Werden deutsche Dichter wieder im Ausland gelesen? Aus dem Briefwechsel mit amerikanischen und englischen Gelehrten (vor allem Germanisten) über die Verbreitung zeitgenössischer deutscher Literatur in ihren Ländern – die Fachwissenschaft ausgenommen – ergibt sich etwa folgendes Tatsachenbild:

In den USA, wo keine fremdsprachigen Nachbarschaften die Einheit der Kultur beeinträchtigen, ist das geistige Leben ganz amerikanisch und englisch eingestellt. Mit Ausnahme von kleinen Gebieten (Wisconsin und Städten wie Cincinatti, Milwaukee, St. Louis), wo große deutsche Siedlungen im neunzehnten Jahrhundert den Deutschen eine einflußreiche Stellung gaben – die der erste Weltkrieg schon gänzlich untergrub –, hat deutscher Einfluß nie eine große Rolle gespielt. Zeitungen und Journale bringen keine Artikel über deutsche Dichter. Natürlich besprechen die "New York Times" oder Herald Tribune" dann und wann deutsche Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt, obwohl der zweite Weltkrieg auch damit zum Teil ein Ende machte. Rilke ist in den letzten zehn Jahren en vogue und zum großen Teil übersetzt; aber die Leser sind dünn gesät. Obwohl die Gerhart-Hauptmann-Bibliographie "Fünfzig Jahre Hauptmann-Forschung in Amerika (1894 bis 1944)" von Professor Walter A. Reichert, University of Michigan, 722 Arbeiten aufweist, die Hauptmann-Forschung in Amerika auch während des zweiten Weltkrieges nicht abgebrochen wurde und weitergeführt wird, außerdem sein achtzigster Geburtstag von Universitäten gefeiert wurde, ist das Werk des Dichters im allgemeinen fast unbekannt. Als Hermann Hesse, den Nobelpreis erhielt, wußten die meisten Amerikaner, und selbst viele Kritiker, nichts von ihm. Thomas Mann ist. am bekanntesten.

Einer der führenden amerikanischen Literaturwissenschaftler schreibt: "Die zeitgenössische deutsche Dichtung ist so unbekannt, daß man von keiner ‚Stellung‘ sprechen kann. Als Erklärung – und die zwei Kriege haben natürlich viel damit zu tun, daß alles Deutsche verpönt ist –, sei erwähnt, daß in der kulturellen Entwicklung Amerikas Deutschland eigentlich keine Rolle gespielt hat. Gewiß, am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts haben Dichter wie Emerson und Longfellow die deutsche Literatur gelesen und sind davon beeinflußt worden, aber das waren nur wieder kleine Kreise. Wichtig ist, daß der ganze Ideengang Amerikas zur Zeit der Staatsgründung im Zeichen Rousseaus, Montesquieus und so weiter stand, aber keineswegs Goethes. Der französische Einfluß und die Freundschaft dieser Nation am Ende des achtzehnten Jahrhunderts wirkte maßgebend. Besonders im Osten des Landes, das doch den größten Einfluß auf kulturellen Gebieten ausübte und noch ausübt, betont man heute noch, daß der Gebildete etwas von der französischen Kunst und Literatur weiß. – Seit 1917 lehren beinahe keine amerikanischen Schulen mehr Deutsch, und an den Universitäten studieren 90 v. H. derjenigen, die überhaupt deutsche Kurse belegen, ein oder höchstens zwei Jahre Deutsch!" – "Ich würde beinahe sagen", so. schreibt ein anderer amerikanischer Gelehrter, "daß deutsche Dichtung leider nie ,gehörte Stimme’ in Amerika waren. Die großen russischen und französischen Romanschriftsteller sind besser bekannt als irgendwelche deutschen Dichter. Und das Drama? Molière ist gewiß der bekannteste fremdsprachliche Bühnendichter. Goethe und Schiller sind nicht vielen bekannt und Kleist und Hebbel überhaupt nicht."

Fast das gleiche hört man aus England. Ein sehr bekannter englischer Kritiker schrieb anläßlich einer Buchbesprechung von Thomas Manns Essays, er hätte noch nie den Namen Kleist gehört! Von modernen deutschen Schriftstellern sind in England im größeren Umfang bekannt: Thomas Mann, Kafka, Würfel, Rilke und – Ernst Jünger, dessen Buch "Auf den Marmorklippen" übersetzt wurde und eine glänzende englische Presse hat. Gerhart Hauptmann scheint außer in Fachkreisen kaum bekannt zu sein, Seit 1933 gab es keine Aufführung eines Hauptmann-Stückes.

"Überhaupt ist es überraschend", schreibt ein Professor aus London, "wie gering der Einfluß der deutschen Literatur in England ist. Das Interesse der Intellektuellen konzentriert sich auf die französische Literatur; in der man sich mit jedem kleinsten Namen beschäftigt (aber nicht mit den Dramatikern: Anouilh, Camus, Claudel sind fast unbekannt, von ihnen erfuhr ich erst in; Deutschland!) Von den Russen liebt man vor allem Tschechow und während des Krieges Tolstoj, während Dostojewskij wenig bekannt ist." Und die Erklärung? Dazu eine weitere englische Stimme: "Die literarischen Geschmacksrichtungen spiegeln natürlich getreulich die politischen Verhältnisse. Die Gegnerschaft England-Deutschland seit dem Beginn des Jahrhunderts hat ein tiefes Vorurteil gegen die deutsche Literatur geschaffen, das sehr schwer niederzubrechen ist. Außerdem ist natürlich die deutsche Geschmacksrichtung, die Vorliebe für das ,Mystische‘ und ,Irrationale‘, dem englischen Geiste denkbar entgegengesetzt. Dieser Gegensatz fällt mir immer wieder bei der Lektüre englischer und deutscher Literaturkritik auf. Das meiste der letzteren (selbst Gundolf) ist einfach unübersetzbar und würde in England einfach nicht verstanden werden. Jede ,Mystifizierung‘ und ,Idolisierung‘ der großen Persönlichkeiten ist hier eben verpönt. Das ist ein großes Thema, über das viel zu sagen wäre."

Vielleicht sind manche dieser Auslandsstimmen zu unserer Frage zu persönlich, zu sehr "aus dem Gefühl" geholt. Sie zeigen aber deutlich, wie schwer es der deutsche Dichter haben wird, im Ausland als Repräsentant eines "besseren Deutschlands" gewertet zu werden, das entscheidend zum Neuaufbau des Abendlandes beiträgt.

R. Adolph