"Meinungen" zu einer Ausstellung

Wie ist Ihre Meinung über die Ausstellung?" steht auf dem Umschlag eines großen Heftes, das im Ausstellungsraum der "Brücke" in Hamburg ausliegt. Ausgestellt sind Photos von Plastiken und Zeichnungen des englischen Bildhauers Henry Moore, auf den "Die Zeit" (in Nr. 8 dieses Jahres) bereits ausführlich hingewiesen hat. Jenes Heft aber enthält die Meinungen der Ausstellungsbesucher. Einige sind ehrlich um Verständnis bemüht; andere ergreifen frisch die Gelegenheit für Schmierereien. Einige Bemerkungen werden mit dem ehrlichen Namen bezeugt, die meisten bleiben anonym.

Zu den Photos aus "Shelter Sketch book" (das sind Zeichnungen aus Londoner Kriegstagen) sagt jemand (und drückt damit eine überraschende Reflexion aus): "... es sind die Geister der englischen Schlösser und ,castles‘, die in diesen Luftschutzkellern ihr Unwesen treiben." Ein anderer meint, daß die kühnen Plastiken Moores keinen Weg aus der "Sackgasse der Kunst" zeigen und fragt: "Warum sind die an sich formschönen Skulpturen nicht gänzlich abstrakt gehalten?" – "Die Ausstellung macht’ nachdenklich", ist da ferner zu lesen, "sie fordert den Beschauer heraus. Sie steht jedoch mit dem Gefühl und dem Verstände trotz der chaotischen Zeit derart im Widerspruch, daß man nichts dazu sagen kann." – Ein der Handschrift nach wahrscheinlich noch sehr junger Mann bemerkt zu den Zeichnungen des "Shelter Sketsch"-Buches: "... die ganze Angst und Fragwürdigkeit unserer Welt spricht aus dieser Kunst" und findet die Sentenz: "Schönheit ist unwesentlich, die Wahrheit fordern wir."

Die Plastiken hat der Bildhauer für die Aufstellung in den Parks geschaffen, erst hier fügen sie sich organisch ein. In einen Raum gestellt, ihrem Zugehören zur Landschaft entfremdet, löst sich der "magische" Einklang, für den sie geschaffen sind, in Unter- und Obertöne auf, wird er zur Dissonanz. – Eine Eintragung bemängelt, daß nur Photographien der Plastiken gezeigt würden, "da erst die Originale eine Betrachtung ermöglichten und die Formkomposition erkennen lassen". – Innerhalb von sechs Tagen waren 13 Seiten des Heftes mit "Meinungen" angefüllt. Das Interesse an der modernen Kunst ist größer, als man glaubte hoffen zu dürfen. No.