Der Wind hat sich gedreht. Bis vor kurzem war die vorherrschende Meinung, die kommende Geldneuordnung werde ernstlich doch nichts ändern. Der schwarze Markt werde bleiben, bei stark gesunkenen Preisen natürlich, so hieß es überall, und auch der graue Markt des Kompensationsgeschäfts. Allgemeine Begründung: der Mangel, besonders an Lebensmitteln und gewerblichen Verbrauchsgütern, wird fortbestehen; man wird also "auf Marken", auf Bezugscheine, Punkte und so weiter, nicht mehr kaufen können als bisher; also wird wieder schwarz gekauft oder grau kompensiert werden müssen. "Das Ganze wird ein Schlag ins Wasser sein."

Schwer zu sagen, warum diese Auffassung plötzlich ganz allgemein ins Rutschen gekommen ist. Es haben da wohl verschiedene Momente mitgewirkt. Zunächst hat sich das Kompensationsgeschäft versteift; es ist neuerdings schwieriger geworden, die jeweils gesuchte Ware im Tausch zu beschaffen. Das schwarze Geschäft, bei dem, mit. Herannahen des Stichtages, eigentlich eine Art Hausse zu erwarten wäre, geht seine besonderen Wege. So geringfügig das Mehr an Zuteilungen war: es hat die Nachfrage vermindert, das Angebot herausgelockt. Auch das Anlaufen der Lieferungen aus dem Exportbonus B macht sich geltend. Nach (deutschen) Zigaretten, nach Kaffee, Zucker. und – besonders stark – Kartoffeln geben nun sogar die Fettpreise fühlbar nach. Und die großen Männer des schwarzen Marktes, in der sehr richtigen Erkenntnis, daß der Termin der Neuordnung mit jedem Tage näherrückt, wollen auf Sicherheit gehen. Man glaubt jetzt auch, daß mit der Lockerung der Zwangsbewirtschaftung "am Tage danach" nun doch Ernst gemacht wird. Schließlich hat sich das klare und entschiedene Bekenntnis zur radikalen Lösung der Geldreform ausgewirkt, mit dem Professor Erhard hervorgetreten ist.

Die einsichtigen Leute der Praxis haben jetzt doch wohl in ihrer Mehrzahl zu der Überlegung hingefunden, daß jenes mysteriöse "Gleichgewicht zwischen Geld- und Gütermenge" sehr wohl auf zwei Wegen hergestellt werden kann. Früher meinte man, erst müsse das Angebot an Gütern aller Art kräftig angestiegen sein, entsprechend der gewählten Umtauschquote vom alten zum neuen Geld, die man natürlich möglichst hoch zu bemessen wünschte – sonst bleibe die ganze Operation sinnlos, weil ja ein neuer Kaufkraftüberhang entstehen müsse. Nun hat es sich herumgesprochen, daß auch der umgekehrte Weg beschritten werden kann, ja, daß er heute der llein ganghate ist Namel das Geldeinkommen so knapp zu bemessen, daß es der im gleichen Zeitraum verfügbaren Menge an Gütern aller Art entspricht. Dies bedeutet; daß außer einer bestimmten Rate je Kopf der Bevölkerung, die für weitere "Haushaltsangehörige" wohl noch niedriger sein wird als für den pater familias, zunächst einmal – wenn überhaupt! – nur eine ganz geringe Quote von altem Geld gegen neues im Verhältnis 1:1 umgetauscht wird. Das kann ein bestimmter Betrag oder ein bestimmter Prozentsatz vom Guthaben sein; in beiden Fällen, dürfte angerechnet werden, was bereits an Kopfquoten ausgezahlt worden ist.

