Von Ewald Wasmuth

Die Eulen der Minerva, meinte Hegel, flögen nur in der Dämmerung; nur die Zeiten, die die Blätter im Buche der Weltgeschichte eng beschreiben, sind demnach Zeiten zu philosophischen Neubeginn. An Dämmerung fehlt es heute nicht, Und so sollte, wenn Hegel recht hat, die Epoche wenigstens zu philosophischer Besinnung, geeignet sein. Und gewiß ist auch, daß unter den Menschen das Verlangen nach einer Antwort aus dem Gebiete der Philosophie groß ist, wenigstens innerhalb des europäischen Abendlandes, denn der, Osten Europas glaubt zu besitzen, was wir suchen, er kennt eine Lehre, an der zu zweifeln Verbrechen ist, denn, so sagte schon Pascal: "wenn man die Wahrheit ... nicht kennt, ist es gut, wenn es einen verbreiteten Irrtum gibt", und vielleicht hat er auch recht, wenn er fortfährt: daß es besser wäre in einem Irrtum zu leben als in nutzloser Neugierde. Und ähnlich gesichert, wenn auch in anderer Weise, ist auch das Denken in den Vereinigten Staaten, die sich deshalb bisher dem Nihilismus der Philosophie der Existenz verschließen konnten. Im europäischen Abendland aber sind die Sicherheiten, die wir zu haben meinten, in die Dämmerung getreten und also ist zu fragen, ob der europäische Mensch zu philosophischen Besinnung und zu einer neuen, unserer Zeit dienlichen Deutung des Menschen und seiner Umwelt aufgebrochen ist oder ob nach der Zerstörung der alten Ordnungen, an der wir nicht zweifeln können, da sie uns handgreiflich vor Augen, ja zu Füßen liegt, nur eine Philosophie erwachsen ist, jener. Spenglers Vergleichbar, der den Deutschen die erste Dämmerung ihres maßlosen Traumes geschichtsphilosophisch deutete und der dabei noch einmal das Thema aufnahm, das 100 Jahre vorher Hegel großartig und einem gotischen Dome vergleichbar vom Geist her gedeutet und behandelt hatte.

Nun, es gibt zur Zeit eine philosophische Bewegung von intereuropäischer Bedeutung, eine Philosophie, die wie ein Fabelwesen vier Köpfe hat, die sehr Verschiedenes ehren und die doch gemeinsam eine Philosophie besitzen, die unserer Zeit und ihren Enttäuschungen entspricht und die dabei in ihren wichtigsten Formulierungen schon in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Deutschland entwickelt worden ist. Das ist die Philosophie von der Existenz. Ihr heute wirkungsvollster Vertreter in Europa ist Jean Paul Sartre, von dem vor kurzem François Mauriac geäußert hat; daß er die bedeutendste und ursprünglichste Erscheinung in Frankreich wäre, denn die Philosophie der Existenz wäre die Philosophie unserer Epoche, "einer verzweifelten Epoche" und in einem für diesen katholischen Autor überraschenden Enthusiasmus schloß er seine Ausführungen mit dem Satz: Wir haben sonst nichts Neuartiges von gleichem Wert neben Sartre, wir leben in einer Epoche Sartre.

Das also wäre die Antwort der Philosophie an die Zeit; eine Philosophie der Verzweiflung in einer verzweifelten Epoche, eine Philosophie, in der viele der überkommenen Werte und Geglaubtheiten und vor allem auch jene, die die Dogmatik des Marxismus bilden (weshalb denn auch der Existentialismus im Osten verhöhnt und verspottet wird), in Rauch aufgingen; eine Philosophie, für die Gott, wie schon für Nietzsche, tot ist; wo nichts, kein Wesen der Existenz voraufgeht, und also keine Bindung der Freiheit besteht außer jener eines gewünschten humanen Verhaltens unter den Menschen. Der Mensch ist – und darin schließt Sartre an die Tradition wichtiger philosophischer Lehre an – frei, frei in eben der Art, wie ihn Descartes begriff, als er im Feldlager vor Ulm, am Beginn des Dreißigjährigen Krieges mit jenem lapidaren Satz: je pense, donc je suis, die Kette seines methodischen Zweifels abbrach. Auf Descartes und seine Erkenntnis des Ich als entscheidendes Moment in der Begegnung mit der Wirklichkeit, an die hiermit gegebene Freiheit, wie sie der "soldatische" Descartes empfunden, weist Sartre zurück, vor der uns, die wir eine so teure Lehrzeit durchmachen mußten, bange wird. Es überrascht auch dieses neueste Bekenntnis Sartres zu Descartes, dessen Philosophie wie kaum eine das Denken des Abendlandes bestimmt hat; also jenes Denken, von dem wir heute meinen, daß es in die Abenddämmerung der Geschichte getreten sei. Denn von Descartes stammt der Glaube, daß die mathematische Ordnung der Dinge im Raum und der Zeit dem Vorgang identisch wäre, daß die Naturerscheinungen selbst seien, was sie sind, woraus später Spinoza den konsequenten Pantheismus entwickelt hat, den wir in der Geschichte der Philosophie kennen und der trotz allem eine der Voraussetzungen des heute noch gültigen Weltbildes bestimmt.

