In einer kurzen Meldung wurde vor einigen Tagen bekanntgegeben, daß der französische Generalgouverneur für Indochina mit dem Exkaiser von Amman, Bao Dai, der bisher als Privatmann in Hongkong lebte, und dem Präsidienten der provisorischen Regierung von Cochinchina, General Xuan, ein Abkommen über die Unabhängigkeit von Viet Nam geschlossen habe. Dieses Abkommen besteht erstaunlicherweise aus drei Sätzen. Es muß also eine sehr probate Lösung sein, mit der man den seit drei Jahren in Indochina herrschenden Kolonial- und Bürgerkrieg zu beenden gedenkt, der bisher die Franzosen zwang, dort ständig 120 000 Mann, zu unterhalten.

"Frankreich anerkennt feierlich die Unabhängigkeit von Viet Nam, dem es überlassen bleibt, seine Einheit zu verwirklichen. Viet Nam proklamiert in der Eigenschaft als assoziierter Staat seinen Anschluß an die Union Française." So lauten die beiden ersten Sätze. Abgesehen davon, daß niemand weiß, was eigentlich ein assoziierter Staat ist, von von dem in der französischen Verfassung lediglich gesagt ist, daß darüber von Fall zu Fall entschieden werden müsse, ist die Verwirklichung der Einheit der fünf indochinesischen Staaten gerade das Problem, um das es seit Jahren geht. Diese Einheit dürfte durch das eben geschlossene Abkommen der Verwirklichung kaum näher gebracht werden, denn es gibt bereits seit 1945 einen Staat Viet Nam unter der Präsidentschaft des Führers der nationalkommunistischen Unabhängigkeitsbewegung Ho Chi Minh, der bis zum Abbruch der Beziehungen im Januar dieses Jahres auch von den Franzosen als Verbandlungspartner anerkannt wurde.

Die beiden Regierungen des Staates Viet Nam werden also in Zukunft über das heute so moderne Problem de facto und de jure streiten können, und es ist kaum anzunehmen, daß das Land selbst von dieser Regelung profitiert. Jedenfalls aber bieten die Figuren der beiden rivalisierenden Präsidenten: Ho Chi Minh und Xuan alle Gewähr für eine weiterhin ereignisvolle Entwicklung. General Xuan, der bluts- und erziehungsmäßig stark französisiert ist, wird von den Nationalisten der Unabhängigkeitsbewegung als Marionette der Franzosen bezeichnet. In der Tat ist er naturalisierter Franzose und übrigens der einzige Indochinese, der einen Generalsrang in der französischen Armee, mit der er schon im ersten Weltkrieg vor Verdun kämpfte, bekleidet. Ho Chi Minh dagegen ist ein extremer Nationalist, der stark unter kommunistischem Einfluß steht und seit über zwanzig Jahren die revolutionären Bewegungen Ostasiens schürt und unter ständig wechselndem Namen bald in Moskau, bald in China, Siam, Singapor, Hongkong und Indochina auftauchte. Tschiangkaischek hatte schon 1927 einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt.

Die Frage wird sein, ob es den Franzosen gelingt, mit der gemäßigten Regierung General Xuans, die von dem Wohlwollen des allgemein geächteten Exkaisers Bao Dai getragen wird, der revolutionär-terroristischen Regierung Ho Chi Minh’s den Wind aus den Segeln in nehmen, oder ob sich nach drei Jahren nationalem Freiheitskampf die radikale bedenkenlose Unabhängigkeitsbewegung Ho Chi Minh’s durchsetzt.

Dönhoff