Zum dritten Male veranstaltete Radio Frankfurt am Main eine "Woche für neue Musik", in der diesmal Werke von 31 deutschen und ausländischen Komponisten zu hören waren. Nur von einigen der zehn Uraufführungen empfing man haftende Eindrücke. So von Karl Höllers fünftem Streichquartett in d-moll, das sehr fesselte durch seine Ausgewogenheit zwischen gedämpfter Empfindungstönung, verhaltener Lyrik und energischer Motorik, in mancher Hinsicht dem seinerzeit stark beachteten Cellokonzert verwandt. Hermann Reutters neuer Gesangszyklus für Baßbariton "Gestalt und Antlitz" war schon durch die Wahl der Sonette H. H. Ehrlers zu ideologisch-abstrakter Tonpathetik prädestiniert, im-Gegensatz zu der blutvolleren Eingebungsfülle, die seine früheren Liederzyklen auszeichnet, Anton Biersacks Divertimento für drei Holzbläser ruft seine famosen Bagatellen für Kammerorchester in Erinnerung, nur daß ihm diesmal die burlesk-spielerischen Sätze besser und konziser als die lyrischen geraten sind. Bruno Stürmers Sonate für Oboe und Klavier gefiel als Beispiel eines von der Romantik zu barocker Neoklassik hinstrebenden, sauberen Kammerstils, während dieser Ausgleich in Helmut Degens etwas weitschweifiger Klaviersonate trotz strukturell interessanter Momente weniger geglückt erscheint.

Das Durchschnittsmaß konventioneller Gediegenheit ist in Günther Bialas’ drei Gesängen nach Li-tai-pe für Altstimme und Flöte mit einer ansprechenden lyrischen Intimität und ohne gesuchtes Kolorit, in den Vertonungen nach Baudelaire-George von Gerhard Frommel jedoch recht dürftig erreicht. Von Schönbergs mittlerer Periode und Alban Bergs "Wozzeck" herkommend, unternahm der Münchner Karl Amadeus Hartmann mit einem symphonischen Fragment den "Versuch eines Requiems": Texte von Walt Whitman wurden teils mit lyrischer Feinspürigkeit, teils mit harter expressiver Plastik und schroff kontrastierender Dynamik reflektiert. Verglichen mit diesem kühnen Konstruktivismus hatten Hans Zehden (ein Fortnerschüler) mit seiner Musik für Streichtrio und der Dirigent Winfried Zillig mit einem Konzert für Orchester kaum mehr als ein gutgemeintes elektrisches Mosaik anzubieten.

Für die leider unterbliebenen Erstaufführungen – am betrüblichsten war der Verzicht auf Hindemiths "Sinfonia serena"! – mußte man versuchen, sich anders zu entschädigen. Das geschah bis zu einem gewissen Grade bei dem Concerto für Streicher, Klavier, Pauken und Schlagzeug des Könners Alfredo Casella und dem d-moll-Konzert für zwei Klaviere und Orchester von Francis Poulenc, der mit einem bedenkenlosen Gemisch aus Chopinscher Sensibilität, Lisztscher Bravour, angeschärften Clementifloskeln, Faure und persifliertem Salonklingklang turbulent graziös und typisch französisch "pour faire plaisir" zu musizieren verstand. Viel drastischer, so vulgär wie reißerisch-, ist die Reportage, die von Aaron Copland mit Jazz, Tango, Blues, oberbayrischem Ländler, Weanerlied und Niggersong unter der Aufschrift "El Salon Mexico" gemixt wurde. Statt im Amüsierlokal suchte William Walton den Stoff seines Tonpanoramas in der Bibel und machte aus "Belsazars Fest" mit Chor, Baßsolo und riesigem Orchesteraufgebot eine lärmend effektvolle Programmusik. Zum Glück gab es während der acht Tage aber auch die substanzvolleren Erst- und Wiederbegegnungen mit der "Symphonie Lithurgique" von Honegger, mit dem Quartett "Zum Ende der Zeit" von Messiaen, mit dem musikantisch gehaltvollen Cellokonzert von Martinu, mit Hessenbergs zweiter Symphonie, sowie Werken von Schönberg, Hindemith, Bartok, de Falla und mit so hervorragenden Interpreten wie (um nur die bedeutendsten zu nennen) dem Pianisten Carl Seemann, dem Cellisten Henri Honegger und dem Flötisten Kurt Redel.

Ein Abstecher zu den Musiktagen der Stadt Heidelberg" (geleitet von Ewald Lindemann) ermöglichte die Kenntnis von Wilhelm Gernsheims Oratorium "Der Ackermann und der Tod", das (1935 in Basel uraufgeführt) erstmals auf deutschem Boden erklang. Doch so sorgsam die Wiedergabe verlief (Prof. H. M. Poppen mit dem Bachverein), so unergiebig erwies sich die Musik des "Mysteriums", das da – recht hausbacken einherpendelnd zwischen Händel, Haydn und protestantischem Cäcilienstil – aus dem tiefgründigen spätmittelalterlichen Streitgespräch des Johannes von Saaz entstanden ist.

Fritz Bouquet