Nachdem bereits eine Reihe von Pseudo-Ein-IV heiten sich in Berlin unter dem Druck der verschärften Spannungen aufgelöst haben, hat nunmehr auch die größte Einheitsorganisation, die Gewerkschaft, sich gespalten. Dies geschah nicht aus Meinungsdifferenzen, wie sie früher die verschiedenen Gewerkschaftsleitungen voneinander trennten. Die jetzige Spaltung beruht vielmehr auf jenen weltpolitischen Gegensätzen, die heute alles Geschehen in Deutschland bestimmen. Ebenso wie im Weltgewerkschaftsbund seit dem Kriegsende der kommunistische Einfluß in den Vordergrund trat, so hatten auch in der Ostzone und in Berlin die Kommunisten praktisch sämtliche gewerkschaftlichenPositionen besetzt. Solange den antifaschistische Mythos der nachhitlerischen Periode wirksam war, konnte die kommunistische Diktatur vor den anderen Partnern mit dem Anspruch auftreten, die gemeinsame Sache der Gewerkschaften "unpolitisch" zu vertreten. Im Zeichen der verschärften politischen Auseinandersetzung zwischen dem Osten und dem Westen aber entwickelten sich die Gewerkschaften gerade’ in den deutschen Ostgebieten immer offener zu Werkzeugen rein kommunistischer und schließlich russischer Politik. Ein ungemein kompliziertes Wahlsystem war darauf angelegt, diese Politisierung im kommunistischen Sinne zu sichern, trotz der öffentlichen Kritik, der*/diese Taktik während der letzten Monate-wiederholt ausgesetzt war.

Die Wahlen, die sich über viele Monate hinzogen, in den Betrieben begannen, sich dann über die Berliner Bezirke bis zur sogenannten "Berliner Stadtkonferenz" hin bewegten, waren für die nichtkommunistischen Gruppen in den Gewerkschaften die letzte Gelegenheit zu einem legalen Versuch, auf demokratischem Wege die Führung in die Hand zu bekommen. Die "Unabhängige Gewerkschaftsopposition", von den SPD-Gewerkschaften geführt, aber von den ehemals christlichen Gewerkschaften Jakob Kaisers und den liberalen Gruppen unterstützt, griff in den letzten Wochen in den Wahlkampf ein und konnte trotz jenes verwickelten Wahlmodus in elf von zwanzig Berliner Bezirken klare Mehrheiten sammeln. Dieser Erfolg wurde jedoch in der Schlußwahl zur "Stadtkonferenz" unwirksam gemacht, da die bisherige Leitung des FDGB eine große Anzahl der erworbenen Oppositionsmandate mit dem formalen Einspruch für ungültig erklärte, diese Mandate seien gegen die Bestimmung errungen worden, daß die Kandidaten nicht nach ihrer parteipolitischen Herkunft bezeichnet werden dürften. Diese Bestimmung des Gewerkschaftsstatuts hat in der Tat die Berliner Gewerkschaften um die klare Entscheidung gebracht, die nach der wirklichen politischen Lage fällig gewesen wäre. In besonders pikanter Weise wurde der durch diese Bestimmung festgelegte Grundsatz von der russischen Besatzungmacht unterstützt mit der Bereitwilligkeit, einem nach ihren Absichten geleiteten Gewerkschaftsverband wirtschaftliche und soziale Hilfestellungen zu geben, die anderen Bevölkerungsschichten nicht zuteil werden. Ein wesentlicher Prozentsatz der kargen Zuteilungen an Haushaltsgegenständen, Textilien, Schuhwerk war von den Sowjets den Gewerkschaften in die Hand gegeben worden, so daß der FDGB in diesen Versorgungsangelegenheiten die zuständigen Verwaltungsstellen praktisch außer Kurs setzte. In Verbindung mit dem russischen Stachanow-Befehl, der die Betriebsleistung (nach NS-Muster) besonders prämiiert, war der FDGB damit das anerkannte Wirtschaftsinstrument nicht nun des Kommunismus, sondern auch der sowjetischen Deutschlandpolitik geworden.

Die Gewerkschaftsopposition, derenFührer jetzt der sozialdemokratische Stadtverordnetenvorsteher Otto Suhr und der ehemalige CDU-Vorsitzende Jakob Kaiser sind, hat viele Wege eingeschlagen, um die Nutznießer dieser Einheit an die Verpflichtung der Neutralität zu binden. Schließlich setzte sie eine "kommissarische Leitung" ein, die mit dem Gewerkschaftsvorstand verhandeln sollte, und bereitete ein "Gewerkschaftsbegehren" vor, das mit der Frage "Bist du mit der Leitung des FDGB einverstanden?" die organisierten Arbeiter und Angestellten zur Urabstimmung rufen soll. Darauf antwortete der FDGB mit dem Ausschluß der UGO und rettete sein System, indem er die Kritik ignorierte unddie Spaltung besiegelte.

Es ist möglich,daß dieser Berliner Vorgang auch auf das übrige Deutschland zurückwirkenwird. Auf alle Fälle wird an ihm wieder einmalklar, wie in der Praxis die Zusammenarbeit mitdem Osten trotz aller scheinbaren Zugeständnisse ausläuft. K. W.