Von Rudolf Bach

Es ist geschehen: Faust und Teufel haben ihren Pakt geschlossen. Eben sind sie in Mephistos improvisierter Montgolfiere von Daunen geflogen, in die Welt, in das Leben. So stark durchdringt mich die seelische Kraft des Gedichts, daß mir zumut ist, als sei eine unwiderrufliche Entscheidung im eigenen Dasein gefallen.

Ich habe die zwei Studierzimmer-Auftritte in einem Zug durchgelesen. Sie sind ja eigentlich nur ein einziger; ein Bogen wölbt sich über ihnen. Vielleicht sollte die Disputation dazwischen stehen, oder ein Motiv aus der Sage, demzufolge Mephisto sich erst von Pluto, dem Höllenfürsten, die Erlaubnis zum Abschluß des Bündnisses holen muß. Jedenfalls hat Goethe zuletzt die beiden Szenen unmittelbar einander folgen lassen. Und recht daran getan. Unabgelenkt, mit einer geradlinig sich steigernden Wucht geht es jetzt nach dem knappen Adagio des Anfangs über Beschwörung, erstes Treffen und erstes Gespräch in den glühenden Kern der Tragödie; schulmäßig gesprochen in die Schürzung des Knotens, Fluch und Pakt; von dort, wieder sich verbreiternd, in das ausgreifenden, zweite, das eigentliche Streitgespräch, das mit dem Entschluß zur Weltfahrt endet. So, wie die mächtige Doppelszene nun dasteht, ist sie einer der griffigsten Würfe des Dramatikers Goethe, ein wahres Stück im Stücke. Schiller hätte auch von ihr sagen können, was er von den früheren Bruchstücken gesagt hat, als er sie zu lesen bekam: sie seien insgesamt "Der Torso des Herkules." Würde vom "Faust" in irgendeiner Zeit einmal alles verlorengegangen sein, bis auf die zwei Dutzend Seiten, so könnte ein später Betrachter daraus in nuce das ganze Werk erspüren. Mit dem burlesken Schnörkel der Schülerszene würde sogar das entspannende Satyrspiel, das zur Tragödie gehört, nicht fehlen.

"Im Anfang war das Wort; und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht des Menschen, und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen."

Mit diesen Sätzen beginnt das spirituellste der vier Evangelien, das des Johannes. Man muß sie sich herausschreiben, um sie bei der Beschäftigung mit jener Faust-Stelle vor Augen zu haben. Ruhevoll-triumphal sprechen sie vom Worte, vom Logos, vom Geist als vom obersten schöpferischen Werte der Welt; ja, sie setzen ihn geradezu mit Gott selber gleich. Das Wort benennt das Geschaffene nicht nur, sondern erlöst es zugleich aus seinem Puppenstande, spricht es frei, erklärt es für mündig, ja schafft es zum zweitenmal, auf einer höheren, reineren Ebene, gibt ihm seine endgültige Existenzform. Niemals, scheint wir, hat es eine hellere Mystik gegeben

Ermißt, da er sich zu seinem Übersetzungsversuch anschickt, Faust diesen Abgrund? Nein. Er faßt den Begriff des "Wortes" keineswegs so groß und tief wie der Evangelist es getan hat, vielmehr recht eng, fast intellektuell, aus der eigenen Wortmüdigkeit, dem Ekel des Dozenten vor unzulänglichem Gerede, das mit dem Wesen der Dinge, von denen es zu künden vorgibt, in keinem wirklichen Zusammenhang mehr steht. Er müht sich auch nicht eigentlich um das Geheimnis, das in dem Logos-Begriff verborgen ist, sondern deutelt und phantasiert an dem Tat herum, treibt höchst subjektive Bibelkritik, gern über den rationalen Begriff des "Sinnes" und den stoffgebundenen der "Kraft", die er beide selbst als zu bedingt verwirft, an den der Tat. Dieser erscheint ihm zureichend, für ihn entscheidet er sich. Wieder einmal ist hier eine der Stellen, wo wir uns von der Faust-Auffassung unserer Väter trennen müssen. Ihnen galt Faustens diesseitsgewandter Entschluß als eine der glanzvoll positiven Bezeugungen seiner Natur. Sie unterschrieben es, stimmten mit ihm überein. Nicht zufällig stellten sich bei ihnen hier die bildungsmäßige Gedankenverbindung zu Luther und de politische zu Bismarck her. Uns drängt sich dagegen viel mehr das Problematische dieses allzu selbstherrlichen, willkürlichen Übertragens atf. Auch in der Verherrlichung der Tat wittern wir ein bestimmtes, positivistisches Auftrumpfen, auf das wir, des Unzulänglichen, Bedingten alles menschlichen Tuns in einem Übermaß von Leiden inne geworden, besonders empfindlich erwiden. Jedenfalls glauben wir zu spüren, Goethe habe auch diesmal seinen Helden keineswegs verherrlichen, sondern seine Gefährdung, sein Sich-lösen aus einer göttlich-objektiven Seinsordnung zeigen wollen. Faust sehnt sich nach Offenbarung; aber sie kann ihm nicht zuteil werden. Denn er ist nicht passives Gefäß, das sich vom Göttlichen erfüllen läßt, sondern er will es sich in einem seiner wilden, fordernden Anläufe ertrotzen. Gerace damit jedoch, indem er gleichsam die Glutwolken seines herrischen Willens vor sich aufwirft, nimm er sich den Blick auf die – ewigen Gewißheiten. Wohl ist er in echter religiösen Verfassung, aber sie bleibt, längst von Zweifeln durchsetzt, in Unentschiedenen, istviel zu sehr von Stimmungen abhängig. Den Heimkehrenden umfängt der Atem einer guten, frommen Abendstunde, indes: "Da liegt meist eine Schlang im Grase", hat der junge Goethe sich einmal über einen solcher trügerischen Frieden notiert. Schon regt sich in Faust die dunkle Gegenströmung, die ihnimmer rascher dem Versucher zutreibt.

