Von Richard Cornelius

Der Blödsinn hört nicht auf. Man bittet zu entschuldigen, aber mit einem anderen Ausdruck läßt sich das lächerliche Spiel einiger Ausländer nicht bezeichnen. Sie fühlen sich als Picadores und betrachten die deutschen Dichter und Schriftsteller im Gesamten als einen Stier. Diesen gilt es zu reizen, zu sticheln und zu kitzeln. Man weiß den Matador im Hintergrund und hat um sich die lärmenden Zuschauer. Aber dieser Stier will nicht. Er will absolut nicht anspringen. Er stappst nur durch die Arena. Das ärgert die Hochsitzenden. Sie wollen um jeden Preis einen wilden. Stier. – Lassen wir den Vergleich und kehren wir zum Schriftsteller zurück. Die Ausländer wollen von dem deutschen Kollegen etwas hören. Zum mindesten seine Stellungnahme.

Warum wollen sie das? Warum lassen sie ihn nicht in Frieden? Einem Deutschen fällt es ja auch, nicht ein, sie um eine Äußerung anzugehen. Er kann nicht reisen, essen, lesen, sprechen, was, wie und mit wem er will. Aber er soll sich äußern. Liest man die vielen nutzlosen Zuschriften und Abhandlungen in Blättern aller Art, könnte man glauben, morgen ginge die Welt unter und ein jeder wolle sich unvergänglich machen dadurch, daß er die Schublädendichter an ihre Missionen erinnert. Etwa nach der Melodie: öffnet eure Kasten, ihr aus der inneren und äußeren Emigration, und sagt, was ihr von der Welt haltet. Das ist doch der reinste Blödsinn. Wenn sich Noah eine neue Arche baut, dann forscht er zuvor nicht lange nach unseren Meinungen.

Zunächst wäre zu fragen, ob ein Schriftsteller – ganz zu schweigen von den Dichtern – unbedingt verpflichtet ist, andauernd zu schreiben. Etwa, damit er .allen Anforderungen eines Arbeitsamtes gerecht wird. Über diesen Punkt – ob er nun schreiben soll oder nicht – läßt sich streiten. Ein Schriftsteller braucht nicht absolut Tag und Nacht zu schreiben. Ja, er braucht sich nicht einmal zu äußern, braucht keine Stellung zu nehmen, sondern er soll sich nur zu Wort melden, wenn es ihm Herz und Gewissen befehlen. Es wäre einzuwenden: es gibt kein Gewissen oder Herz in Deutschland, oder: Herz und Gewissen zu bemühen lohnt sich nicht. Es gibt noch eine Menge anderer Ausflüchte. Fest steht aber, daß man das mit dem Herz nicht zu toll treiben darf. Das scheinen die Freunde aus dem Zuschauerraum zu übersehen. Also nehmen wir an, der Schriftsteller braucht sich nicht zu Tode zu hetzen. Gut. Wenn einer überhaupt nicht mehr schreibt, was dann? Die Titel Schriftsteller, Dichter und so weiter verleiht sich keiner selbst. Wird er so angesprochen, dann hat er wahrscheinlich schon einmal gute Hauskorrekturen gelesen. Trifft das nicht zu, dann hat sich die Öffentlichkeit geirrt und der Mann ist unschuldig.

Um ein ein Schritt weiterzukommen, wäre zu fragen, ob es mit dem Schreiben eilt. Nein, es eilt überhaupt nicht. Das war ja der Fehler, daß es von jeher immer so pressierte. Noch ein Buch, noch eine Novelle, noch einen Band Lyrik. Das ist, gelinde gesagt, grober Unfug. Alle, schreiben zuviel. Mit oder entgegen ihrem Willen lassen sie sich von der Meute hetzen und fangen an zu pfuschen. Es entstehen so im Fluge dahingeworfene Geniesplitter, die sich der Laie selbst polieren soll. Man lese die Stelle in Goethes Wahlverwandtschaften nach, wo er den Reisenden lobt, der ein Rad bricht. Das ist so ein Fall. Also: es wird zuviel geschrieben.

Die Welt will aus dem Volk der Dichter und Denker die fälligen Tropfen Geist herausquetin löblicher Vorsatz, aber sie muß warten. mit Drohungen noch Schmähungen noch mit geistigen Anreizplänen läßt sich ein neuer Wedekind hervorbringen, ein Schiller, Hölderlin, oder tun Kafka.

Was ist ein Jahr? Was sind drei? Drei Jahre warten hier schon die Mütter auf Frieden. Um ihrer Kinder willen. Drei Jahre warten schon die Gefangenen auf Frieden, um ihrer Freiheit willen. Drei Jahre warten die Entrechteten auf Frieden. Was sind schon drei Jahre? Das Ausland erwartet anscheinend von den deutschen Schriftstellern Meisterwerke. Und weil die nicht geliefert werden, reißt man Witte. Es gibt eben bis zur Stunde keinen realisierbaren Reparationsplan für geistige Werte. Der gesamte Schwarzwald läßt sich über die Schweizer Grenze schleppen. Das ist technisch möglich. Aber es ist ganz ausgeschlossen, einen Roman zu veröffentlichen, bevor er geschrieben wurde. Anders mag es mit Tagebüchern sein.