Nicht nur von deutscher Seite, auch von den Vereinigten Staaten und Großbritannien ist der sowjetischen Besatzungsmacht immer wieder, zum Vorwurf gemacht worden, daß die einseitige Entnahme von Gütern, die für den Auslandsbedarf oder, durch Export, für die Finanzierung von Einfuhren verwendet werden könnten, einen Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft unmöglich mache. Leider ist diese Auffassung auch von den Westmächten nicht immer konsequent befolgt worden. Die Kosten der Besatzung bilden nicht nur eine untragbare finanzielle Belastung deutscher öffentlicher Etats: auch Sachwerte werden entnommen, Rohstoffe und Arbeitsleistungen, die unmittelbar oder – durch Verarbeitung für den Export – mittelbar für den deutschen Wiederaufbau eingesetzt werden könnten. Bekannt sind die Entnahmen von Kohle, Holz und Schrott. Es ließen sich aber auch andere, in weiteren Kreisen noch nicht erörterte Beispiele anführen. Nehmen wir etwa die feinmechanische und optische industrie, deren Erzeugnisse, wie man weiß, hervorragende Devisenbringer sind: diese-Industrie hat seit der Kapitulation allein in der US-Zone für mehr als 50 Mill. RM an die Besatzungmacht geliefert – 150 000 Kameras, Tausende von Feldstechern, Belichtungsmessern, Reißzeugen, Uhren und Instrumenten verschiedener Art. Zur Zeit sind 20 bis 75 Prozent der Produktion der wichtigsten Kamerahersteller für den European Exchange Service beschlagnahmt. In der britischen Zone handelt es sich um geringere Mengen.

Diese Lieferungen sind mit Reichsmark bezahlt worden und sollen auch weiterhin mit Reichsmark bezahlt werden; Nehmen wir einen Reichsmarckurs von 30 Cents an, so sind 15 Mill. $ der deutschen Handelsbesitz verlorengegangen. US Military Requirements beruft sich darauf, wir hätten diese Waren doch nicht exportieren können: unsere Exportpreise seien zu hoch. Was aber steht dem Export heute vor allem im Wege? Daß die Käufer nicht mit den Erzeugnissen ihres Landes bezahlen dürfen, daß man Dollars von ihnen verlangt; die Preise aber sind von der JEIA festgesetzt worden – Anträge der Industrie, sie herabzusetzen, sind immer wieder abgelehnt worden. Können endlich wir dafür verantwortlich gemacht werden, daß einige Länder, infolge der Beschlagnahme der deutschen Warenzeichen, der Einfuhr unserer Markenartikel Schwierigkeiten bereiten? Auf diese Umstände dürfte also, nach den Grundsätzen angloamerikanischen Rechtes, gerade die Militärregierung sich nicht berufen. Sollte man nicht lieber die Konsequenz ziehen, zu zweiseitigen Warenaustauschabkommen überzugehen, die Preispolitik deutschen Fachleuten zu überlassen und die rechtlich wie wirtschaftlich nicht zu begründende Beschlagnahme der deutschen Warenzeichen aufzuheben?

Nicht nur volkswirtschaftlich, auch privatwirtschaftlich betrachtet, begegnet das jetzige Verfahren schweren Bedenken. Was sollte die Industrie dagegen haben, könnte man fragen, so liquide und prompt zahlende Großabnehmer, wie die Besatzungsmächte sind, zu beliefern? Vielleicht möchte man, an Stelle der befohlenen Kontingente, die Quoten lieber frei vereinbaren, Vor allem aber: die Ware wird von dem European Exchange Service an die Angehörigen der Truppe verschleudert. Die Spitzenkamera, die in den Vereinigten Staaten einen Laden Verkaufspreis von 448 $ erzielen soll, wird von dem Soldaten für 60 $ erworben. Ein umfangreicher Handel mit "gebrauchten" Kameras, vor allem in den angrenzenden europäischen Ländern, ist die natürliche Folge – man betrachte nur die ganzseitigen Anzeigen der second band stores in den Fachzeitschriften des Auslands. Kann man sich darüber wundern, daß dieses fortgesetzte private Dumping das Ansehen des Markenartikels erschüttert und die ausländischen Importeure und Einzelhändler verärgert? Es macht den regulären Export nahezu unmöglich.

Die wichtigsten Voraussetzungen einer Gesundung des deutschen Außenhandels wurden bereits; genannt. Es ergeben sich weiter die folgenden, Forderungen: Die Lieferungen an die Besatzungsmächte, auch rückwirkend, sollten zu regulären Exportkursen der deutschen Volkswirtschaft gutgeschrieben werden; die Hersteller sollten, auch rückwirkend, den festgelegten Devisenbonus erhalten. Die zukünftigen Lieferungen sollten in freier Vereinbarung mit den einzelnen Herstellern festgelegt werden. Der Weiterverkauf sollte von den Besatzungsmächten so vorgenommen werden, daß eine Störung des regulären Exportgeschäftes ausgeschlossen wird,

Auch auf anderen Gebieten der deutschen Wirtschaft – und das war für uns der Grund, diese Angelegenheit aufzugreifen, mögen ähnliche Verhältnisse einer Oberprüfung und grundsätzlichen Neuregelung bedürfen. Wenn wir in der Lage sein sollen, zu dem wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas beizutragen, dann heißt es, auch wenn Sonderinteressen einzelner Dienststellen entgegenstehen sollten, mit unseren geringen Kräften haushalten.