In Deutschland sind Wirtschaftstheoretiker mit Fingerspitzengefühl für die praktischen Forderungen der Stunde stets eine "Mangelware" gewesen. Ein Friedrich List blieb eine Einzelerscheinung – und nicht nur, weil sein Schicksal nicht gerade zur Nacheiferung lockte. Was würde man heute darum geben, wenn sich bei uns ein Keynes fände, nicht um uns eine Theorie der Vollbeschäftigung zu schenken, sondern um den gordischen Knoten zu zerschneiden, der sich bei dem Tauziehen zwischen den Total-Planern und den Total-Liberalisten anscheinend so hoffnungslos unentrinnbar geschlungen hat.

Dies muß vorausgeschickt werden, bevor etwas zur Bewirtschaftung "am Tage danach" gesagt werden kann. Für den unabhängigen Beobachter der deutschen Wirtschaftslage sollte es seit langem deutlich sein, daß selbstverständlich noch für längere Zeit unser Mangel an Gütern und unser Mangel an Produktionsmöglichkeiten staatliche oder fachliche Bewirtschaftung im Sinne der Planung und Lenkung erfordern. Ebenso selbstverständlich sollte es, aber sein, daß der Weg aus der Autarkie heraus nur durch das Nadelöhr der Rentabilität führt.

Wo liegt nun der Schnittpunkt, an dem sich Rentabilität und Bewirtschaftungszwang treffen? Sollte man ihn nicht dort suchen, wo der Bedarf des einzelnen noch zeitlich aufschiebbar ist, ohne daß Gesundheit und Arbeitsfähigkeit gefährdet werden? Wo andererseits das bestmögliche Gesamtergebnis durch Grundstoffkontingente und andere Rähmenplanungen gewährleistet wird? Praktisch gesprochen: unser tägliches Brot und die anderen lebensnotwendigen Nahrungsmittel Werden wegen ihrer überwältigenden Knappheit auch weiterhin nicht nur rationiert, sondern in den Preisen kontrolliert sein müssen. Nur so kann der Arbeitende das ihm zugebilligte Minimum an Ernährung auch beim Anblick seiner Lohntüte oder seines Gehaltsschecks als gesichert empfinden. Das gleiche gilt für die Mieten, für Verkehrs- und Versorgungstarife. Das gleiche eilt auch für die unentbehrliche Arbeitskleidung, für die ebenso dringliche Textilnot der Flüchtlinge und der Ausgebombten.

Doch schon bei der restlichen Textil Versorgung entsteht die Frage, ob nicht die Rationierung genügt, die Preiskontrolle dagegen bereits gegen das oberste Gebot zur Rentabilität in der Volkswirtschaft verstößt. Professor Erhard hat in Frankfurt das Betteln am Schalter um einen Bezugschein "entwürdigend" genannt. Er hat der Rückkehr zum Punkt energisch das Wort geredet, wobei er glaubt, abgesehen vom erwähnten Vorrangsbedarf, jedem Deutschen für das erste Jahr zwei Kilogramm Textilien und ein Paar Schuhe versprechen zu können.

In der autarken Kriegswirtschaft mag der Preis-, und Lohnstopp zur Verhinderung sozialer Spannungen notwendig gewesen sein. In unserer Nachkriegswirtschaft, die den Anschluß an die Weltwirtschaft finden muß, würden zu viele Preisbindungen doppelt störend wirken: Sie würden die Marktspaltung durch Lebensverlängerung des Schwarzen Marktes und eine Beeinträchtigung der Kalkulation bedeuten. Allenfalls für eine Serienproduktion von Standardqualitäten ließen sich vorübergehend offen als Subventionen gekennzeichnete Zuschüsse zur Vermeidung sozialer Härten vertreten.

Das Punktsystem für die Textilwirtschaft ist nur ein Beispiel für die heute ziemlich allgemein akzeptierte Forderung nach durchlaufenden Bezugsrechten. Diese Bezugsrechte gehen vom Endverbraucher aus und ermöglichen es jedem, an einem Produkt beteiligten Erzeuger, das hinzugegebene Material für das – vom letzten Verbraucher ausgewählte – Produkt ohne Sondergenehmigungen wieder zu beziehen. Die Bevorzugung des letzten Verbrauchers sollte nicht nur für die eigentlichen Konsumgüter gelten; auch der "Verbraucher" von Einzelteilen und überhaupt von Ersatzbedarf in der Industrie sollte diesen Vorrang genießen. Nur so ließe sich die beträchtliche Leistungsreserve erschließen, die noch in der heute vorhandenen Kapazität liegt.

Und ebenso wie die Maschinen möglichst wieder ihre Normalleistung erreichen müssen, gilt dies auch vom Menschen an der Maschine. Auch dies ist ein Weg zurück zur Rentabilität gangbar nicht ohne Planung im großen, wohl aber ohne Bewirtschaftung im einzelnen. Bringt uns die Geldreform nicht zum Rechnen zurück, hat sie eines ihrer wichtigsten Ziele verfehlt. In England hat man dies bei der dort gegebenen Fragestellung der Sozialisierung neuerdings erkannt. Für die Grundstoffindustrien sucht man nach Mitteln zur Wirtschaftlichkeit. Für die verarbeitenden Industrien hat der "News Statesman" die aus sozialistischem Munde zunächst revolutionär klingende Forderung aufgestellt: "Man sollte ihnen größtmögliche Freiheit geben – einschließlich der Freiheit zum Bankerott." Man sieht, auch eine in der praktischen Verwirklichung stehende sozialistische Wirtschaft glaubt nicht mehr an eine volkswirtschaftliche Rentabilität ohne das sicherlich manchmal sehr hart erscheinende Ventil des einzelnen privatwirtschaftlichen Konkurses.

Neben der Rentabilität bei der bevorzugten Berücksichtigung des Verbauchers bedürfen wir aus der Not des Tages heraus noch zweier weiterer Richtlinien für den Wiederaufbau und für den Anschluß an die Weltwirtschaft. Die Engpässe in fast allen Grundstoffen zwingen uns zur allergrößten Sparsamkeit bei jeder Produktionsplanung. Der Kohlenmangel vor allem macht es absolut notwendig, sich bei der Produktionsausweitung nach ihm zu richten, also die Zweige mit geringem Kohlenverbrauch für erste zu bevorzugen, die "kohleteuren" Zweige – darunter leider die Bauwirtschaft! – bis zur Steigerung der Kohlenförderung stiefmütterlich zu behanwill. Die Alternative ist nicht nur ein verlangsamtes Ansteigen der Produktionsziffern, sondern Ruch eine erneute Einschränkung der Hausbrandversorgung, die man zu leicht zu benachteiligen bereit ist, weil es; sich "nur" um Verbrauch handelt! Und schließlich der Vorrang des Exportes. Gerade weil sichauch auf der Messe in Hannover (Wieder gezeigt hat, wie schwer der Export nicht nur für Deutschland geworden ist, müssen ihm besondere Anstrengungen gelten, damit die Abhängigkeit von Geschenken und anderen Hilfen des Auslandes vermindert und später beseitigt, wird. Gn.