Unter den Ahnen jener Philosophie einer verzweifelten Epoche nennt man sonst nicht Descartes sondern Pascal. Pascal, so ist die übliche Meinung, gehört zu jenen Menschen, die um die Verzweiflung wußten; gibt es doch auch kaum einen Satz, der diese Seinslage des Menschen prägnanter beschriebe als das Fragment 206 der Pensées: "Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern". In diesen und ähnlichen Sätzen findet man ein Bild unserer Seinslage, der Offenheit gegenüber den vernichtenden Gewalten des Lebens Und der Schöpfung, wo alles, was wir beginnen, zum Scheitern verurteilt ist, und nichts Bestand hat. Doch zugleich findet man bei Pascal jenen, wie man meint, ihm von Descartes vermachten Stolz auf das Denken, und kaum irgendwo großartiger als in dem Bild von dem denkenden Schilfrohr. "Nur ein Schilfrohr, das zerbrechlichste in der Welt, ist der Mensch, aber ein Schilfrohr, das denkt." Zwar genügen ein Wassertropfen, ein Windhauch, um den Menschen zu töten, doch selbst, wenn das Weltall ihn vernichten würde, so würde dieser zerbrechliche Mensch edler als das sein, was ihn tötet, "denn er weiß, daß er stirbt, und er kennt die Übermacht des Weltalls über ihn; das Weltall aber weiß nichts davon."

Doch grade in solchen an Descartes erinnernden Sätzen klingt bei Pascal etwas anderes auf. Der Mensch ist "edler" als das, was ihn zerstört. Meint Pascal damit, daß der Mensch die Spitze der Entwicklung im Weltall bilde und daß er edler ist, weil er die Weite des Weltalls gemessen? Nein, sondern ein anderer und seitdem unbestrittener Weg in die Deutung, der Welt meldet sich hier an. Pascal denkt die Schöpfung in Ordnungen gestuft, in Ordnungen, ähnlich (doch in den Voraussetzungen geändert) jenen Stufen, wie sie von mittelalterlicher Philosophie, wie sie von Thomas wie sie von Dante geschaut und gelehrt worden sind. Die Dinge sind für Pascal nicht nur was sie sind, als was sie existieren, Sondern zugleich ahmen sie in ihrer Ordnung etwas nach, Was sie nicht selbst sind, so "ahmen die Zahlen den Raum nach" von dem sie "im Wesen verschieden sind." Jedes Bestehende verwirklicht die Ordnungsrufe, wo es mit allem, was ihm gleichen Wesens ist, besteht; und obgleich das Wesen der höheren Ordnung ist als wäre es nicht vorhanden, hört es deshalb nicht auf zu sein. Was die Wesensstufen trennt, gleicht dem Unendlichen, das auch, obgleich es unerreichbar ist, nicht aufhört zu sein, "Il ne laisse pas d’être".

Die entscheidende Stufung bildet – dabei für Pascal die Wesensdifferenz zwischen Körper und Geist. Ein unendlicher Abstand trennt beide, beide gehören verschiedenen Ordnungen an, beide sind verschiedenen Wesens. "Der unendliche Abstand zwischen Körper und Geist versinnbildlicht die unendliche Unendlichkeit des Abstandes zwischen dem Geist und der Gottesliebe, denn diese ist übernatürlich," beginnt das Fragment 793, in dem Pascal in den ersten Sätzen die ontologische Seite und dann ihre "Nachahmung" im sozialen Gefüge der Menschen entworfen, doch nicht ausgeführt hat. Der Scheidung in die Wesenstufen der Welt entspricht im sozialen Gefüge der Menschen eine Stufung in die Ordnungen der Fleischlichen, der Geistigen und der Heiligen. "Aller Glanz irdischer Größe ist stumpf für die Menschen, die im Geiste forschen. – Der Glanz der Menschen des Geistes ist unsichtbar den Königen, den Reichen, den Kriegshelden und allen, die groß sind in der Welt des Fleisches. – Die Größe der Weisheit, die nirgends ist, es sei denn in Gott, ist den fleischlichen wie den geistigen Menschen unsichtbar. Das sind drei wesenhaft verschiedene Ordnungen." Also meint Pascal, daß die Stufe, auf der wir uns existierend finden, nicht die ganze Wirklichkeit sei; diese für uns gültige Umwelt ist durch einen Akt des Herzens, des Anhängens an dem, was das Herz begehrt, was es liebt, gerufen; denn das Herz hat seine Vernunft, von der der Verstand nichts weiß, es ist das eigentliche Organ zur Verwirklichung der Umwelt, der Ordnungsstufe unserer Existenz. Das Herz verfügt, wem wir anhängen und wem wir uns verschließen, was Glanz und Größe, Wirklichkeit für uns hat und was als Ordnung und Wesensstufe für uns ist, als wäre es nichts. Derart durch ein Apriori des Herzens, ist die Welt nach Pascal in Ordnungen gestuft, und die höchste aller Ordnungen, aus der das wahre Vorbild all unseres Tuns und Handelns stammt, ist der Ordo amoris Gottes. Den aus ihm stammenden Zielen soll sich unser Wille einfügen, sie sollen wir nachahmen. Dadurch tritt in diese scheinbar in die Ordnungen zerrissene. Welt das Band, das alles Geschiedene verbindet, das Band, durch das alles Getrennte vereint ist: die Analogie und also der große Begriff das Mittelalters, die Analogia entis wieder in ihr Recht. Derart soll Gott in allen Ordnungen herrschen, alles Tun soll ihn nachahmen, ihn nachzuahmen suchen, denn in jeder Ordnung ist dem Menschen gegeben seinem Willen und nicht den Zielen des invertierten Herzens, des Ichs, zu dienen, das sich, wie Pascal sagte, zu einem falschen Mittelpunkt gemacht hat.