Unsre Zeit, die fortwährend glauben machen möchte, sie glaube nicht, auch nicht an den Teufel, hat gleichwohl die ausgesprochene Neigung, sich Teuflisches vor Augen zu stellen. Ist ihr Spielen mit Engeln und Teufeln nur die Souveränität der Unbeteiligtheit? Wahr ist, dem Nichtglaubenden ist alles bloß ein Wort. Er mag es glanzvoll und pikant, aber er kann es natürlich immer nur uneigentlich gebrauchen. Aber was hilft alles Herausdrehen? Diese Zeit, hat zuviel des Teuflischen erlebt. Das ist dem Spiel nun doch brennend eingeschrieben. Nichtglauben wird da zur Attitüde, es ist die "Gschamigkeit" von vorgestern. Aber dieser Immernoch-Aufgeklärte, was glaubt er denn wirklich?

Schon vor Jahren (es fielen noch Bomben), als Carl Orffs "Carmina burana" in München berückend in Szene gesetzt wurden, wäre diesem (der launigen Fortuna zugesungenen und vorgetanzten) Oratorium der Sinnenfreude ein Name nicht ungemäß gewesen: "Teufelsmesse"; davon hatte es was. Jetzt im Münchner Prinzregententheater bei Werner Egks Faustballett "Abraxas" bildet sie regelrecht den pantomimischen Höhepunkt eines an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassenden orgiastischen Pandämoniums. Doch im Grunde sind ja alle fünf Bilder nur Variationen über das gleiche Thema.

Wer sich das Vergnügen macht, Heines Balletentwurf "Der Doktor Faust" Ein Tanzpoem (genau hundertundein Jahre alt) nachzulesen, findet dort die Grundlage, für Egks Neugestaltung. Heines choreographische Anweisungen zeigen oft einen andern Weg, und gerade de burlesk-überraschenden oder komischen Zwischenspiele fallen bei Egk fort. Aber der Verlauf folgt im Ganzen der Vorlage. Wie schon, im Volksbuch ist auch bei Heine eine Mephistophela die Verführerin Fausts; und von ihm wieder hat Egk übernommen, daß sie,– als Ballettänzerin (Bellastriga) auftritt. Diese, damit er der Hölle seine Seele verkaufe, zeigt ihm die Teufelsbuhle (Archisposa), und der leidenschaftlich für sie entbrennende greise Magier wird von ihrem bloßen Anblick das, wofür Goethe eine ganze Hexenküche benötigte: ein feurig-schöner Jüngling. Am steif-zeremoniösen spanischen Königshof findet und erkennt er jene Erzbuhlerin in der Königin wieder, und hier nun hat Egks Ballett szenisch-mimisch einen Faszinationspunkt: während Hof und König lange wie gebannt und zuletzt empört auf die Geisterbühne hinaufstarren, die ihnen Faust vor Augen gezaubert, begibt sich in ihrem Rücken zwischen Faust und Archisposa das gleiche wie droben: die Pantomime der leidenschaftlichsten Werbung, an deren Ende die beiden fliehen müssen.

Doch schon die nächste Szene, in der Satans Hofstaat (im Frack) höllische Walpurgisnacht feiert, scheint den Umschwung bringen zu sollen. Angeekelt von so viel Laster und schmachvoller Adoration des Bösen flieht Faust von Archiposa zu – Helena, wo wir ihm in antikisch klardurchformter Welt betreffen, bis Bellastriga und Archisposa bachantisch einbrechen und die Trugbilder schönen Lebens in lemurische Todeslarven verwandeln. Wieder muß Faust von dannen. Nun trifft er auf Archisposas äußersten Gegensatz: die Unschuldvolle Margarete. Aber dieses menschlichste Begegnen bringt zugleich den Untergang. Denn als Faust den Störungsversuch der Mephistophela mit dem Zerreißen des Paktes beantwortet, verwandelt er sich nichtsahnend wieder in den alten Faust, wird von Margarete nicht als ihr junger Liebster erkannt, und das Liebeszeichen, das der Alte vorweist, scheint den schmählichsten Verrat zu beweisen; so bricht sie zusammen. Das mittelalterliche Volksfest vor dem Dom nimmt hexenhaft-höllische Züge an; Faust und Margarete werden von der Menge zerstampft und auf einem Teppich vor den Thron des Satans geschleift, der ihrer Seelen Herr geworden.

Zu diesem Vorgang hat Werner Egk eine Musik geschrieben, die sich zwar sehr wohl imstande zeigt, das Höllische auf mancherlei Art auszudrücken, wobei selbstredend die hartnäckige Wiederholung als eines der mächtigsten Kunstmittel hervortritt, doch ohne daß die gesamte Komposition etwa auf das Maschinentaktmäßige, also rein Willentliche und Erregend-Rhythmische abgestellt wäre. Gerade in ihren besten Partien, so im Schlußbild, behält sie etwas Reiches und Strömendes, und bewährt so das Hoheitsrecht aller Musik: zuletzt doch "von einem andern Stern" zu sein (und damit des bloßen Ausdeutens überhoben). Diese Eigenschaft freilich mochte, wie die Uraufführung lehrte, die pantomimische Ausgestaltung insofern belasten als Marcel Luipart, der für die Choreographie zeichnete (aber außerdem noch den Faust darstellte), in der Erfindung gelegentlich ermattete, gelegentlich sich vergriff. So war die erste Erscheinung der Archisposa wie auch die höllische Walpurgisnacht allzu revuehaft, letztere zudem so gebärdeneindeutig, daß die hohe Möglichkeit des Tanzes, alles Leibliche zu spiritualisieren, vertan ward an jene bloße Stummheit der Verrichtung, in der dann der Mensch dem Tier tatsächlich am nächsten kommt. Auch die Tanzparaden der Hofgesellschaft waren nicht bloß steif-zeremoniös, sondern erfindungsarm. In der Helena-Szene schien südlich-klassische Klarheit anfänglich verwechselt mit Unbeweglichkeit. Hingegen war die mittelalterliche Schlußszene in jeder Hinsicht ausgezeichnet. Die Bilder hatte Wolfgang Znamenacek mit ungewöhnlicher atmosphärischer Kraft gestaltet.

Als Archisposa bot Irina Kladivova (als Gast) ein Bild rotflammender Verderbtheit. Solange Schwarz (von der Großen Oper Paris) war Bellastriga, die Verkörperung der eisigen exakten Lieblosigkeit der Holle. Wiewohl gegen die Beibehaltung von Heines boshaftem Einfall, die Mephistophela als Spitzentänzerin einzuführen, von heut und vom Innersten der Rolle her einiges spricht, hat die virtuose Leistung des Pariser Gastes bei der Premiere mit den stärksten Beifall auf sich gezogen. Menschlich war Nika Sanftleben vom Münchner Staatsopernballett durch die mädchenhafte Innigkeit ihrer Margarete am bezauberndsten. Marcel Luipart zeigte als verjüngter Faust ein feurig-dunkles Temperament, durch Wohlgestalt gezügelt.

Das Staatsopernorchester – unter des Komponisten Stabführung – hatte ganz besonderen Anteil an dem sich ins Riesige steigernden Erfolg, den Egks neueste Schöpfung in München trotz der nicht übersehbaren choreographischen Mängel fand. Teufeleien sind offensichtlich "gefragt".

Hanns Braun