m Jahre 1949 werden wir den 200, Geburtstag Goethes feiern. Ist es zu früh, heute schonan dieses Fest zu denken? Man weiß, wie dieses Fest begangen werden wird. Die Federn der Schriftgewaltigen werden sich regen, die Postwurfsendungen werden es in die fernsten Redaktionsstuben tragen, der deutsche Blätter- und Zeitschriftenwald wird aufrauschen, die Katheder der Rezitatoren, die Lautsprecher der Behausungen werden auf und ab widerhallen von "Goethe und — Ä Goethe und wir, Goethe und säKe Welt, die Stunde, der Tag, die Zeit; Goethe gestern, heute und morgen und übermorgen; Goethe and die Fräse, Männer; Kinder, Greiser Goethe und die Anatomie, Geologie, Mineralogie, Psychologie; Goethe und der Individualismus, Sozialismus, Idealismus, Kommunismus, "Existentialismus; Goethe und Wien, Berlin, Stettin und Eberswalde; Goethe und Hessen, Bayern, Schleswigr Hostein, Rheinland; Goethe und die Bizone, Trizone, Ostzone, Westzone; Goethe überall Wir Deutsche machen zur Zeit keine gute Figur in der Welt wahrhaftig, wir können äs nicht weit sehen lassen. Aber laß nur das Goethe jähr kommen, wie werden wir uns da blähen und bauschen, spreizen und plustern 1. Einen Goethe nahen wir! Das macht uns erst mal nach! Die bittere Prophezeiung ist nicht übertrieben, wenn wir uns des Goethejahres 1932 erinnern. Viel Schall tönte damals im Lande Goethes, und dieser Schall mischte sich mit politischen Haßgesängen der Tageskämpfe, ging unter im Wirrwarr der Straße, und Goethe waruns fern, unerreichbar fern. Die Menschen, die nach diesem Fest Geschichte machten, wußten kaum etwas von dem Gefeierten. Aber er ist uns auch heute fern, gestehen wir ans es ein r wir haben ihn wohl, aber wir besitzen ihn nicht. Und diese Einsicht verlangt, daß wir, heute schon von dem bevorstehenden Goethejahr sprechen. Denn wie sollen wir den feiern, den wir nicht, einmal kennen? Ihn erkennen und besitzen heißt nicht nur, ihn gelesen haben. Goetheleser haben wir wohl noch eine erkleckliche Anzahl. Liebende, verehrende, begeisterte Leser, meist unter der älteren- Generation, unter Amtsgerichtsräten, Rektoren, Diakonissen, Kreisamtsärzten. Sie leben mit Goethe, aber mit ihm nicht in unserer Gegenwart; sie leben in der Zeit, da sie jugendlich zu Hause waren, in der Zeit, die noch die unmittelbare Nachfahrin des Goethejahrhunderts war.

Diese Zeit aber ist dahin, unwiederbringlich zerfallen, zerstoben, zertrümmert. Und die Frage ist, wie retten wir Goethe zu uns herüber? Es wäre Torheit zu glauben, daß wir heute noch den ganzen Goethe für uns gewinnen könnten. Dazu war Goethe viel zu sehr ein Kind seiner Zeh, als daß wir über sein Zeitgewand hinwegsehen könnten. Was Goethe Kunst und Schönheit, was er Ordnung und Gesittung- seiner Welt nannte, ist dahin. Wir haben nicht mehr die Welt, an die er seine Maßstäbe legte. Und so heißt denn unsere Aufgabe, Goethe erkennen als den, der etwas war über seine Zeit hinaus. Was hat an ihm Bestand? Sein Werk? Nicht in allen Teilen. Sein Leben? Nicht in der Gebundenheit an sein Jahrhundert; wohl aber in seinem Grundgesetz. Werk und Leben, soweit sie uns dieses Gesetz seines Lebens künden, gilt es zu bewahren. Diese Erkenntnis ist nicht neu, sie ist nur nicht allgemein. Wenn wir aber 1949 mit Goethe vor die Welt treten wollen — und es wäre da& eine Gelegenheit, solches mit Würde und Bescheidenheit, mit "Bedeutung" im Goetheschen Sinne zu tun —, dann müssen wir selbst als seines Geistes Würdige bestehen können. Und da wir von dieser Würde und Bescheidenheit heute weiter denn je entfernt sind, ist es wohl Zeit, jetzt zu beginnen. Jetzt sich schon vorbereiten; jetzt ihn suchen, lesen, auf den Bühnen spielen, daß wir am Tage seiher Feier sagen können, wenn nicht schon stolz: er ist unser, so doch bescheiden: er ist unsere Aufgabe, wir wollen ihn besitzen. Jetzt schon sollten die Verleger sich einig sein, wie man das knappe Papier statt mit wertloser Eintagsware mit Goethe Worten bedruckt. Aber nicht ale das gleiche, nicht alle etwa den Faust oder Hermann und Dorothea. Auch die Wahlverwandtschaften, die Gespräche deutscher Ausgewanderter, die Briefe an Schiller, die Gespräche mit dem Kanzler von Müller und mit. Eckermann, die Metamorphose der Pflanzen. Und wir wollen dieses, lesen und, hören mit aller Offenheit, mit schonungsloser Ehrlichken und der ständigen kritischen Frage: was kann bestehen von ihm in unserer Zeit? Es wird vieler Mühe der IRiil>%irfNIKtftt Ehrfurcht und andere täuschend, ck Viele zu verehren. Dann wird das leere Gerecle um Goethe ver stummen, wir werden uns zum Festtage be schränken auf die Aussage des, Notwendigen; statt vieler Peierri in allen Wiakelr und Zonen sollte eine Goethefeier zu uns und 4er Welt sprechen, diese eine Stimme aber Liebe, Verehrung, Stolz, Würde und Ehrfurcht unserier Zeit vor dem Genius Goethe bekunden. Wem soll die Ehre zufallen, dieses Bekenntnis unserer Zeit zu Goethe auszusprechen? Haben wir noch einen unter uns, der ein Leben führt im Goetheschen Sinne? Vielleicht können wir nur noch zu jenem Arzt und Orgelspieler im dunklen Erdteil blicken, der ein Leben nach seinem ihm aufgetragenen Gesetz, also im Goetheschen Sinne, geführt hat; ihn sollten wir bitten, unser Bekenntnis zu Goethe auszusprechen; und es würde genügen, wenn er uns sagen würde, er habe gelebt, er habe sich ausgelebt. Wir ändern aber sollten zu diesem 200. Erinnerungstage so weit vorbereitet sein, daß wir mit Wilhelm Meister in den Saal der Vergangenheit treten können, nicht nur, um Urnen und Asche zu verehren, sondern um zu verstehen, was auf der Schriftrolle des Goetheschen Lebenswerkes geschrieben steht: Gedenke zu leben!