Man möchte den drei Bändchen, die der Atlantis-Verlag, Zürich, jetzt neu herausgebracht hat (Gedanken aus griechischen Tragikern, Pascals Gedanken und Gedanken von Claudius) als Vorsprach die Sätze mitgeben, die Ewald Wasmuth in schöner Bescheidenheit seiner Pascal-Anthologie vorangestellt hat: Jede Auswahl ist schmerzliche Willkür und kann nur den Sinn haben, zu eingehender Beschäftigung zu verlocken, nicht aber den, daß man nach der Lektüre meinen darf, den Autor nunmehr zu kennen.

Freilich in einer Zeit wie dieser, da uns materielle. Not den Weg zu den Quellen versperrt, müssen wir uns, wahrscheinlich auf lange Sicht, damit begnügen, den Teil für das Ganze zu nehmen. Diese Tatsache aber belastet den Herausgeber solcher Anthologien heute mit einem besonderen Maß von Verantwortung. Tritt er doch als treuhänderischer Verwalter kostbaren geistigen Erbgutes einem geistig hungernden Volk gegenüber.

Und es soll dankbar anerkannt werden, daß sowohl Ewald Wasmuth als Richard Tüngel in ihrer Auswahl aus Pascal und Matthias Claudius mit treffsicherem Urteil für das Wesentliche und vorbildlichem künstlerischen Takt verfahren sind. Weniger glücklich erscheint die Auswahl aus den griechischen Tragikern von Emil Staiger. Indessen mag das zum Teil am Stoff liegen, da Pascals und Claudius’ Gedanken vielfach von vornherein epigrammatisch formuliert und in sich geschlossen sind, während sich Staiger vor die wohl unlösbare Aufgabe gestellt sah, einzelne Steine aus dem Gebäu griechischer Dramen herauszulösen und diese Trümmerstücke zu einer Totalschau zu ordnen. Wahrscheinlich hätte er der Sache besser gedient, wenn er seine starke Begabung als Übersetzer dazu verwandt hatte, auf gleichem Raum die Übersetzung nur eines Werks, dies aber vollständig, zu bringen.

Am Rande sei vermerkt, daß die Bändchen schon einmal während des Krieges als Tornisterschriften erschienen waren. Als solche aber waren sie zugleich Dokumente für den Mut ihrer damaligen Herausgeber und den inneren Widerstand jenes anderen Deutschlands, das, selbst mundtot gemacht, durch die Worte der edelsten Geister einer entarteten Zeit das Gericht verkünden ließ. Und so mögen die Sätze des alten Wandsbecker Boten, die Tüngel aus Claudius’ Traktat über die neue Politik (1794) auswählte, uns und unsere Regenten nicht nur im Tornister, sondern auch in der Brusttasche des zivilen Jacketts weiterhin begleiten: "Aber soll denn Liebe, Glauben und Vertrauen ewig lieben, glauben und vertrauen, damit sie ewig betrogen und mißbraucht werden, können? Das sei ferne! Betrogene Liebe ist wie Menschenblut, sie schreit aufwärts um Rache. Nein, Recht muß Recht sein und Recht bleiben ... Die Könige und Regenten sollen wissen, daß auch sie einen Herrn im Himmel haben. Der hat sie über die anderen gesetzt um der anderen willen, und daß den anderen durch ihre Hand Barmherzigkeit geschehe." Hans Holgard