Man hat die Direktoren der Zweizonenverwaltungen nach ihren Funktionen mit Ministern verglichen. Aber es sind, wie uns scheint, Minister in des Wortes ursprünglicher Bedeutung: Diener vieler Herren, in einem Labyrinth alliierter und deutscher Kompetenzen, in dem sich wohl auch der Kundige nicht leicht zurechtfinden kann. Für den Wirtschaftsdirektor mag das noch schwieriger sein als für seine Kollegen von den anderen Ressorts. Mehr noch als sie einem Heer von Direktiven unterworfen, die, in ihren Zielen fragwürdig, im Effekt die Initiative lähmen, soll er der Wirtschaft Impulse geben, die, wie er weiß, sich eher einstellen würden, wenn man weniger dirigierte. So mancher alte erfahrene Kaufmann verzichtet seit langem auf das Exportgeschäft, weil ihn schon die enervierenden Präludien in den 56 Vorzimmern von jeglicher Aktivität abschrecken. Dem Wirtschaftsdirektor ist die Chance zu solcher Resignation nicht gegeben. Die menschliche Geduld dürfte nicht leicht auf einem anderen Platz auf solche Proben gestellt werden.

Schon dieser kurze und unvollständige Hinweis auf die Vielfalt der Aufgaben und die divergierenden Fähigkeiten, die zu ihrer Bewältigung nötig sind, zeigt, daß ein Mann, der sich auf solchem Posten behauptet, kein "Theoretiker" sein kann, was Dr. Erhard von parteipolitischer Gegnern vorgeworfen wurde. Gewiß, er hat sich lange und gründlich mit der theoretischen Seite der Probleme befaßt. Schon in jungen Jahren wissenschaftlicher Assistent an dem Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigwäre an der Handelshochschule in Nürnberg, wurde er später mit der Leitung des Instituts betraut. Um die Verbindung von Wissenschaft und Praxis bemüht, versuchte er in dieser Stellung, die theoretische Erkenntnis mit der praktischen Erfahrung in einen harmonischen Ausgleich zu bringen. Er hat sich in jenen Jahren in den Kreisen der deutschen Fertigindustrie einen guten Namen gemacht. Als ihn die Nazis nicht mehr an dem Institut weiterarbeiten ließen, bot man ihm durch private-Stiftungen die Möglichkeit, seine Forschungen mit einem Kreis sachverständiger Mitarbeiter fortzusetzen. Erhard hatte damals Verbindung mit Gördeler, der sich in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen öfter seines Rates bediente und noch in seinem Vermächtnis auf Erhards Fähigkeiten hinwies.

Dieser "Theoretiker" kann – das ist nicht hinwegzudisputieren – auf anerkannte praktische Erfolge hinweisen. Im Auftrage der Amerikaner übernahm er nach dem Kriege die Reorganisation der Nürnberg-Fürther Industrie. Dann war er mehrere Monate wirtschaftlicher Berater bei der Militärregierung für Mittel- und Oberfranken. Und man hätte ihn gewiß nicht als Minister in das bayrische Wirtschaftsministerium geholt, wenn man ihn nur für einen Theoretiker gehalten hätte. An seiner Tätigkeit in dieser Stellung wurde später allerdings scharfe Kritik geübt; es wurde behauptet, daß seine Berufung zum Honorarprofessor an der staatswissenschaftlichen Fakultät der Münchner Universität seiner Begabung besser entspräche. Aber die Politiker sind sich, wie man weiß, über ihre gegenseitigen Begabungen noch viel weniger einig, als das bei anderen Berufsgruppen der Fall ist, und wir möchten daher das Gewicht einer solchen Kritik nicht überschätzen. Im Oktober 1947 wurde Dr. Erhard mit der Leitung der Sonderstelle Geld und Kredit betraut, die die deutsche Stellungnahme zu den Problemen der Währungsreform präzisiert.

Wenn seine großen programmatischen Reden vor dem Wirtschaftsrat und auf der Pressekonferenz als "akademische Vorlesungen" bezeichnet werden, so trifft der spöttelnde Vorwurf gewiß insofern zu, als die Reden nach Ziel und Format das ortsübliche Niveau bemerkenswert überschreiten: Erhards nächste wirtschaftspolitische Ziele sind bekannt: Lockerung der straffen Bewirtschaftung und Verlagerung des Schwerpunktes auf die Konsumgüterproduktion, um Arbeitsfähigkeit und -freudigkeit zu erhöhen.

Robert Strobel