Joseph Göbbels hat in der letzen Phase des Krieges irgendwann einmal rachsüchtig und drohend von den Zeitzündern gesprochen, die er mit der Nazidoktrin gelegt habe. Diese Drohung über das Ende des des Nationalsozialismus hinauf schien damals noch unsinniger und grotesker als die vielfältigen Prophezeiungen über die unmittelbar bevorstehenden Dinge. Heute ist man manchmal geneigt, anders zu urteilen, vor allem wenn man in Nürnberg dem Prozeß beiwohnt, mit dem das deutsche Auswärtige Amt moralisch liquidiert werden soll. Denn darüber muß man sich klar sein, es handelt sich bei dem Verfahren gegen den Staatssekretär von Weizsäcker nicht um den Prozeß gegen den Inspirator und verantwortlichen Leiter der deutschen Außenpolitik des Dritten Reiches – der hat längst stattgefunden und endete mit der Verurteilung Ribben trops –, sondern es handelt sich darum, die führenden deutschen Beamten als Schicht vor Gericht zu stellen. Und zwar nicht deshalb, weil sie selber Verbrechen begangen oder andere dazu angestiftet hätten, sondern deshalb, weil sie Kenntnis besaßen von Verbrechen, die vorgingen, ohne sie zu verhindern.

Also nicht das Tun, die verbrecherische Handlung. steht als Straftat zur Debatte, sondern der geistige Vorgang des Kenntnishabens, und die Unterlassungssünde des Nicht-so-Handelns wie der fernstehende Beobachter es erwartete. In dieser grundsätzlichen Fragestellung kommt die ganze Problematik dieser Prozeßführung zum Ausdruck; die darin liegt, daß vor dem Forum eines demokratisch denkenden und wägenden Gerichts. Beamte eines totalitären Staates stehen, dessen ganzes Wesen ja den demokratischen Voraussetzungen diametral entgegengesetzt ist. Es ist klar, daß die Funktionen und Möglichkeiten des einzelnen in einem Rechtsstaat vollkommen andere sind als im totalitären System. In einem normalen Strafverfahren gibt es zum Beweis für die Schuld des Angeklagten die sehr einfache "Feuerprobe" sich zu fragen, wie wäre der Verlauf gewesen, wenn man sich den Angeklagten aus der Handlung fortdenkt. Die deutsche Außenpolitik, das steht fest, wäre um kein Haar sinnvoller, vernünftiger Wer rechtsbewußter gewesen, wenn nicht Weizsäcker, sondern zum Beispiel der Unterstaatssekretär Gaus oder irgendein anderer unter Herrn v. Ribbentrop die Geschäfte des Staatssekretärs geführt hätte – im Gegenteil, der Ablauf der Ereignisse wäre durch das Fehlen jeglichen Widerstandes sehr viel rasanter gewesen. Auch die russische Vetopolitik in der UNO ist unabhängig davon, ob die UdSSR dort durch Gromyko oder Malik vertreten ist.

Wenn also, so könnte man sagen, der individuelle Einfluß eines Staatssekretärs im Auswärtigen Amt auf die Außenpolitik Hitlers so gering war, ja der Betreffende dadurch lediglich in die Rolle des Funktionärs geriet, warum ist er dann nicht rechtzeitig abgetreten. Warum? Diese Frage erscheint heute fast selbstverständlich, wo wir das Schicksal all derer kennen, die versucht haben, im totalen Staat Opposition zu treiben, Einfluß zu nehmen, Unheil zu verhüten: Petkow, Mikolajzek, Jan Masaryk, aber damals? Damals, so schreibt Brüning, habe er vor seiner Flucht ins Ausland eingehend mit aller Dringlichkeit den damaligen Staatssekretär v. Bülow beschworen, dafür zu sorgen, daß Weizsäcker und andere zuverlässige Leute im Amt blieben, "denn sie allein würden zusammen mit den gemäßigten Führern der Reichswehr in der Lage sein, eine aggressive Außen- und Wehrpolitik Hitlers erfolgreich zu verhindern."

