Die zusammenhanglosen Nachrichten, die in letzter Zeit über Revolutionen und Aufstände in Süd- und in Mittelamerika nach Europa kamen, waren nicht geeignet, die landläufige Geringschätzung über die lateinamerikanischen "Operettenregierungen" richtigzustellen und die tatsächlichen Gründe dieser Unruhen klarzumachen. Nach den Zwischenfällen während der Bogota-Konferenz gingen alarmierende Nachrichten durch die Presse über Revolten, die jedoch mehr durch das Wahlfieber zu erklären sind, in dem sich Ibero-Amerika in diesem Jahr befindet, als durch kommunistische Umsturzpläne.

Besonders deutlich wurde dies bei den Ereignissen in Paraguay. Präsident Higinio Morinigo, dessen Nachfolger bereits gewählt war, mußte unter dem Druck des Militärs, noch zehn Wochen bevor seine Amtszeit ohnehin abgelaufen wäre, zurücktreten; nach einigen Tagen Hausarrest wurde er nach Argentinien abgeschoben. Der Präsident des Obersten Gerichtshofes, Dr. Manuel Frutos, wird die Regierung bis zum 15. August leiten, an dem der kürzlich gewählte neue Staatspräsident Juan Natalicio Gonzalez sein Amt antreten soll.

General Morinigo, der "unbekannte Soldat des Chaco-Krieges", war schon kurze Zeit nach seinem Amtsantritt unbeliebt. Nach dem Tode des letzten verfassungsmäßigen Präsidenten, José Felix Estigarribia, im Jahr 1940, war der damals 33jährige Kriegs- und Innenminister zum Präsidenten ernannt worden. Der Prototyp eines Offiziers, unterdrückte er mit seiner Parole "Disziplin, Hierarchie, Ordnung", sofort jede Opposition derart, rigoros, daß er die im gleichen Jahr fälligen. Wahlen verhindern konnte. Als auch seine großartig proklamierten Sozialreformen auf sich warten ließen, war er schließlich doch gezwungen, sich 1943 verfassungsmäßig wählen zu lassen. Jedoch gingen von 100 000 Wahlberechtigten nur 30 000 zur Urne. 85 v. H. stimmten, für Morinigo, der Rest der Stimmen war "ungültig". Der Präsident wurde zum Diktator, er regierte ohne Parlament; Volk und Armee unterstanden seinem persönlichen Kommando. Dabei kam es laufend zu Revolten, die teils von der Armee, teils von der Studentenschaft, den unterdrückten Parteien oder Exilpolitikern inszeniert worden, Der Kampf gegen Morinigo erreichte seinen Höhepunkt in dem fünfmonatigen Bürgerkrieg des vorigen Jahres, den der Präsident in allerletzter Minute mit argentinischer Hilfe gewinnen konnte. Aber seine Position war nur noch schwach; ein paar demokratische Zugeständnisse stärkten lediglich die Absicht der Opposition, ihn – ganz zu beseitigen. So konnte Morinigo auch die in diesem Jahr fälligen Wahlen nicht umgehen, die ihn den Präsidentenstuhl: kosteten. Das Wahlergebnis gab der Opposition Mut, und als Armee und Parteien sehr deutliche Ultimaten stellten; mußte Morinigo noch vor Beendigung seiner "Amtszeit" abdanken.

Die lateinamerikanische Revolutionslust ist ein unfehlbares Ventil, das die Entwicklung zu Extremen irgendwelcher Form verhindert und das politische Leben nach gewisser Zeit reguliert. Man muß berücksichtigen, daß ein gewisser Hang zur Diktatur dort naturgegeben ist – nicht nur rein temperamentsmäßig, sondern auch durch Wirtschafts- und Bevölkerungsverhältnisse bedingt. Die größtenteils farbigen Volksmassen kümmern sich im allgemeinen wenig darum, ob sie von Großgrundbesitzern regiert werden oder von Generalen. Solange es anständig bezahlte Arbeit gibt, besteht kein Grund zur Revolution; und deshalb verläßt man sich lieber auf Männer als auf Parteiprogramme. Fast immer sind Militärs die Vollstrecker der Revolution. Nicht etwa, weil der Lateinamerikaner die militärische Ordnung liebt, sondem weil die Soldaten den besitzlosen farbigen Volksmassen entstammen. Man sollte deshalb in Europa nicht mit lächelnder Geringschätzung auf die "Operettenrevolutionen" blicken, sondern in ihnen eine gerechte Selbsthilfe des Volkes sehen, die, da sie in den meisten Fällen wenig blutig verläuft, die Lage wesentlich schneller und schmerzloser bereinigt, als gehässige und langwierige Parteipolemik.

Hans-Joachim Netzer