Das ist der unmittelbare Vorgang der Geldreform, Ein Teil des auf den Konten blockierten Geldes, vielleicht in Höhe von 20 v. H., wird dann als Vermögenswert, wenn auch nicht als "Geld", als jederzeit verfügbares Guthaben, erhalten bleiben. Ob für den größeren Teil, der in die Konkursmasse des Dritten Reiches geworfen wird, noch eine Art Besserungsschein gegeben werden soll, darüber streiten sich offenbar die Sachverständigen noch. Auf deutscher Seite hält man zäh an diesem Besserungsschein fest, um so von der Geldreform zum Lastenausgleich überzuleiten. Die Sachverständigen der Besatzungmachte dagegen wollen, wie bekannt, Geldreform und Lastenausgleich grundsätzlich trennen und dem deutschen Volk mit dieser Verlustquote, von etwa 80 v. H. aller liquiden Mittel deutlich vor Augen führen, was Hitler und sein Krieg an Armut über uns gebracht hat.

Die allgemeine Sorge ist, wie man mit nur wenigen Mark des neuen Geldes in der Tasche über den Anfang hinwegkommen soll. Aber die Beispiele bei der Währungssanierung anderwärts zeigen, daß die Schwierigkeiten durchaus nicht unüberwindlich sind. In Holland war die Kopfquote beispielsweise nur zehn Gulden, und selbst das ist gegangen. Auch bei uns wird der Betrag knapp zu bemessen sein, aber doch ausreichend für die Deckung des dringlichsten Bedarfs bis zur nächsten Lohn-, Gehalts-, Renten- oder Unterstützungszahlung, die vielfach wohl nur eine Abschlagszahlung sein wird. Die mit Etatsmitteln wirtschaftenden Verwaltungen werden einen Überbrückungskredit erhalten, soweit die ihnen bewilligte Quote nicht ausreicht, um ihre laufenden Verpflichtungen zu erfüllen. Und für die Lohn- und Gehaltszahlungen der Betriebe aller Art wird ein Verfahren gefunden werden müssen, sei es durch Wechselkredite, sei es durch Freigaben aus ihren blockierten Konten.

Damit sollte die Differenzierung und Individualisierung bei der eigentlichen Geldentstehung aber im wesentlichen beendet sein, von einer Ausnahme abgesehen: Arbeitsunfähige und Arbeitslose betreffend. Die notwendigen sozialen Korrekturen sind dann Sache des Lastenausgleichs; hier soll, hier muß sogar individualisiert und differenziert werden. Die Geldneuordnung aber kann, als ein schnell abzuwickelnder technischer Vorgang, gar nicht einfach und schematisch genug sein. Wer hier schon den individuellen Geldbesitz differenziert behandeln will, nach Herkunft, Alter und Größe, wird ein neues bürokratisches Ungeheuer, eine Seeschlange, in die Welt setzen. Für die Differenzierung ist später, nach der Prüfung der größeren Konten auf rechtmäßigen Erwerb und auf Steuerehrlichkeit ihrer Besitzer, noch Zeit genug, wenn die Frage der Besitzer, aus der verbleibenden Quote von sagen wir 20 v. H. zu behandeln ist. Das wird erst in der zweiten Phase der Neuordnung notwendig, die sich an die erste Phase, die Ausgabe der Kopfquote und die Blockierung der Guthaben anschließt.

Der Wirtschaft wird am besten dadurch gedient, daß tatsächlich wieder ein funktionsfähiges Geld geschaffen ist, das wieder ein Kalkulieren und dadurch eine echte Produktivität ermöglicht. Darum handelt es sich, das ist die Aufgabe – und nicht die vielbesprochene "Beseitigung des Geldüberhanges" oder, wie es im Mindener Gutachten hieß, die Sicherung des Bewirtschaftungssystems. Es geht auch nicht darum, daß in der ersten Phase die großen Schwarzhändler entlarvt, enteignet oder sonstwie bestraft werden sollten. Gewiß sollen die Großschieber später in Steuerstrafverfahren angefaßt werden und, spätestens bei der Vermögenszuwachssteuer des Lastenausgleichs, die erschobenen Gewinne hergeben müssen. Aber daß nun zugleich mit dem Beginn der Währungssanierung all das soziale Unrecht aus der Welt verschwinden sollte, das die Hitlerjahre, der Krieg und die Nachkriegsfolgen heraufgebracht haben: das ist einfach zu viel in einem verlangt.