Von Paul Hühnerfeld

Was für die Bayern die "Tegernseer Bühne", für die Rheinländer das "Millowitsch-Theater" in Köln, das ist den Hamburgern (und nicht nur den Hamburgern) die Niederdeutsche Bühne – das "Richard-Ohnsorg-Theater". Zwar ist der Spielplan dort ein wenig eingeschränkt; sein Horizont reicht selten über den Hamburgischen, niemals über den niederdeutschen Raum hinaus, und die "Benrather Linie", die das "Matt" deutsche vom "Hoch" deutschen nennt, ist für die Künstler am Richard-Ohnsorg-Theater" mehr als eine Zonengrenze. Aber auf Kosten der Breite entwickelt sich dort die Tiefe und Intensität des Spiels bis zu einem so hohen Grad, daß aus dem Spiel Leben – aus dem Leben manchmal ein Spiel wird.

Man merkt es zuerst an den Zuschauern, Ja, wahrhaftig, wer zum ersten Male dort hineingeht und sich in dem kleinen, vertraut anmutenden Raum, der aus drei oder vier "guten Stuben" zusammengebaut sein, könnte, auf die dunkel gehaltenen Stühle setzt, diesem Raum mit der tiefen drückenden Decke, die von klobigen Säulen getragen wird, dem fallen die Zuschauer zuerst ins Auge. Was sie von den Besuchern der anderen Theater unterscheidet, ist weniger die Art ihrer Sprache – es ist die Erwartung, die sie unverhohlen in den Gesichtern tragen und die zu verbergen sie sich gar keine Mühe geben; es ist der Ernst, mit dem sie bei der Sache sind, wenn der dunkelrote Vorhang die Bühne frei gibt, auf der sie sich selbst wiederfinden – nicht den Menschen schlechthin, sondern einen Menschen ihrer Umgebung. Hier wird nicht das große Schicksal gespielt – Königreiche werden nicht verteilt – und wenn es im "Faust" nach ihnen ginge, so müßte er am Schluß des ersten Teils die weite Welt gegen die Ehe mit Gretchen eintauschen (wie es tatsächlich schon einmal in St. Pauli bei einer "Faust"-Aufführung verlangt wurde!) Womit Goethe vieler Arbeit enthoben worden und der Teufel seiner Bedeutung schon eher verlustig gegangen wäre.

Die gemeinsame niederdeutsche Sprache schafft die Verbindung zwischen Zuschauern und Spielern im Ohnsorg-Theater. Menschen, die sich verstehen, haben selten Anlaß zum Streit. John Locke wußte schon, was er sagte, wenn er behauptete, ein Grund alles übel? läge darin, daß die Menschen zwar dasselbe sagten, aber Verschiedenes meinten. – Das ist hier anders. Urwüchsige Sprache redet nie an den Dingen vorbei; da weiß jeder, was gemeint ist. Darin liegt vielleicht ein bisher wenig beachtetes Verdienst der Niederdeutschen Bühne überhaupt: daß sie mit der Pflege der Heimatsprache zugleich ein Theater in unsere Zeit herüber rettete, das nicht Illusion oder gar Erlösung geben will, ein Theater, dem Grenzen gezogen sind, die es vor jedem "Höhenflug" – im guten wie im bösen Sinne – bewahren. Echte Sprache ist an die Erde gebunden, und das Theater, das sie unverfälscht spricht, wohl auch.

1920 bekam das "Richard-Ohnsorg-Theater" einen festen Sitz. Vier Jahre vorher, nach dem Tode Gorch Focks, war der damalige Intendant des Thalia-Theaters auf die Idee gekommen, daß man den Dichter aus Finkenwärder einmal spielen müsse. Er lud die "Gesellschaft für dramatische Kunst", deren Vorsitzender Dr. Richard Ohnsorg war, zu einem Gastspiel in sein Theater ein, und mitten im ersten Krieg wurde wochenlang vor ausverkauftem Haus Gorch Focks "Die Königin von Honolulu" gegeben. Dieser Erfolg wurde der eigentliche Anlaß zur Gründung der "Niederdeutschen Bühne". Intendant wurde Richard Ohnsorg, der ein ganzes Leben lang der Bühne vorstand, sie über Hamburg hinaus bekannt machte und das Beispiel gab für die vielen anderen niederdeutschen Theater, die dann folgten: für Kiel und Flensburg, Oldenburg und Münster, um nur die wichtigsten zu nennen. Inzwischen sind Namen und Werke niederdeutscher Autoren weit über ihren begrenzten Hörerkreis hinaus populär geworden, genau wie Ludwig. Thoma und andere süddeutsche Dichter über Bayerns und Schwabens Grenzen. Gorch Fock wurde schon genannt. Paul Schureks "Straßenmusik" wird vielen unter dieser hochdeutschen Bezeichnung geläufig sein – nur zu oft wird vergessen, daß dieser wunderbare Schwank eigentlich "Straotenmusik" heißt und erst ins Hochdeutsche übersetzt werden mußte. Und was spielt das "Richard-Ohnsorg-Theater" heute? Nun – neben alten, bewährten Stücken gelangte vor einiger Zeit das Werk eines Zwanzigjährigen zur Aufführung: "Afmunstert"; eine beachtliche Leistung in der an Leistungen sehr armen jüngsten deutschen Dramatik, obwohl ‚nur" in Plattdeutsch geschrieben und obwohl (oder weil?) von jeder Neigung zum surrealistischen Experiment unberührt. (Denn Surrealismus wird eben immer nur hochdeutsch gespielt werden können.)

Ja, im "Richard-Ohnsorg-Theater" wird wirklich Theater gespielt. Man sollte das nicht vergessen, auch wenn man die Sprache einmal nicht ganz versteht oder glaubt, sich mit weltstädtischer Geste über scheinbar "Banales" hinwegsetzen zu müssen.