Meldepflichtig sind ab sofort sämtliche Filmapparate, unbelichtetes Negativmaterial sowie Diapositive. Die Meldungen haben auf dem Rathause zu erfolgen.

Es ist dem Landeswirtschaftsamt zur Auflage gemacht worden, eine Vorschätzung der Kirschenernte einzureichen. Sie werden daher aufgefordert, eine entsprechende Schätzung vorzunehmen. Es ist klar, daß diese Schätzung zu einem so frühen Termin außerordentlich schwer ist, doch muß auf dieser bestanden werden, weil höheren Ortes darauf gedrungen wird.

Diesen "petits documents" ist nichts hinzuzufügen. Vor dem Schwarzen Brett am Rathaus sagt ohnehin als Antwort darauf eine ruhige Stimme ein Wort von Jean Paul:

Und wer im Frühling bitter ist und hart, vergeht sich wider Gott, der sichtbar ward.

Die Verordnungen am Schwarzen Brett sind an unser Dorf gerichtet, das zwischen Überlingen und Meersburg, liegt, lang hingestreckt an der großen Straße und der Bodenseegürtelbahn, eingebettet zwischen waldige Höhen und die glitzernde Fläche des Sees. Walnußbäume gaben ihm seinen Namen. Es ist ein Dorf der Stille.

Wer nurhindurchfährt, mag denken: ein Dörfchen wie jedes: andere, mit dieser Mischung, von Bauernhäusern; Landhäuschen und schmucken Villen, wie man sie an den idyllischen Ufern des Überlinger Sees allenthalben findet. 485 Einwohner hat es, doch 19 Obstbau- und bäuerliche Kleinbetriebe nur, die an die 80 Personen beschäftigen – die übrigen 400, die von den eingesessenen "Seehasen" bei weitem nicht ernährt werden können, sind "fremde Schnufer" (in Stuttgart heißen sie "Reing’schmeckte"). Und dabei heißt es "von oben", daß unser Dorf 17 691 Eier jährlich abliefern soll, dazu viele Hundert Zentner Äpfel: Boskop und Ontario, Goldparmänen und Berner Rose.

Unten am Ufer, im Schatten der Apfelbäume grast ein alter Schimmel: Weiß des Pferdefells im satten Grün – er ist einer der zwei Gäule, die dem Dorf noch blieben. Schokoladenfarben dagegengestellt ein anderer snap-shot: die beiden dreijährigen "Marokkanerle", die der Ort aufzuweisen hat: dunkeläugige half-breeds – Souvenirs des Morocains... Vor meinem Fenster aber türmt sich hinter dem weißen Konstanzer Wasserturm bei klarer Luft das gewaltige Massiv des Säntis mit seinen Firnfeldern und den Schneegraten seiner Gefährten, des Hausstocke, Tödi oder Glärnisch, die sich in langer Kette hineinziehen in die freie Schweiz. Kein Segel, kein Paddelboot auf dem See; Boote sind verboten. Außer den Fischern, von denen drei zum Ort gehören und die den Blaufelchen, Kretzern und Hechten nachstellen, bekommt allenfills ein Sportangler eine Fahrzeuggenehmigung; gesehen habe ich noch, keinen. Und noch nicht einmal haben wir Dorfbewohner Bodenseefische zugeteilt erhalten: dafür aber Stockfisch und Salzheringe, Das Leben ist auch hier kein Kuchenessen, Und daß auch die Nußbäume nicht in den Himmel wachsen, dafür ist gesorgt.