Wir hatten, dies wird unseren Lesern erinnerlich sein, Herrn Dr. Robert Kempner, früheren Beamten im Berliner Innenministerium und jetzigen stellvertretenden Hauptankläger in Nürnberg, gebeten, zu den Angriffen, die wir gegen ihn gerichtet hatten, oder zu irgendeinem Thema, das ihm sonst am Herzen läge, in unserer Zeitung das Wort zu ergreifen. Er hatte dies auch mehrmals mündlich zugesagt, sich zuletzt aber damit entschuldige, das Übermaß der Geschäfte lasse ihm keine Zeit, bei uns zu schreiben, Wir haben ihm diese Entschuldigung nachgesehen, obgleich inzwischen ein Aufsatz von ihm in der "Neuen Zeitung" erschienen ist. So wäre denn alles gut gewesen, wenn Herr Dr. Kempner nicht einem Vertreter des Berliner "Tagesspiegels" sehr häßliche Dinge über uns gesagt hätte, die dieses eifrige Blatt auch sofort veröffentlicht hat. Nun könnte man fragen, wie kommen wir dazu, Angriffe, die im "Tagesspiegel" erscheinen, zur Kenntnis, geschweige denn ernst zu nehmen? Aber es handelt sich um Herrn Dr. Kempner, und der ist allerdings ernst zu nehmen, sehr ernst, ganz gleich, auf welche Plattform er sich zu begeben beliebt.

Herr Dr. Kempner hat behauptet, daß unsere Darstellung "über die angebliche Einschüchterung des Zeugen Gaus der Wahrheit zuwiderlaufe". Tatsache ist, daß unsere Darstellung mit den Zitaten übereinstimmt, die der Rechtsanwalt Dr. Becker im Kreuzverhör vorgebracht hat. Diese Zitate wiederum entsprechen genau dem Text des stenografischen Protokolls, das während des Verhörs aufgenommen worden ist, das Herr Dr. Kempner seinerzeit mit dem Zeugen Gaus veranstaltet hat. Der Zeuge Gaus – Kempners Zeuge Gaus – hat im übrigen im Verhör durch Rechtsanwalt Dr. Becker zugegeben, daß diese Unterhaltung dem Sinne nach bestimmt stattgefunden habe, wenn er sich auch bei einigen Sätzen des genauen Wortlauts nicht mehr entrinnen könne – was bei der Länge der inzwischen verflossenen Zeit nicht weiter, verwunderlich ist. Im übrigen, um es zu wiederholen, existiert ja das stenografische Protokoll des Verhörs. So ist es uns denn einigermaßen schleierhaft, wie Herr Dr. Kempner dazu gekommen ist, zu behaupten, unsere Darstellung laufe der Wahrheit zuwider. Wir, Herr Dr. Kempner, nehmen es mit der Wahrheit sehr genau.

Herr Dr. Kempner hat weiter erklärt – wir zitieren immer noch den "Tagesspiegel" –, wir hätten es "trotz Einladung unterlassen, jemanden nach Nürnberg zu schicken, damit er sich von der Fairneß der Verfahren überzeuge". Nun, wir haben einen ständigen Vertreter in Nürnberg, Herr Dr. Kempner kennt ihn auch, er unterhält sich mit ihm, er tadelt oder lobt auch hin und wieder im Gespräch mit ihm die Artikel, die in unserer Zeitung erscheinen. Aber dieser Vertreter ist beim Gericht für eine andere Zeitung akkreditiert, für die er gleichfalls berichtet? und so spricht zwar. Herr Dr. Kempner mit ihm über uns, aber offiziell kennt er ihn offenbar nicht, und er "grüßt ihn nicht unter den Linden". Diese kleine Ungenauigkeit wollen wir als eine läßliche Sünde betrachten und Herrn Dr. Kempner verzeihen. Aber wie war es doch, wir hätten trotz Einladung niemanden nach Nürnberg geschickt? Nun, kaum hatte Herr Dr. Kempner diesen Wunsch am Telefon ausgesprochen, da fuhr Gräfin Dönhoff für uns nach Nürnberg. Sie ist auch jetzt zum Omnibus-Prozeß eh zweites Mal dort gewesen. Beide Male hat sie Herrn Dr. Kempner aufgesucht, beide Male hat er sie zum Frühstück eingeladen, das erste Mal hat er sogar ein Gala-Zeugenverhör für sie veranstaltet, Da wurde der Zeuge von Thadden aus der Haft vorgeführt, und Herr Dr. Kempner fragte ihn, ob er sich auch wohl und behaglich fühle und wie es seiner Gattin gehe, wann er sie zuletzt gesehen habe, ob er sie nicht einmal wiedersehen möchte, und dann entließ er ihn in Gnaden. Oh, wie boshaft von uns, einen so edlen Mann zu verdächtigen! Leider – vor Gericht, im Kreuzverhör, sagte der Zeuge von Thadden aus, er sei bei einer seiner ersten Vernehmungen bedroht und unter unzulässigen Druck gesetzt worden. Herr Dr. Kempner behauptet, es käme häufig vor, daß schwerbelastete Zeugen ihre Aussagen vor Gericht widerrufen. Darum handelt es sich, überhaupt nicht, es handelt sich darum, daß ein Stenogramm vorliegt, das nicht wegdisputiert werden kann. Es handelt sich ferner darum, daß Herr Dr. Kempner uns, um sich zu verteidigen, Dinge vorgeworfen hat, die mit der Wahrheit nicht übereinstimmen Herr Dr. Kempner, einer der Hauptankläger des Nürnberger Gerichtes, vor dem alle Deutschen Respekt haben sollen.

Richare Tüngel