Ein Rekord der deutschen Nachkriegsjahre: Das Gut Mariashagen, gelegen an der Lübecker Bucht, wurde unlängst zum 14. Male innerhalb der letzten zwölf Monate von Räubern heimgesucht...

Wenn man sonntags zu den Bauern geht, und es ist gerade Mittagszeit – hei, da kann man doch wenigstens auf ein Stück Braten rechnen und man darf vielleicht tüchtig zulangen, falls man willkommen ist! Und da ist nun der Hof Mariashagen in der holsteinischen Gemeinde Oldenburg. Vierhundert Morgen groß. Und richtig sitzen die Leute gerade beim Essen. Doch kein Bratenduft zieht durch das Haus. Sie essen da Gemüse und vorjährige Kartoffeln, nicht anders als die Leute in der Stadt. Und nicht einmal eine gute Sauce ist dabei. Und nicht einmal ein Ei? Wer ankommt, wird durch markiges Gebell großer schwarzer Hunde, empfangen; es ist die Rasse der intelligenten, militanten Riesenschnauzer. Aber kein Huhn gackert zur Begrüßung. Dies also ist der Bauernhof, der von allen Bauernhöfen an der Lübecker Bucht am häufigsten von den Räubern heimgesucht wurde, und zwar vierzehnmal in den letzten zwölf Monaten. Rund ebenso viele Male in den zwölf Monaten zuvor. Seit der Krieg zu Ende ging, hat man dort – so schätzt man – den Besuch der Banditen rund dreißigmal gehabt. Aber der Verwalter des Hofes weiß es nicht genau. Er kann nur über die letzten zwölf Monate Auskunft geben, da er vorher nicht "das Vergnügen" hatte, hier tätig zu sein. Aber seine Auskunft ist entsprechend...

Das Haus, ist groß, doch einfach, Tenne, Scheune, Küche und Stube in einem Gebäude, die Ställe unmittelbar von den Wohnräumen aus erreichbar. Dies zu wissen ist wichtig, weil nach der Lage der Örtlichkeit es nicht einfach sein sollte, hier einzubrechen, öffnet man die Tür, so fangen nicht nur die schwarzen Hunde an zu bellen, sondern oben auf dem Dach, wo zwei hölzerne Pferdeköpfe niedersächsisch prangen, beginnt ein Boschhorn wild zu hupen wie ein verrückt gewordenes Automobil. Kurz, wer die Nerven dazu hat, muß die Räuber bewundern, "Es sind gute polnische Fachleute", sagte der Verwalter, "und sie haben erstklassige deutsche Helfershelfer: die baldowern die Sache aus." Der Verwalter stammt aus Ostpreußen und hat das Fachwort "ausbaldowern" früher nicht gekannt. Jetzt kennt er es. Er tritt aus der kleinen Küche, wo es nicht nach Braten riecht, vors Haus und erläutert die Lage.

Der Hof Mariashagen liegt ein wenig abseits auf einer Höhe. Sieht man zur Bucht der Ostsee hinunter, so schaut man über Felder, auf denen das Korn heuer so üppig steht wie nie. Es ist dies an der Bucht die Ecke, wo das Wrack der "Arcona" der Küste am nächsten liegt. Ein rostiges Ungetüm von walfischhaften Formen, ragt das große Schiff aus der Flut, auf dem am 3. Mai 1945, 2.40 Uhr, knapp vor dem Waffenstillstand, .6174 arme KZ-Insassen aus Neuengamme bombardiert wurden, Deutsche, Polen, Franzosen, Tschechen, Holländer. Nur 410 konnten sich, schwimmend oder auf Brettern sich klammernd, retten; 810 Leichen wurden seitdem an Land gespült und liegen unter einer grünen Rasenfläche inmitten, des Friedhofs von Timmendorf, dem schmucken. Badestädtchen, wo die britische Besatzungsbehörde jetzt das "Leave Centre" für ihre Erholungsbedürftigen eingerichtet hat. Auf; dem Friedhof aber wehten nebeneinander die Fahnen von Amerika, England, Sowjetrußland, Frankreich, Holland, Polen, Belgien: sie flatterten um das hochaufgerichtete christliche Kreuz eines Mahnmales, das die ehemaligen Konzentrationäre den Toten der "Cap Arcona" gerade an dem Sonntag weihten, an dem man bei dem Besuch der Bauernhöfe ringsumher keinen Braten riechen konnte, weil es dort nirgends noch einen Braten gibt.