Ach, wie der jault, wie er jammert und belli, hundehaft, da, hinter dem Ofen, stärker und stärker, unbezähmbar! Wieder, wie gestern nacht, durchtobt ungeheurer Aufruhr das Gemach, wieder ist Faust angespannt bis in die letzte Fiber, wiederum gilt es, Dämone zu zwingen, Geister zu bannen, wieder geht es auf Leben um Tod. Ganz anders tut es, als gestern der herrlich dröhnende Erdklang; es ist ein Brummen und Schnaufen, ein Stöhnen, Schreien und irres Gelächter, der schauerliche Krampf einer unfaßbares Spukgeburt. Er steigert sich zu einem kaum noch ertragbaren Höhepunkt, dann zerreißt er, bricht jählings ab, und "Mephisto tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholastika hinter dem Ofen hervor". Unsterblicher Augenblick! Da ist er. Der Teufel. Der Versucher. Der Gegenspieler. Der Begleiter. Der Gefährte. Der Schatten. Der Erzieher. Der Treiber. Der Diener Der Knecht. Der Ratgeber. Der gefährlichste Freund. Der Todfeind. Der Vernichter. Das andere Ich Das dunkle Du.

Es gibt eine Zeichnung von Delacroix, die diesen Moment der ersten Begegnung festhält: Faust zur Rechten, hinter dem Tisch, ist halb vom Stuhl emporgefahren; die linke Hand auf dem Buch der Beschwörung, den rechten Arm mit überrascht-erschreckter Gebärde leidenschaftlich erhoben, so starrt er vorgeneigt den Partner an; der steht zur Linken, gekleidet eher wie ein nobler Landsknecht, auf den langen Haaren sitzt verwegen ein Barett. Die linke Hand, wie auf sich selbst verweisend, hält er vor die Brust, mit der rechten stützt er sich leicht auf ein langes spitzes Schwert. Undurchdringlich die Mienen, in den großflächigen Zügen nistet ein fernes, hintergründiges Lächeln. Haltung, Gewandung, Atmosphäre, die Einrichtung des Gemachs – all das ist französische Romantik; dennoch ist das zeitlose Wesen der Szene im Kern getroffen, vor allem aber: das in aller saftigen, prallen Greifbarkeit Phantomhafte der Mephisto-Erscheinung, ihr Alp- und Traumhaftes (erzeugt, scheint mir, hauptsächlich durch ein kaum merkbares Hinausreichen Gestalt über Menschenmaß). Sooft ich das Blatt betrachte, ist mir erinnerlich, was Hebbel einmal, ganz en passant, anläßlich einer Wiener Faust-Aufführung geschrieben hat: von dem grübelnden deutschen Doktor in seinem schwarzen Talar, der das schmale Fundament, das uns alle trägt, so lange betrachtet habe, "bis er zu schwindeln anfing und den Teufel auf einmal außer sich zu erblicken glaubte. Vielleicht ist in diesem Bilde die Zeugung des höllischen Trabanten ein wenig zu sehr ins Spekulative verlegt, etwas jedoch ist genial gesehen: die gleichsam protoplasmatische Abspaltung des Wesens Mephisto aus dem Wesen Faust. Und wie jenes "Habe nun, ach ...", unbefangen erlebt, wie der Anfang menschlicher Geistesrede, das Ur-Selbstgespräch der zu bewußter Auseinandersetzung erwachten Menschen anmutet, so scheint das knappe Hin und Her, mit dem Faust und Mephisto nun ihren Diskurs beginnen, das erste aller Zwiegespräche, ja die Ur-Wechselrede selbst zu sein. Als habe es kein irdisches, kein griechisches, kein shakespearisches Theater gegeben, glaubt man, der Geburt des Dramas im Dialog beizuwohnen. Posthumer Dankesgruß an den toten Gerhart Hauptmann, den ich das 1932 in seiner großen Goetherede so einfach und gültig habe ausführen hören. Die menschliche Sprache, sagte er etwa, enthalte das Ja und das Nein. Im menschlichen Geiste nun, wo die Sprache lebe, seien das Ja und das Nein zwei entgegensetzte Parteiführer. Der Streit, der Dialog dieser zwei Mächte fange im Kinde an, wenn das Denken anfange, und ende erst mit dem Tode ... Der "Faust" sei ein solches Gestalt gewordenes Drama der Pole, Faust selber das eigensinnige Ja, Mephisto das eigensinnige Nein. Deshalb spiele es länger als das chineische Drama, nämlich ein ganzes Leben auf dir Bühne des Bewußtseins ...