Es fällt auf, daß die umstürzenden Ereignisse im Leben der Gesellschaft von heute keine Gestaltung in der Kunst gefunden haben. Es fällt auf, daß die Antriebe des Öffentlichen Lebens offensichtlich überhaupt die Fähigkeit verloren haben, sich formal zu kristallisieren; sie erscheinen weder als ‚Stil‘, noch in einer höheren Ebene als ‚Kunst‘; sie bleiben nichts als ,Inhalt‘; sie sind im eigentlichen Sinne ‚formlos‘. Ganz offenbar werden die sozialen und die geistigen Aspekte unseres heutigen Lebens aus ganz verschiedenen Quellen gespeist. Und wenn wir den Leistungen des modernen Geistes – in Naturerkenntnis, Philosophie und Kunst – eine äußerste Achtung nicht versagen können, so entspricht dem leider eine gleich große Verachtung der Leistungen in unserem sozialen Leben. Diese eigentümliche Tatsache erzwingt die Meinung, daß unser ganzes soziales Gefüge verrückt ist und daß seine Urheber Schwarmgeister sind, während die eigentliche Würde des Menschen – die Kontinuität des Denkens, der Fortschritt des Geistes, die echten Einsichten in unser Leben und in unsere Phantasie – einzig durch die Gelehrten und die Künstler bewahrt wurden. Wenn dem aber so ist, dann müßte man mit Hilfe einer Kritik der Form den Wert einer öffentlichen Sache, ihres Inhalts also, festlegen können; das heißt: man müßte festlegen können, ob dieser Inhalt zur Schwarmgeisterei oder zu den großen Tatsachen des modernen Lebens gehört. Und da wir aus unserer modernen Erfahrung nicht mehr die Kunst als Emanation des Gesellschaftlichen verstehen können, sollten wir die Gesellschaft vom Standpunkt der Kunst, das heißt: von den obersten Werten des freien Menschen aus, kritisieren. Versuchen wir’s also!

Da ist der Klassenkampf, der voransteht unter den wichtigsten Triebkräften des modernen öffentlichen Lebens: Und da sind zwei (1947 erschienene) Bücher, beide von militanten Kommunisten geschrieben, klassenkämpferisch ausgerichtet also: Theodor Pliviers "Eine deutsche Novelle" und Elio Vittorinis "Il Sempione strizza l’occhio al Frejus". Wie wären diese Werke hinsichtlich ihrer formalen Eigenheiten zu beurteilen?

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Doch zuvor noch eine andere Frage: Hat die Klassenkampfidee überhaupt im Kunstwerk formale Eigenheiten hervorgebracht?

Die sozialkritische Literatur hat seit Victor Hugo die Tendenz, die Gesellschaft anzuklagen und das Individuum zu entlasten. Die Schuld lag immer ‚oben‘ (Dostojewkij macht natürlich eine Ausnahme; er wußte, daß man nicht die "Gesellschaft" verantwortlich machen muß, sondern den Menschen, der manchmal ein Teufel ist). Im übrigen aber war das Milieu festgelegt als das der "Erniedrigten und Beleidigten". Damit ergaben sich die Formmittel von selbst. Es waren die Kunstmittel des Naturalismus. (Denn der aufkommende Naturalismus wies ja implicite auf das Soziale hin.) So läßt sich die gesamte sozialkritische Literatur bis zum ersten Weltkrieg auf die vereinfachte Formel bringen: – Naturalismus plus Tendenz. Nach dem ersten Kriege, unter dem Einfluß von Futurismus und Expressionismus, dem Schreibstil Marinettis und der Leute vom ‚Sturm‘, schien das Klassenkämpferische in der Tat zu einem ‚Stil‘ zu drängen. Tonangebend wurden Toller und Brecht in der Literatur, George Groß und Otto Dix in der Malerei. Im Grunde aber war alles dies nur eine Variante der Fortfiel ‚Naturalismus plus Tendenz‘, in die neue Umwelt der damaligen Modernität erhoben. Die alte Einstellung von ‚unten‘ nach ‚oben‘ blieb, das ‚Oben‘ war schuld. Ums moralisch zu betrachten: – man schilderte mehr aus Haß nach ‚oben‘ als aus Liebe nach ‚unten‘, und die klassenkämpferische Literatur drückte mehr den Angriff auf den konstruierten Popanz aus als die Liebe zur Figur des Arbeitenden.

Als aber die Liebe zur Figur des Arbeitenden hervortrat, da wollte es das Unglück, daß sie als deklamatorische Heroisierung erschien. Angelegt war dies im Stil der italienischen Futuristen, in ihrer "Exaltation des aggressiven Moments im Leben". Dieser Stil trug viele Möglichkeiten in sich: er pervertierte im Faschismus bis zur ‚Mistica. fascista‘, er pervertierte jugendbewegt in den ‚Stil‘ der Artamanen und in den Kommunismus Heinrich Vogelers, er pervertierte politisch im "ehernen Schritt der roten Arbeiterbataillone aber auch im "Marschtritt der braunen Sturmkolonnen". Dieser Stil gehörte sehr bald zum Festwesen des Klassenkämpferischen, dessen sichtbarste festliche Formen Demonstration und Aufmarsch sind. In ihrem ganzen Bild aber sind sie kaum mehr als Kopien der Festformen der Armee – nur daß sie als eine besondere Variante (als ein Stilmoment der meuternden Armee, wenn man das so sagen, darf) beispielsweise den vorspringenden Unterführer zeigen, der die Fahne oder das Transparent trägt und den Elan der angreifenden Masse symbolisiert. Es war das aggressive Moment des Futurismus, das sich noch in der Krönungsgruppe des Sowjetpavillons der Pariser Weltausstellung entdecken ließ. – Übrigens: Analysiert man die Formgehalte der Symbolformen des Klassenkampfes, so stößt man immer wieder auf Varianten, Kopien, Perversionen von Stilen, die sich ursprünglich in der autonomen Luft der Kunst entwickelt haben. Und heute wird offiziell in den von den Klassenkampfideen beherrschten Ländern eine Kunst-Haltung dekretiert, die überhaupt kein Stil ist, sondern Deklamation mit großbürgerlichen Formmitteln, kein echter Naturalismus, sondern ein Talmi-Naturalismus, gesehen von der Sofaecke des arrivierten Großbürgers.

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