Von G. v. Uxküll

"If you can walk with crowds and keep your virtue..." Kipling

Am 16. Juni dieses Jahres begeht König Gustaf von Schweden seinen 90. Geburtstag. Sein Regierungsantritt vor wenig mehr als vierzig Jahren war kein dramatisches Ereignis – weder in seinem Leben noch im Bewußtsein des schwedischen Volkes. Bereits in den vorhergehende Jahren hatte er als Kronprinz das Königsamt in Vertretung des kranken Vaters verwaltet. Die klare gerade Linie, die sein Leben und Handeln damals kennzeichnete, blieb auch nach der Thronbesteigung ungebrochen. Die Kurve seiner Popularität – anfangs nicht besonders hoch – stieg langsam aber stetig bis zu ihrer heutigen, von wenigen schwedischen Monarchen übertroffenen Höhe. Ein sonderbarer Kontrast liegt in dieser Stetigkeit des Schicksals und Wirkens König Gustafs V. und den Konvulsionen und Irrungen des ihn begleitenden Zeitalters. Es steht jedem frei, darin eine Zufälligkeit zu sehen oder einen Hinweis darauf, daß in der Persönlichkeit des Königs Kräfte bewahrt sind, die aus einem in mancher Hinsicht gesunderen Zeitalter stammen.

Die allgemeine Auffassung geht dahin, daß die Beliebtheit des Königs und sein Erfolg als Monarch darauf beruhen, daß er es verstand, "mit der Zeit zu gehen", daß er, mit anderen Worten, die veralteten Vorstellungen vom Wesen des Königtums dem demokratischen Zeitgeist zum Opfer brachte. Es scheint jedoch der Überlegung wert, ob nicht das Geheimnis der Popularität und des Erfolges seiner Regierung im Gegenteil darin zu suchen sind, daß er wußte – oder fühlte – wo ein Monarch bei seinen Konzessionen an den Zeitgeist die Grenze ziehen müsse.

Die Welt kennt König Gustaf als den langen hageren Mann, mit stets freundlichem Gesicht einem Tennispartner die Hand schüttelnd oder Autogramme schreibend, sie bewundert die Gesundheit und Frische des nun Neunzigjährigen und seine durch nichts zu erschütternde Ruhe in Sturm- und Krisenzeiten. All dies sind sicher bemerkenswerte Gaben und Eigenschaften, aber mit Königtum haben sie im Grunde wenig zu tun. Man kann fast sagen, in gen Augen der Welt ist König Gustaf in erster Linie "Mr. G." und nebenbei auch König. In der demokratischen Welt von heute ist dieses "nebenbei" kein Tadel, sondern im Gegenteil eher ein Lob, von einem "modernen" Monarchen erwartet man nichts anderes. Man wünscht, daß er auch durch sein Auftreten aller Welt zu verstehen gibt, daß die Zeit der Könige eigentlich vorbei sei. Man wünscht es, oder richtiger gesagt, man glaubt es zu wünschen, denn die Erfahrung zeigt, daß ein Monarch, der tatsächlich so handelt, sehr bald an Popularität einbüßt. Begeht er den Fehler, den "Zeitgeist" allzu ernst zu nehmen und sich ebenso demokratisch zu gebärden wie der Präsident einer Republik, so verliert er mit der königlichen Würde bald auch die Zuneigung Und Achtung seines Volkes; er wird dann wirklich zum bloßen Schatten seiner selbst ohne die Imponderabilien des Königsamts und ohne die tatsächliche Macht eines Präsidenten.

Die Ansicht, die in König Gustaf den "demokratischsten aller Könige" sieht, tut ihm jedoch unrecht. Die Wurzeln seines Wesens und seines Bewußtseins reichen noch in die Zeit zurück, als Könige noch Könige waren, und heute am Abend eines langen Lebens empfindet er vielleicht bereits, daß der Geist, der in dem Königtum einen Feind des Fortschritts und des Volkes sah, sich eines Tages als nichts weiter erweisen könnte, denn eine Zeitströmung, die einmal einer andersgerichteten Platz machen wird.