v Am 26. Juni 1948 werden es zwanzig Jahre sein, daß Victor Auburtin r der Klassiker des deutschen Feuilletons eins der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aus dem Leben schied. Um an seine feine Plaaderkunst zu erinnern, bringen wir ein bisher noch nicht in Buchform veröffentlichtes Femlleton von ihm, das man bald in dem Auswahlbande "Schalmei", Hans von Hugo~ Verlag, Hamburg, nachlesen kann.

VIor dem französischen Kriegsgericht wird jetzt wegen Spionage gegen einen Mann verhandelt, der österreichischer Herkunft ist, in Jassy in Rumänien geboren wurde und vorgibt, belgischer Staatsangehöriger zu sein. Man weiß nicht recht, was er eigentlich ist, und er gilt als heimatlos. In der Gerichtsverhandlung und in den Berichten wird nun merkwürdigerweise das Wort "heimatlos" immer auf Deutsch wiedergegeben, und eine Zeitung belehrt uns, daß dieses deutsche Wort "heimatlos" seit einiger Zeit als amtliche Bezeichnung in die französische GeritSts- und Polizeisprache aufgenommen worden ist. Der Vorsitzende sagt beispielsweise: "Accuse, vous netes pas beige, vous etes heimatlos Er wird es woM "ämatloh" aussprechen. Man begreift ganz gut ; wieso ein solches Wort gerade jetzt aufkommen konnte, und warum die Behörden dafür Verwendung haben. Wir leben in einer Zeit, wo jedermann nach dem Paß und nach seiner Herkunft gefragt wird, und manche Leute haben jetzt erst gemerkt, daß es mit ihren Papieren nicht recht in Ordnung ist; ja, es gibt Tausende die bei Ausbruch des Krieges entdeckten, daß sie gar nicht wissen, welches ihr Vaterland ist. So habe ich im Zuchthaus einen sehr vornehmen und gebildeten Herrh kennengelernt, der Zeit seines Lebens ge : glaubt hatte, er sei ein Holländer, und erst bei, Kriegsausbruch plötzlich belehrt wurde, daß er ein Franzose war; deshalb saß er- ja auch im Loch, weil er nämlich seiner Militärpflicht nicht schnell genug nachgekommen war. Und in der Schweiz ist es während des ganzen Krieges voll gewesen von Leuten, die nicht angeben können, ob sie Polen, Deutsche, Tschechoslowaken oder Jugoslawen sind. Meistens sind sie abwechselnd das eine nach dem ändern, je nachdem es ihnen vorteilhafter erscheint.

Aber sehr, merkwürdig ist, und ernste Leute sollten der Frage nachdenken: Warum bezeichnen die Franzosen einen Menschen, der sein Väterland verloren hat, gerade mit einem deutsehen Wort? Es muß doch auch andere Männer englischer oder italienischer Sprache geben, die in solche Verlegenheit geraten, warum werden alle diese Unklaren" mit dem wehmütigen deutschen Wort heimatlos genannt? Ich gestehe, daß ich es nicht ganz gefaßt habe, aber etwas von der Landsknechtsart des deutschen Wesens scheint dahinter zu stecken und von uraltem Vagantentum. Wenn der Engländer hinausreist, hat er seinen festen Auftrag und geht in eine sichere Stellung; der Deutsche zieht auf den Zwischendecken über die Meere, ohne Papiere, und weiß nicht, woher er kömmt und wohin er geht; und im Kriege haben dann viele dieser Verirrten ganz ihre Haltung und ihre Herkunft verloren.

So geben wir Deutsche, die von den ändern so- viele Worte übernahmen, auch einmal den FrasÄOsen ein Fremdwort. Sehr triumphierend klingt dieses Wort nicht, aber es ist lehrreich wie alle Fremdworte; es trägt die Farbe einer schweren Zeit und da Siegel unseres Unglücks. Tendenz des Buches aber ist klassenkämpferisch. Sie geht insbesondere darauf aus, das Bremer Großbürgertum und dessen Söhne für das Nazitum schuldig zu sprechen. Da ist wieder die alte Tendenz, die Schuld oben zu suchen, die Tndenz des Hasses, von der wir sprachen. Aber die Stilmittel sind die der großbürgerlichen Literatur. Lommer schwadroniert drauflos, daß es eine Thomas Mannsche Art hat. Und diese ganze Psychologie! Aber sagen wir lieber, was es braucht! Verläßliche Dinge brauchts, allgemeine Dinge, die nicht uf dem schwankenden Grund der Psychologie errichtet sind. Das Psychologisieren vereinzelt, es verallgemeinert nicht. Es ist das Individualistische fttr excellence einer literarischen Methode. Auf lies aber kommt es nicht an. Es kommt darauf h, die Dinge im scharfen Umriß ihrer allgemeinen Existenz zu sehen, nicht in der vereinzelnden Lüge der Psychologie — Wir haben nen großen Krieg hinter uns. Das millionenlache Sterben hatte etwas Legendäres. Vor diesem Fond ist die Psychologie um einen gewöhnlichen Manschen nutzlos, auch dann, wenn ihn das Schicksal einen Mensehen töten ließ. Vergessen wir loch nicht, daß Millionen Millionen getötet haben! Wir alle! Wenn unsere Nebelwerfer bei Cassino schössen, gingen drüben Fontänen von Leibern hoch; wenn die britischen Schiffsgeschütze in die Bereitstellungen bei Anzio schlugen, standen die Fontänen bei uns. Haben wir diesen Vorgang als Handlung im menschlichen Geschlecht begriffen, dann zwingt er uns, Dinge aus einer sehr großen Ferne zu sehen, von der weiten Höhe der Grabhügel unserer Brüder in der Welt. Was zu sehen? — Das Allgemeine in uns und die Beleidigung des ganzen Geschlechts Haben wir denn wirklich vor unserem Gewissen — als einer Erscheinung des einzelnen — Angst? Dazu ist doch alles, was geschah, zu riesenhaft, zu gigantisch abstrakt geschehen. Angst vor dem Tode als Folge der Schuld? Wir laben doch nicht vor dem Tode Angst! Wir haben Angst, daß wir unsere neuen Pflichten nicht finden werden, diese neuen Pflichten, die dem 1.