursprünglich eingeschlagenen Richtung offenbar schwer und schon gar nicht durch bloße Tatsachen abzulenken ist. Daß zu den Fremdlingen auch die deutschen Eingewanderten von überallher gehören, versteht sich am Rande; sie liefern aber mit den Ansässigen zusammen vorerst noch weit überwiegend die Opfer zu den dunklen Taten, die der Polizeibericht der Öffentlichkeit (wegen Papiernot und auch, weil’s schon nichts Besonderes mehr ist) in scharf rationierten Notizen preisgibt. Trotz dieser oft lebensgefährlichen Ungemütlichkeiten ist Münchens Kriminalität "nicht außergewöhnlich". Denn, so formulierte es zu Wintersanfang ein amerikanischer Bericht, sie übertreffe nicht die von Chikago. Da wir von Chikago als Stadt der Gangsterkönige und Staatsfeinde Nr. 1 immer nur Rekordhaftes vernommen haben, scheint mir jene Formulierung die eleganteste, der ich je begegnete. Sie ist so elegant, daß Tölpel und Nichtkenner sie, bei Gott, als zynisch mißverstehen könnten.

Nun denn! In dieser Metropole der verhinderten Gemütlichkeit "tut sich" eben wieder mal was. Eine Art Putsch bereitet sich vor und wirft seine Schatten voraus. Aber nur keine Sorge! Es ist diesmal kein Aufstand der Massen, schon gar nicht irgendwelcher roten oder braunen. Es sind die Blassen, die Geistig-Schaffenden, die Künstler, Schriftsteller, die Hochschullehrer und alle verwandten kompensationsunwürdigen Berufe, die es sich nicht länger gefallen lassen wollen, daß man sie am Ende der Hunger- und Frier-, schlänge ganz hinten anstellt, während in allen Vordergründen von Erhaltung und Pflege der deutschen Kultur des offiziellen Faseins kein Ende ist.

Dieser Kampf, der ja auch in anderen Hungerzentren Bizoniens mit mehr oder minder Erfolg und Schwung geführt wird, hatte schon einmal im November 1947 einen ersten Siedepunkt erreicht. Aber erst im Wonnemonat Mai der nichtausgegebenen Verheißungen gelang es, die Öffentlichkeit selbst, das heißt: jene weiteren Kreise, die sich zum Teil im Zirkelschluß der Kompensationen, Zulagen und Bonusse ausnehmend wohl befinden, für das offiziell verordnete Elend zu interessieren, das dicht neben ihnen jenen Berufsgruppen zudiktiert wird, die man für Vorträge, Kunstwochen, Aufführungen, für die tägliche "gehobene Unterhaltung" ebenso wie für die Erziehung der akademischen Jugend und alles Festlich-Schöne oder Tiefe, kurz: für die höchsten Güter der Nation heitersten Gewissens in Anspruch zu nehmen pflegt.

Wem aber gelang es, den Bann stumpfer Gleichgültigkeit wenigstens außerhalb der auch weiterhin dazu ermächtigten Bürokratie zu erschüttern? Den Schauspielern! Ihnen zuerst. Man sieht, es geht doch nichts über ein repräsentatives, sich selber darstellendes Künstlertum! Solange nur Architekten oder Schriftsteller, Komponisten, Anwälte und Dozenten an ihren Arbeitstischen zusammenklappten, war das so gut wie nicht geschehen, auch wenn der eine oder andere mal kläglich und öffentlich piep machte. Aber seit auf Münchner Bühnen Darsteller zusammengebrochen sind – auf Grund ärztlich bestätigter – Unterernährung –, seit Opernsänger "nicht mehr können", die Theater teilweise geschlossen oder ihre Spiel- und Probenpläne eingeschränkt haben, glaubt und sieht endlich die Öffentlichkeit, was Worte allein, und wären sie von den engelhaftesten oder spitzesten Zungen gekommen, ihr bislang nicht begreiflich machen konnten. Jetzt allerdings hat auch das Wort seine Wirkung erlangt, und zur Zeit wird in der Münchner Presse von einigen geschliffenen Federn ein Kampf geführt, der an Nachdruck nichts zu wünschen übrigläßt.

Das Münchner Stadtoberhaupt hat auf diese Attacken zunächst einigermaßen unwirsch reagiert, was zur Beschwichtigung jener, die meinen, auch die Stadt München hätte doch wohl "manches" veranlassen können, nicht eben dienlich war. Inzwischen machte jedoch der Herr Oberbürgermeister zur Gewißheit, daß die allzu strapazierte reservatio bürocratiensis, man sei leider hierfür "nicht zuständig", für das Reguläre diesmal zutrifft: Frankfurt, das bizonale, hat sich nun auch in diesem Punkt als das Karnickel entlarvt – unter anderm darin, daß es die von der Militärregierung zugestandene Besserstellung aller Künstler (artists) auf Grund einer angeblichen Fehlübersetzung nur den – Artisten(!) allein hat zukommen lassen. Zur selben Zeit aber hat der launige Zufall eines Inserates zutage gebracht, daß bayrische Stadtverwaltungen sehr wohl imstande sind – Klosettfrauen die Zulagen zu gewähren, die sie den Geistig-Schaffenden zuständigkeitshalber verweigern mußten, und dieses Faktum hat "weiteste Kreise" und darunter sogar Klosettfrauen aufhorchen lassen, von denen eine treuherzig gestand, sie verdiene täglich 100 Mark, also dreitausend im Monat, worin zweifellos-das Angebot lag, von ihrem Überfluß plus Zulage auch andern mit Papier befaßten Berufen etwas zukommen zu lassen.