Von Karl Krolow

Sind sie nicht alt wie die Menschheit? Laufen nicht ihre schmalen Bänder seit unausdenkbaren Zeiten über die Erde, treffen sich, winden sich wunderlich zu geheimnisvollen Zeichen, lassen magische Spuren und trennen sich voneinander, um tief einsam zu sein?

Völker brachen auf, Ihre Wanderwege gruben sich ins irdische Antlitz, blieben erhalten und zogen unaufhörlich andere nach. Späher schlugen sich durch Busche. Hirten suchten erfrischende Tränken. Wo immer sie gingen, blieb etwas von ihnen, wuchsen Wege, langsam, unmerklich fast, aber unaufhaltsam. Karawanen lärmten, reisiges Volk wälzte sich entlang. Heerbanne hüllten sich in Staub, aus dem feurige Adler leuchteten, Waffen und Gerät klirrten, Blut floß. Zeugung und Tod, wilder Schmerz und heißes Gebet, glückhaftes und schlimmes Geschehen ereigneten sich nun.

Die Straßen sahen die Geschichte der Kontinente, liefen durch Rom und durch Byzanz, nahmen Kaiser und Bettler auf, Christen und Mohren fochten auf ihnen, Schnappsäcke lagen im Hinterhalt, und geduldige Mönche knieten in ihrem Sand. Immer wieder ging groß über ihnen die Sonne auf und hing die bleiche Mondsichel ihnen zu Häupten, drehten sich Sirius und Saturn und brannte der rötliche Mars. Regen beleckte sie. Wind trieb über sie hinweg. Gewitter rissen sie auf und bebender Boden. Gleichmütig nahmen sie Tag und Nacht wahr, tropische Mittage und die feinen, eisigen Kristalle des Winters, stechend schlug Hagel auf sie ein oder fiel in der Dämmerung mildes Naß aus dem Junihimmel. Geschick und Mißgeschick nahmen sie hin, Festzüge und verwegene Fluchten, Steinigungen und Erhöhungen. Die Sänfte des feisten Genießers schaukelte über sie hin, und der Fuß. des verlorenen Sohnes stieß sich wund an den Steinen, die in ihnen staken. Windbeutel und Kuttenträger, Trotzige und Zweiflerische, Hoffärtige und Demütige begingen sie endlosen Zuges. Religionen breiteten sie aus. Weltreiche stürzten über ihnen zusammen.

Sie aber dauerten. Sie hielten das Schwindende auf durch ihr bloßes Dasein. Ihre Ränder beblühten Blumen, beschatteten Platane und Pappel. Ihre (Steine schliffen sich glatt. Ihre Wunden besamte Unkraut. Flüsse bogen sich zu ihnen hin. Weiher brüteten an ihnen mit Schilf und Froschgesang. Felder und Einöden lagen gebreitet. Hütten und Herbergen verfielen, Schlösser sanken zu Ruinen, Lehm verbrannte, und Schiefer ward zerschlagen. Nur sie blieben unsterblich. Lebten in stiller, hartnäckiger Verwandlung.

Kamen nicht eines Tages Teer und Asphalt über sie? Wurden sie nicht gewalzt und begradigt, bestreut und gespritzt? Roch es nicht beängstigend nach neuer Zeit, geschah nicht unablässig Unerhörtes? Die Diligencen und Viktorias, die buttervogelgelben Postkutschen, Landauer und Fiaker blieben aus. Die Knotenstöcke der wandernden Gesellen schwangen nicht mehr durch die Luft. Die Musikanten und kleinen Schauspieler verliefen sich, die Galgenvögel und närrischen Streuner, die Nichtsnutze und ewigen Landfahrer. Sie drückten sich zur Seite und gingen ein für allemal verloren. –

An den Straßen sausten die Drähte, rauschten Überlandleitungen. Katzenhaft glitten Kabriolette, und Limousinen heulten. Schwere Motoren fraßen sich vorwärts, tierhaft glotzten Scheinwerfer, und die Ketten der ersten Tanks knisterten. Geräusche von eigentümlich schöner Nüchternheit bildeten sich im Ohr. Vorgänge von harter Unentwegtheit vollzogen sich. Großartig und schrecklich erschien auf ihnen der eiserne Kriegsgott, warf rasselndes Fahrzeug auf sie, Geräte von wildem Gehorsam.