Daß das Vertrauen in die Person Weizsäckers, das hierin zum Ausdruck kam, berechtigt war, das bestätigen heute ungezählte Zeugen des In- und Auslands. Viele führende Staatsmänner und Politiker der ehemaligen Feindstaaten, fast alle Botschafter und Gesandten der angegriffenen und neutralen europäischen Staaten, die damals in Berlin akkreditiert waren, bezeugen heute in Nürnberg, daß es Weizsäcker war, der immer wieder ohne Rücksichtnahme auf seine Karriere und sein Leben versucht hat, die Hitlersche Politik zu hintertreiben und den Ausbruch des Krieges zu verhindern. Ist er ein Verbrecher, weil er keinen Erfolg hatte, weil es ihm nicht gelang, den Frieden zu retten? Wäre es moralisch gerechtfertigter, wenn er, der sein Land liebte und sein Volk und den Weltfrieden, und der mehr Einsicht besaß als die Dilettanten und Vabanquespieler des Dritten Reiches, wenn er sich zurückgezogen und seine Hände in Unschuld gewaschen hätte, anstatt bis zur letzten Minute alles daranzusetzen, um die Katastrophe zu vermeiden?

Aber dann, als dieses Bemühen gescheitert war, als der Krieg ausbrach, mußte nicht der Außenstehende erwarten, daß Weizsäcker nun zurücktrat, um nicht mitschuldig zu werden? Gewiß, es wäre einfacher, weniger gefährlich und bequemer gewesen, sich ins Privatleben zurückzuziehen. Aber aus den vielen jetzt vorliegenden Aussagen geht hervor, daß alle besonnenen und verantwortungsbewußten Menschen ihn damals beschworen, auszuhalten; und wiederum andere Zeugnisse bestätigen, daß er durch sein Verbleiben vieles verhindern und abschwächen konnte: jüdische Wissenschaftler, verfolgte kirchliche Organisationen, die jüdische Gemeinde in Rom, katholische Ordensverbände, sie alle sagen heute aus, daß sie ohne den Schutz Weizsäckers jene Zeit nur schwerlich überstanden hätten. Und ebenso liegen die Aussagen derjenigen vor, die im Auswärtigen Amt und im Generalstab den Umsturz des Hitlerschen Regimes – der schließlich als einziges eine Änderung bringen konnte – Vorbereiteten, und die ohne die sie deckende Spitze in der außenpolitischen Behörde gar nicht hätten arbeiten können.

Aber da sind auf der andern Seite die Dokumente Vier Anklage, die sich zu dicken Folianten türmen. Allein gegen Weizsäcker sind etwa tausend Dokumente vorgelegt worden, aus denen hervorgeht, daß er von den Angriffsplänen Hitlers wußte, von den Maßnahmen gegen die Juden, von der Ausplünderung Europas. Immer mehr belastendes Material trägt die Anklage zusammen: Akten, Dokumente – Papiere des Dritten Reichs ohne daß bisher irgendein Zeuge produziert worden wäre, der gegen Weizsäcker ausgesagt hätte. Nichts ändert sich dadurch an der ursprünglichen Fragestellung, die für Weizsäcker lautete: Kenntnis bekommen haben und sich zurückziehen? oder gerade, weil man Kenntnis hat, bleiben, durchhalten und dagegen kämpfen? Denn Weizsäcker wußte sehr wohl, daß man den totalen Staat nicht als Pensionär oder Emigrant bekämpfen kann, sondern nur als Mitspieler. Und das hieß, daß man um des Fernzieles, um der radikalen Lösung willen in der Zwischenzeit vieles hinnehmen mußte, ja daß man sich vielleicht sogar durch Unterschriften formal mitschuldig machte.

Die Nürnberger Prozesse haben neben dem Sinn jedes Strafverfahrens die wirklich Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, einen politischen. Zweck, nämlich den, das deutsche Volk zu erziehen und ein Exempel zu statuieren. Politische Prozesse sind aber nun einmal ein gefährliches Instrument, denn was heute politisch zweckmäßig und richtig erscheint, kann morgen zum Pfahl im Fleisch des Richters werden, oder zum Göbbels’schen Zeitzünder im deutschen Volk. Mit der Plakatierung des Juristen als eines buchstabentreuen, wirklichkeitsfremden Formalisten, hat Hitler seinerzeit das Recht vom Thron gestoßen und an seine Stelle das nationalsozialistische Volksempfinden gesetzt. Dieser in Deutschland tief verwurzelte Glaube an das Recht konnte zerstört werden, weil in der Argumentation "wirklichkeitsfremd" ein Körnchen Wahrheit steckte. Und wiederum ist es dieser Begriff, der zwangsläufig dort in Nürnberg aus den verschiedenen Erfahrungen der Richter und der zu Richtenden, aus dem verschiedenen Wirklichkeitserlebnis des demokratischen und des totalitären Staatsbürgers zu einem gefährlichen Abgrund zu werden droht.