Durch den Streit zwischen dem Filmregisseur Hellmuth Käutner, der augenblicklich in München seinen Film "Der Apfel ist ab" dreht, und der katholischen Kirche, die schon vor der Aufführung gegen diesen Film offiziell Stellung nahm, sind mehr noch als bisher weite Kreise auf das Problem Kirche und Film aufmerksam geworden. Die Kirche warf Käutner vor, daß dieser Film eine Blasphemierung der Schöpfungsgeschichte werde. Die Auseinandersetzungen sind inzwischen bis zur Uraufführung des Films zurückgestellt worden.

In einer norddeutschen Großstadt forderten kürzlich Plakate an den Anschlagsäulen die Jugend zu einer Aussprache über den Film "Wege im Zwielicht" auf. (Dieser neue Film der jungen Film-Union, der jetzt in Hamburg läuft, bemüht sich um die Probleme, der Jugend von heute, tummelt sich aber auf verlogenen Allgemeinplätzen und bleibt trotz guter Ansätze im seichten Fahrwasser stehen. Die Red.) Die Debatte, zu der sich eine kaum erwartete große Anzahl Jugendlicher eingefunden hatte, leitete ein junger Arzt, der sich der Sache der evangelischen Jugend besonders annimmt. Wo Jugend debattiert, werden immer die Meinungen leidenschaftlich aufeinanderplatzen. So auch hier. Das Für und Wider wurde mit jugendlichem Eifer, aber in voller Freiheit erwogen: ob es zu dulden sei, daß eine der zwar eindrucksvollsten, aber sittlich dezimierendsten Szenen des Films ausgerechnet in den Trümmern der hannoverschen Marktkirche gedreht wurde; ob es nicht von wenig Geschmack zeuge, das Tischgebet in nahezu blasphemischer Weise in den Film hineinzuziehen; ob es sich überhaupt um die Darstellung eines echten Jugendschicksals der Nachkriegszeit handle oder nicht vielmehr um eine allzu stark romantisierende Episode; und was der Meinungen, mehr waren.

Es ist in diesem Zusammenhang belanglos, welche Meinung schließlich überwog. Das Wesentliche, das Neue des Abends war, daß diese Aussprache überhaupt stattfand. Daß kirchliche Jugend in freier und offener Debatte über einen zeitnahen Film sprach und versuchte, ihn einmal mit dem Maßstab christlicher Ethik zu messen. Es war keine Aufforderung zu Auflehnung oder offener Rebellion, sondern eine freie Stellungnahme im geistigen Raum.

Die Zeit liegt noch nicht allzu fern, in der weiteste Kirchenkreise dem Spielfilm ein entschiedenes "Nein!" entgegenstellten. Aber wie die Kirche in den letzten drei Jahren in vielfacher Form das Gespräch mit der Welt gesucht hat, wofür die Evangelischen Akademien das beste Zeugnis sind, so scheint sich neuerdings auch in ihrer Haltung gegenüber dem Film und den Kräften, die ihn tragen, eine grundsätzliche Wandlung zu vollziehen. Das wurde besonders deutlich, als vor kurzem Vertreter der Kirche und des deutschen Films zu einer Filmkonferenz zusammenkamen, zu der der Evangelische Preßverband für Deutschland nach Salzdetfurth eingeladen hatte. Es geschah hier, wenn auch auf anderer Ebene, im Grunde das gleiche wie auf jenem Ausspracheabend der Jugend: eine nicht mehr wie früher von negativen, sondern von grundsätzlich positiven Vorzeichen diktierte Auseinandersetzung mit dem Film; ein "Ja!" zum Film, das jenem Ja nahe verwandt ist, das Luther einst zur jungen Buchdruckkunst bekannte: "Die Druckerei ist das höchste und letzte Geschenk, durch welches Gott die Sache des Evangeliums vorantreibet."

Nun wird niemand behaupten wollen, daß nicht auch genug dämonische Kräfte der Buchdruckkunst innewohnten und durch die Jahrhunderte hindurch sichtbar geworden wären. Nicht anders wird es immer auch beim Film sein. Und wenn die Kirche ein grundsätzliches Ja zum Film sagt, so bedeutet das natürlich keineswegs eine uneingeschränkte Zustimmung zu jedwedem Filmschaffen. Wohl aber erkennt die Kirche die Möglichkeit, in einer Zeit, in der das Visuelle einen überragenden Rang einnimmt, etwas vom Geist und Wesen der biblischen Botschaft auch durch das Filmband zu sagen.

Also den religiösen Film? Keineswegs. Keinesfalls ausschließlich! Wohl ist es denkbar, daß auch einmal ein guter religiöser Film gedreht wird. Aber der religiöse Film ist keineswegs das Anliegen der Kirche, und in jedem Fall wird ein guter profaner Film immer wertvoller sein als ein schlechter religiöser. Was die Kirche vom Film erwartet, ist vielmehr, daß auch im profanen Film mehr, als es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist, irgendwie das christliche Ethos sichtbar werden muß. Die Kirche wäre töricht, wollte sie im Film die Lebenswirklichkeit mit all–ihren Schlacken und Unzulänglichkeiten ausschließen. Wohl aber sollte es möglich sein, die Spannungen unseres Lebens auch einmal im Film unter der Perspektive des christlichen Glaubens zu erkennen und darzustellen.

Das wird natürlich nicht auf dem Weg einer Filmzensur erreicht. Sie entspricht nicht dem Wesen der Kirche. Wohl aber kann dies Ziel durch eine gute, dauerhafte, sich immer erneuernde Fühlungnahme zwischen Kirche und Film erreicht werden, aus der sich allmählich von selbst eine immer stärker werdende Selbstkontrolle des Films ergibt. Andererseits aber wird die Kirche dafür Sorge tragen, in ihren eigenen Reihen den Blick für den Film schlechthin zu schaffen und den christlichen Filmbesucher gegenüber dem Film nicht mehr wie bisher allein zu lassen.

Jürgen Bachmann