Seit Verkündung der Demontage-Pläne im vergangenen Herbst liegt der Wirtschaft daran, dieses Schiff aus den unruhigen Gewässern der Politik herauszusteuern, um es in den ruhigeren Fluß der Wirtschaft eingliedern zu können. Diese Bemühungen dürfen nicht deshalb aufhören, weil es sich bisher als zu schwer erwiesen hat, diese Überführung auch nur mit einem nennenswerten Teilerfolg vorzunehmen.

Worum geht es? Wendet man den Blick rückwärts, kommt man zu den beiden Anlässen der Demontage, der Verhinderung künftiger deutscher Rüstungsproduktion und der Entschädigung der Alliierten für die Einbußen an ihrem Wirtschaftsapparat. Über das erste Ziel besteht so vollständige Einigkeit, daß darüber nicht mehr diskutiert zu werden braucht. Beim zweiten Ziel darf man jedoch nicht nur rückwärts blicken, seitdem es einen Marshall-Plan gibt. Denn er erstrebt den Wiederaufbau Europas durch eigene Leistungen der beteiligten Länder und durch den Austausch der einzelnen Leistungen nach den Gesetzen wirtschaftlicher Vernunft. Für diese Aufgabestellung bietet er die Unterstützung der USA an.

Daß Demontage und Marshall-Plan ursächlich und in den Absichten zusammengehören, ist ausdrücklich in dem vom Kongreß verabschiedeten Gesetz, der Economic Cooperation Act of 1948 festgelegt worden. In Abschnitt 115 f heißt es: "Der Verwalter (also Mr. Hoffmann) soll vom Außenminister ein Abkommen! mit den betroffenen Ländern erwirken dahingehend, daß Produktionsanlagen, die für Reparationen zum Abtransport aus den drei Westzonen vorgesehen sind, dann an ihrem Standort in Deutschland bleiben sollen, wenn dadurch den Zwecken des europäischen Wiederaufbauprogramms, besten gedient ist."

Diese Anweisung an Mr. Hoffmann müßte in der Praxis bedeuten, daß entsprechende Abreden in die Einzel Vereinbarungen mit den sechzehn europäischen Nationen aufgenommen werden, die bis zum 3. Juli fertiggestellt sein sollen. Bisher ist jedoch von Vorarbeiten; in dieser Richtung nichts zu spüren. Überhaupt sind diese Einzelvereinbarungen noch sehr im Anfangsstadium; vor wenigen Tagen erst, wurden gewisse Grundsätze des von den USA vorgelegten Muster? in London bekannt und zugleich als kaum annehmbar bezeichnet. Für die Demontage in Deutschland würde es jedoch vorerst wohl genügen, wenn eine Generalklausel im Sinne der zitierten Anweisung aufgenommen und die Demontagen in allen den Fällen ausgesetzt würden, in denen die Anlage für den europäischen Wiederaufbau in Frage kommt. Dies wurde auch einer Äußerung des amerikanischen Sonderbotschafters beim Pariser Büro der I6 Marshall-Plan-Nationen, Harriman, entsprechend, der zu den Londoner Sechsmächte-Besprechungen erklärte, es bestehe zwar kein direkter Zusammenhang zwischen den Londoner Empfehlungen und dem Marshall-Plan, aber jeder wisse, daß die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas eine gewisse Belebung der deutschen Produktion erfordere, damit Deutschland Güter an andere europäische Länder liefern und gleichzeitig deren Überschußgüter abnehmen könne.

