Von Hermann Linden

Der Österreicher Joseph Roth starb im Alter von nur 45 Jahren als Emigrant in Paris, seiner Wahlheimat. Außer Essaybüchern schrieb er vierzehn Romane, deren künstlerischer Rang ihn an die Seite der größten französischen Epiker stellt. Die beste, treffendste und aufschlußreichste Analyse Roths als Mensch und Dichter schrieb Heinrich Kesten vor einigen Jahren in einer Schweizer Zeitschrift.

Als ich ihn das erstemal sah, kannte ich bereits seine Bücher "Hotel Savoy", "Juden auf der Wanderschaft", "Flucht ohne Ende", "Zipper und sein Vater", "Rechts und links" und zahlreiche Feuilletons. Joseph Rotte Äußeres entsprach ganz meiner Vorstellung. Er war ein kleiner, schmaler Mensch. Auch sein Kopf war schmal, dünn behaart, edel in der Form, ein Amenophiskopf. Der Geist manifestierte sich in Augen und Mund. Roth trug keine Brille. Man sah ihm direkt ins Auge, und wer diese Augen – grau, wenn ich nicht irre – oft, lange genug und richtig ansah, dem offenbarte sich die Seele dieses ostjüdischen Romantikers, der sich so gern die Maske der Arroganz vorband. Aus diesen Augen leuchteten seine Schönheitsträume, in ihnen spiegelte sich seine witzige Heiterkeit, die mit abgründiger Melancholie wechselte; aus ihnen loderte der haßbereite Fanatismus des Aufklärers und Menschenfreundes, Stadien die Blicke des Beobachters in jedes Ziel der Wahrheit, und aus ihnen schimmerte auch jene warme Güte, die alle Tiefen des Leides, alle menschlichen Irrwege, Schwachen und Lügen kennt. Zu diesen Augen gehörte der Mund. Augen und Mund ergaben eine Einheit – die Einheit der Physiognomie. Der Mund war ein blanker Spiegel der Ironie. Das Leben hatte ihn geformt. Viele kleine Falten der Bitterkeit zeugten von der Erfahrung menschlicher Niedertracht. In der leichten Krümmung der Lippen hatten sich Verachtung und Skepsis ausgeprägt.

Roth war ein Zivilisationsnomade. Uralter Trieb des Wanderblutes jagte ihn. Seine Seßhaftigkeit währte. höchstens Wochen. Er hatte nirgendwo eine Wohnung, kein Haus, kein möbliertes Zimmer. Das Hotel war seine Wohnung. In den vier Städten, in denen er die besten Jahre seines Lebens verbrachte, wohnte er stets in denselben Hotels. Die Hotels "Nautique" (Marseille), "Foyot" (Paris), "Englischer Hof" (Frankfurt am Main) und "Hotel am Zoo" (Berlin) waren seine Oasen auf der "Flucht ohne Ende", In den kleinen Hotelzimmern, in der unpersönliche Umgebung konventioneller Hotelbehaglichkeit saß er, der Schilderer österreichischer Kaiserpracht. Hier gestaltete er die Bilder des "Hiob", des "Radetzkymarsch", Bilder von farbenbrennender Schönheit und erregender Prägnanz. Cft war der Tisch, an dem er schrieb, noch nicht einmal ein richtiger Schreibtisch. Roth brauchte nicht viel. Er schrieb jeden Tag mehrere Stunden, Romanszenen oder Feuilletons für die "Frankfurter Zeitung". Seine Handschrift war kalligraphisch schon, die Buchstaben von fast grotesker Winzigkeit. Er schrieb diese Feuilletons mit einer unheimlich anmutenden Geschwindigkeit. Die "gefeilte" Grazie der Sätze, die verblüffenden Epigramme sprangen ihm aus dem Handgelenk. Er beherrschte die Sprache, wie Rastelli die Bälle, wie Paganini die Geige..

