Seit Jahren sind die Öffentlichkeit Und die I. G. Farben-Aktionäre im unklaren über den Stand des auf Grund des Kontrollratsgesetzes Nr. 9 beschlagnahmten Konzerns und über die Entflechtungspläne. Obwohl nach diesem Gesetz eine einheitliche Regelung vorgesehen ist, wurden die Werke in den einzelnen Zonen ganz: unterschiedlich behandelt. In der russischen Zone entstanden aus einem großen Teil der früheren I. G.-Werke Sowjet-Aktiengesellschaften, andere gingen an die Länderregierungen über, wieder andere wurden demontiert. In den Westzonen ist ein Teil ebenfalls der Demontage zum Opfer gefallen; die übrigen Betriebe sind aus dem Konzern gelöst und führen, noch in Werksgruppen zusammengefaßt, unter treuhänderischer Verwaltung, ein Eigendasein.

Eine vor einiger Zeit in der amerikanischen Zeitschrift "Chemical Engineering 81 erschienene Darstellung über das bisherige Schicksal des Konzerns und über Pläne zu dessen Aufspaltung hat die deutschen Aktionäre besonders beunruhigt, was verständlich ist, wenn der anglo-amerikanische Entflechtungsvorschlag in der mitgeteiltes Form wirklich besteht und in die Praxis umgesetzt werden sollte. Der Plan sieht den Verkauf der I. G.-Werke nach der Währungsreform vor und verbindet damit eine ungerechtfertigte Benachteiligung der deutschen Aktionäre. Die Anteile der neuzugründenden Einzelunternehmungen sollen an Deutsche und Ausländer zu bestimmten Preisen verkauft werden. Den ausländischen Aktionären der I. G.-Farbenindustrie will man entsprechend ihrer bisherigen Beteiligung einen Umtausch der alten Aktien in Anteile der neuen Gesellschaften einräumen. Die deutschen Aktionäre jedoch erhalten diese Vergünstigung nicht, sondern werden auf eine Entschädigung verwiesen, die aus dem Verkauf noch übrigbleibt, wenn die Gläubiger befriedigt und die Verwaltungskosten abgedeckt sind.

Warum soll mit der Entflechtung ein Verkauf verbunden werden? Wenn eine Verselbständigung der einzelnen Werke durchgeführt werden soll, ist sie auch ohne Veräußerung zu erreichen. Man kann die neuen Gesellschaften auf Grund der verbliebenen Werke und der inneren Reserven des Konzerns anteilig mit dem entsprechenden Aktienkapital ausstatten und den Aktionären den Umtausch ihrer I. G.-Aktien in solche der neuen Gesellschaften gewähren. Der Einwand, durch den Verkauf neue Mittel hereinzubekommen, ist nicht stichhaltig. Nach der Währungsreform wird das Kapital in Deutschland sehr knapp sein; es besteht die Gefahr, daß die I. G.-Werke bei einem Verkauf zu billigen Preisen in ausländische Hände übergehen.

Ebenso wichtig ist die zweite Frage: Warum will man die deutschen Aktionäre schlechter als die ausländischen behandeln? Spricht hier wieder der Gedanke mit, daß jene Aktionäre für ihre

"Kollektivschuld" bestraft werden sollen? Das wäre abwegig. Denn wer sind die deutschen Farben-Aktionäre? Die Auffassung, daß es sich um einige ,,belastete" Großkapitalisten oder dergleichen handelt, ist irrig. Eine im Jahre 1946 vom privaten Bankgewerbe unternommene Untersuchung über den Besitz und die Verteilung der I. G.-Aktien ergab, daß von dem geprüften großen Teil des 1,3 Milliarden betragenden Aktienkapitals im Durchschnitt kaum 10 000 RM auf den einzelnen Aktionär entfallen. Man nimmt auf Grund der Nachprüfung an, daß die Zahl der Farben-Aktionäre eher über als unter 300 000 liegt.

Ein großer Teil der Aktionäre sind dabei Arbeiter und Angestellte des Unternehmens, die vielfach schon in der dritten Generation beschäftigt sind und durch ihre Käufe von I. G.-Aktien ihre Verbundenheit mit dem Unternehmen zum Ausdruck brachten. Die Farben-Aktie war immer ein erstklassiger Standardwert, ein beliebtes Anlage- und kein Spekulationspapier; viele mittlere und kleine Sparer kauften Farben-Aktien zu Anlagezwecken, weil sie Vertrauen zu der auch international angesehenen Gesellschaft hatten, übrigens ebenso wie die vielen Ausländer, die einen Teil ihres Geldes in diesem Papier anlegten. Beide Kategorien von Aktionären hatten keinen Einfluß auf die Geschäftsführung, wie jeder weiß, der die Verhältnisse einigermaßen übersieht. So liegt auch kein Grund vor, nunmehr diese Aktionäre verschieden Zu behandeln und die deutschen Aktionäre zu benachteiligen.

Wenn der Konzern entflochten werden soll, dann mache man die einzelnen Werke, ohne enge organische Zusammenhänge zu zerreißen, selbständig und tausche die alten I. G.-Aktien in solche der neuen Gesellschaften entsprechend den erhaltenen Werten ohne Diskriminierung der deutschen Aktionäre um, damit der Grundsatz von Treu und Glauben gewahrt wird. Denn die deutsche Wirtschaft braucht bei ihrer schweren Aufbauarbeit – nicht zuletzt im Sinne des Marshall-Planes – nicht nur den Kredit des Auslandes, sondern vor allem auch das Vertrauen der deutschen Sparer. J. Sch.