Man könnte die Anweisung an Mr. Hoffmann im Marshall-Plan-Gesetz und die Äußerung von Mr. Harriman als Garanten für einen vorwärtsgerichteten Blick bei der, Demontage bewerten, wenn nicht gerade, jetzt in London zwischen dem Chef der Deutschland Abteilung im britischen Außenministerium, Sir William Strang, und dem französischen und dem amerikanischen Botschafter Besprechungen stattfänden, "um die deutschen Reparationslieferungen an die alliierten Mächte zu beschleunigen". Es handelt sich dabei um die Bestrebungen, die Auslieferung und Zuteilung von demontierten Anlagen wieder in Gang zu bringen, nachdem diese Zuteilungen seit der Einstellung der Kontrollratsarbeit Ende März ins Stocken geraten waren. Es soll sich dabei in erster Linie um die Zuteilung von Anlagen handeln, die bereits demontiert und verpackt sind. Ein Sprecher des britischen Außenministeriums unterstrich auch, daß die Besprechungen keineswegs auf eine Erhöhung der deutschen Reparationsverpflichtungen abzielten. Aber er fügte auch hinzu, daß die Reparationslieferungen nicht nur an Westeuropa, sondern auch an die Sowjetunion bis jetzt nicht unterbrochen worden seien. Ferner wurde bei dieser Gelegenheit noch unterstrichen, daß die Reparationsfrage auf der Londoner Sechsmächtekonferenz nicht erörtert worden sei.

Aus all dem leitet sich die Befürchtung der mit Demontagefragen befaßten deutschen Kreise ab. daß teils aus politischen, teils aus technischen Gründen die Abstimmung der Demontage nach den Richtlinien von 1947 auf die neue Situation der Marshall-Hilfe von 1948 bisher nicht ernstlich in Angriff genommen. worden ist. Von den deutschen Politikern, die besonders intensiv mit der Demontage befaßt sind, erklärte kürzlich der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Professor Nölting, vor dem Landtag, daß sich in den Verhandlungszimmern noch nicht die Erkenntnis durchgesetzt habe, daß Marshall-Plan und Demontage gegensätzliche Prinzipien bedeuteten. Größte Sorge bereite das Stahlproblem. Nach den Erfahrungen der letzten Zeit (gemeint sind wohl die wachsenden Absatzschwierigkeiten für deutsche Exportgüter) sei Westdeutschland auch auf einen direkten Stahlexport angewiesen, um seine Wirtschaft ins Gleichgewicht bringen zu können. Europa brauche auch deutschen Stahl, denn es würde eine zu große Einfuhrbelastung aus Übersee für Europa bedeuten, wenn es neben Lebensmitteln und Rohstoffen auch noch Stahl beziehen müsse. (Außerdem sind bekanntlich die USA gar nicht in der Lage, die europäischen Stahlwünsche zu befriedigen. Sie haben daher die Stahlforderungen des Pariser Gutachtens von 6 Milliarden Dollar stark zusammengestrichen und dafür größere Köhlenlieferungen zugebilligt.) Professor Nölting mußte jedoch feststellen, daß die Besprechugnen alliierter und deutscher Sachverständiger zur Überprüfung der Stahlerzeugungsquote die deutschen Erwartungen nicht erfüllt hätten. Er habe den Eindruck gehabt, daß sich letzten Endes starke Sieger und ohnmächtige Besiegte gegenüberständen.

Für eine Reihe weiterer Fragen sei noch immer keine grundsätzliche Klärung gefunden, etwa für jene Betriebe, deren Produktion nicht den Beschränkungen des Industrieplans unterliege, bei denen jedoch weiterhin Demontagebeschlüsse ausgeführt werden bzw. die Ausführung bevorsteht. Auch die Frage der sogenannten Anschlußpermits sei noch offen, also die Frage des Wiederaufbaus von demontierten Anlagen, soweit sich die Produktion im Rahmen der Vorschriften des Industrieplanes halten würde. Grundsätzlich waren diese Anschlußpermits bei der Verkündung des Demontageplans bereits zugesagt worden; in der Praxis zeigen sich jedoch vielfach Hemmungen und Verzögerungen. Eine erfreuliche Ausnahme bildet übrigens die Kugellagerproduktion. Das Zweizonen-Kontrollamt hast angesichts des dringenden Bedarfs an Kugellagern die Erlaubnis zum Wiederaufbau der demontierten Anlage von Kugel-Fischer in Schweinfurt gestattet und mitgeteilt, daß für die Wiederherstellung der Fabrik die höchste Dringlichkeitsstufe anzuwenden sei.