Maske und Waffe im Umgang mit Menschen war sein Witz. Dieser Witz war immer schlagfertig, immer treffsicher, unwiderstehlich in seinem Scharm. Nicht nur die neutralen Zuhörer, sondern selbst anwesende Opfer dieses Witzes erfaßte die Heiterkeit bei den geistvoll-brillanten Gleichnissen, die Roth ohne ein Stirnrunzeln von sich gab. War Roth in größerer Gesellschaft immer witzig, so konnte man ihn aber, wenn man mit ihm allein war, von der anderen, tieferen, geheimnisvolleren Seite kennenlernen. Er war gerne zu zweit einsam. Viele Stunden habe ich mit ihm allein verbracht, am Schopenhauertisch des Englischen Hofes bei einer Flasche Burgunder, in der traulichen Enge seines Zimmers, in dem seine Utensilien zerstreut lagen, und in jener hinteren Ecke eines Nachtlokals, wo er im Flitterlicht bunter, rotierender Glaskugeln seine Kognaks und Gins trank. Roth schrieb nicht nur viel, er trank auch viel, zuviel, und die Getränke konnten nicht scharf genug sein. In diesen Stunden der gemeinsamen Einsamkeit lernte man den Menschen Joseph Roth von der österreichisch-russischen Grenze richtig kennen und den magischen Dichter völlig begreifen.

Er war ein Artist der feuilletonistischen Grazie, ein Zauberkünstler der leichten Form, ein Wortmaler poetischer Bilder, ein erbarmungsloser Fanatiker, wenn es notwendig war, die Wahrheit auszusagen. Sein geniales Sprachtalent, seine Formulierungskunst erhielten aber erst ihren tiefsten Glanz, ihre reifste Schönheit durch die morbide Melancholie, der Roth verfallen war wie dem Alkohol. Joseph Roth, der seinem Bericht "Die Flucht ohne Ende" die von ihm später hinreißend desavouierte Behauptung voraussetzte, es handele sich nicht mehr darum, zu "dichten", nur das Beobachtete sei wichtig, war mehr als nur ein Realist. Realist war er wohl nur, um zu beweisen, daß er über die Fähigkeiten verfügte, Menschen und Wirklichkeit zu beobachten, zu beurteilen und zu demaskieren. Aber neben dem Realisten, dessen scharfe Zunge oft auch Zynismus notwendig fand, blühte insgeheim und zeitweise verborgen der Romantiker, der Wundersüchtige, Strahl von Gautiers Stern, der späte Roth, der in der Emigration, im Banne der katholischen Mystik mit wundervollen Früchten überraschte, die uns der deutsche Verleger noch schuldig ist. Joseph Roth war nicht nur ein Zauberer der Sprache, deroft Flauberts Schönheit erreichte, er war nicht nur ein geistvoller, realistischer Lebensschilderer der die Erkenntnis der Wahrheit mit der Kunst der Form auf höchstem Niveau zu vereinen verstand, er war nicht nur ein Aktivist der Intelligenz, in ihm schlug auch ein großes Herz, das Ludwig Marcuse einstmals temperamentvoll feierte. Roth, der den Hotelangestellten, die ihm oft Frau, Eltern und Freunde ersetzen mußten, eine ganze, bestrickend scharmante Feuilletonreihe widmete, war immer auf der Seite der Schwachen, der Armen, der Getretenen und Verzweifelnden, der Sehnsüchtigen. Über einen entlaufenen Hund schrieb er eine spaltenlange Reportage. Dieses große, heiße, mitfühlende Herz pocht durch alle Seiten seines weiten Werkes.

Als Roth im Januar 1933 Deutschland verließ, schenkte er mir eine Armbanduhr, die er selbst getragen hatte. Im Dezember 1933 kam noch eine Karte von ihm aus dem Hotel Foyot in Paris, J. R. unterzeichnet. Zum letzten Male sah. ich die winzigen Buchstaben. Zum letzten Male erhielt ich einen Gruß von ihm. Zum letzten Male hörte ich von ihm. Dann kam das lange, grausame Schweigen. Erst 1941 erfuhr ich von Benno Reifenberg, daß Roth einige Jahre zuvor gestorben war, ich glaube, im Jahre 1939.