Während sich an der politischen Situation in Palästina trotz des sensationellen Zwischenaktes einer englisch-amerikanischen Kontroverse – deren Bedeutung mancherwärts stark überschätzt wurde – wenig geändert hat, ist die bisherige militärische Entwicklung durchaus überraschend. Fast alle Fachleute hatten angenommen die Juden würden in der ersten Phase des Kampfes dank der besser disziplinierten und besser bewaffneten Truppe rasch einen entscheielenden Vorteil gewinnen. Erst mit der Zeit, so glaubte man, würde das erdrückende Obergewicht des arabischen Raumes sich dahingehend auswirken, daß die jüdischen Streitkräfte schließlich trotz ihrer mutmaßlichen Überlegenheit wie in einer belagerten Festung allmählich zur Kampfoder, besser gesagt, Lebensunfähigkeit verdammt werden. Die letzten Wochen haben jedoch ein vollkommen anderes Bild enthüllt. Die arabische Legion ist offenbar eine erstklassig disziplinierte und durchorganisierte Truppe, und sowohl die irakischen Divisionen wie auch die ägyptische Armee, der man nachsagte, sie würde sich nur in Guerillakämpfen, aber nicht in planmäßigen militärischenOperationen bewähren, haben beachtliche Erfolge errungen.

Dies beweist vor allem eins, daß nämlich die Araber der arabischen Liga von 1945 andere sind als die politisch naiven und militärisch unzulänglichen Wüstenbewohner der vielen einander befehdenden arabischen Staaten, die wir aus den Schilderungen der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen kennen. Und ferner, daß die arabischen Staaten sehr wohl in der Lage sind, ihren politischen Forderungen und Drohungen, die man in Amerika gern als Ausdruck orientalischer Phantasiefreudigkeit auslegt, Nachdruck zu verleihen.

Man muß sich aber wohl darüber klar sein, daß der derzeitige Stand der militärischen Entwicklung als Ausgangsstellung für den Waffenstillstand, in den beide Parteien einzuwilligen bereit sind, nicht sonderlich vielversprechend ist. Die Araber sind zur Zeit in einer so starken Position, daß sie von ihrem alten Entschluß, Palästina niemals aufteilen oder zerspalten zu lassen, kaum abgehen werden. König Abdullah und König Faruk haben erneut erklärt, daß sie sich mit der Existenz eines jüdischen Staates niemals einverstanden erklären würden. Für die Juden wiederum ist dies die Basis jeder Verhandlung. Nachdem einige Großmächte den Staat Israel so bereitwillig anerkannt haben – obwohl er, was eigentlich das Kriterium jedes Staates ist: noch gar keine festen Grenzen hat –, werden die Juden mit Recht auch eine Garantie ihrer Mindestforderung erwarten und nicht nachgeben.

Immerhin ist es ein Fortschritt, daß in diesen Tagen, an Stelle einer arbeitsunfähigen Kommission, Graf Bernadette, von Haifa nach Kairo und von Beirut nach Amman fliegend, die Verhandlungen führt. Und wenn es ihm gelingen sollte, die Beteiligten auf einen Termin festzulegen, an. dem tatsächlich eine vierwöchige Waffenruhe eintritt, so wäre man zwar noch keinen Schritt weiter, aber es würde wenigstens zunächst einmal weiteres Unheil verhindert.

Dff.