Der Verwalter, von Mariashagen hat das Bild dieser Landschaft gern, weil, es ihn an seine ostpreußische Heimatküste erinnert. Er würde gern hierbleiben, wenn er könnte. Es fragt sich nur, ob man einem Verwalter zumuten kann, auf einem Hofe zu bleiben, von dem er annimmt, daß er, wie bisher, auch weiterhin den Besuch der Räuber zu erwarten hat. "Sie haben einen Plan", vermutet er, "sie nehmen ein Zimmer nach dem anderen dran, einen Keller nach dem anderen. Die deutsche Polizei ist machtlos. Es saßen einmal zwei Beamte auf der Lauer in der Küche, als die Banditen kamen. Sie haben nichts machen können. Sie sagen, sie brauchten einen anderen Schießbefehl..."

Einmal, als draußen in der Nacht sich ein Geräusch erhob und als die Hunde anschlugen, steckte der Besitzer des Hofes Mariashagen den Kopf zur Tür heraus. Gleich knallte es siebenmal, gleich flogen ihm sieben Pistolenkugeln, um die Ohren, Was tut ein Mann, der selber unbewaffnet ist, in solchen Fällen, wenn er vernünftig ist? Er steckt den Kopf zum Türloch wieder hinein. – Beim vorigen Male, als die Einbrecher kamen, schlief alles im Haus; nur der Verwalter kam um Mitternacht heim von einem Tanzvergnügen. Er rief von draußen, als er das Licht im Keller sah: "Hallo" und "Aufmachen" gegen die dunklen Fenster des oberen Stockwerks. Da kamen ein paar dunkle Gestalten mit Knüppeln auf ihn los; einer rief "Hände hoch!" und konnte bei diesen beiden deutschen Worten den polnischen Akzent nicht verleugnen. Natürlich lief der Verwalter, davon. Er lief querfeldein zum nächsten Telefonapparat. Als er zurückkehrte, stellte er dann fest: sie hatten den Rest des im Winter eingeschlachteten Fleisches mitgenommen, samt einem großen Koffer, den sie zum Transport benutzten, samt einem Radioapparat und samt der gestickten Decke, auf dem das Gerät gestanden. Seit diesem Besuch derRäuber ist kein Fleisch mehr im Haus. Die Tagelöhner, die zur Arbeit kommen, fragen! "Was kommt hier auf den Tisch? Immer nur Gemüse und alte Kartoffeln?" Und der Verwalter meinte, es sei so weit gekommen, daß die Bauern bald versuchen müßten, in der Stadt zu fragen, ob man dort vielleicht ein Schwein fürs Land bekommen könnte. "Im weiten Umkreis ringsherum", sagte er, "gibt es nirgendwo noch ein lebendes Schwein."

Die Vorgänge in dieser Gegend an der Bucht sind tatsächlich ein nie dagewesener Fall. In Mariashagen haben die Einbrecher erst 58, dann 46 Hühner gestohlen, und ein einziges Huhn gackert heute den Triumph des Überlebenden. Sie stahlen die Puten, die auf den Bruteiern saßen. Sie stahlen die Zuchtsauen und Schlachtschweine alle hinweg. In Sierksdorf, ganz in der Nähe, haben sie einem Gutsarbeiter, einem Deputanten, das Schwein, das Fahrrad, den Volksempfänger gestohlen. Sie klettern, wenn sie kommen in der Nacht, zuerst den Telefonmast hoch und schneiden die Leitung durch. Und es kann ihnen passieren, daß sie dabei, wie beim vergangenen Male, Patronen aus der Tasche verlieren, die dann morgens im Grase liegen. Meist brechen sie in der Nacht zum Montag ein. Meist an vier oder fünf verschiedenen Stellen. "Sie sehen", sagte der Verwalter, "wie das kolonnenweise organisiert ist. Ihre Taschenlampen sind diese großen Stablampen, die es früher nie in Deutschland gab, und die Autos, mit denen sie die Beute der Nacht wegschaffen., sind UNRRA-Wagen."