Wie weltumspannend das Problem der westöstlichen Auseinandersetzung ist, wird besonders deutlich, wenn man die geradezu verblüffende Ähnlichkeit sieht, die zwischen der Entwicklung in Korea und in Deutschland seit 1945 besteht. Überall wo amerikanische und sowjetrussische Verhandlungen geführt werden, tauchen die gleichen Probleme auf, stoßen wir – ob in Zentraleuropa oder Fernost – auf die gleichen Methoden.

Monatelang und vergeblich tagte zunächst eine russisch-amerikanische Konferenz in der Hauptstadt Söul mit dem Ziel, eine provisorische Regierung für ganz Korea zu errichten. Nach dem Scheitern dieser Bemühungen schlug Außenminister Marshall im September 1947 vor, zonale gesetzgebende Versammlungen einzusetzen, deren Wahl von einer UNO-Kommission überwacht werden sollte. Rußland verweigerte seine Zustimmung mit der Begründung, daß die koreanische Frage laut Beschluß der Außenministerkonferenz vom Dezember 1945 der Kompetenz der UNO entzogen sei. Statt dessen machten die Russen den Vorschlag, ganz Korea zu räumen und das wiedervereinigte freie koreanische Volk unbeeinflußt selbst seine Wahlen durchführen zu lassen – wohl wissend, daß die Armee von 200 000 Mann, die sie inzwischen in Nordkorea aufgestellt haben, die Politik des Landes in ihrem Sinn weiterführen wird. Seither wird in der russisch besetzten Nordzone nationale Propaganda für die Einheit Koreas gemacht und Mitte April dieses Jahres wurde in Pyongyang in Nordkorea eine Art "Volkskongreß", unter Beteiligung koreanischer Vertreter aus beiden Zonen, abgehalten, die sich leidenschaftlich für ein ungeteiltes Korea einsetzten. Nachdem die Amerikaner inzwischen am 10. Mai 1948 die Wahlen in Südkorea durchgeführt haben, scheint die Teilung des Landes erst einmal besiegelt, und die Jahrtausende alte Einheit Koreas preisgegeben.Die Koreaner haben lange Jahre der Fremdherrschaft über sich ergehen lassen müssen. Mit leidlicher Intelligenz begabt, aber arm an schöpferischen Ideen, besitzen sie weder die Organisationsgabe und den Ehrgeiz der Japaner, noch die Zähigkeit, den Fleiß und die manuelle Geschicklichkeit der Chinesen. Und doch hat auch der Koreaner seinen großen Tag in der Geschichte gehabt. Er fällt in die Zeit von 1500 bis etwa 1600. Viele Erfindungen werden Korea zugeschrieben: die erste. Sternwarte, der Gebrauch von beweglichen Metall-Typen für Druckerei 50 Jahre vor Gutenberg, Erfindung eines phonetischen Alphabets, eines Panzerbootes in Schildkrötenform, mit dem ein koreanischer Admiral im 15. Jahrhundert die japanische Flotte in die Flucht geschlagen haben soll. Aus dieser Zeit stammt auch ein starker Einfluß auf die Entwicklung Japans. Um 1600 wurde das Land durch einen Raubzug der Japaner sechs Jahre lang furchtbar verwüstet, ein Schlag, von dem sich das Land nie wieder erholte. Unter chinesischer Herrschaft verbrachte es ein streng abgeschlossenes Einsiedlerdasein, das zu einer Versteinerung der Zivilisation führte. Von 1860 ab wurde es Streitobjekt seiner drei Nachbarn: China, Rußland und Japan. Nach dem Siege über das zaristische Rußland brachte Japan das Land schließlich unter seine Herrschaft.

Es ist nicht zu leugnen, daß Japan für die Entwicklung Koreas Außerordentliches geleistet hat: der Verkehr wurde modernisiert, die Bodenschätze verwertet, die reichen Wasserkräfte ausgenutzt, Fabriken, zum Teil modernster Art, wurden errichtet und eine Agrarreform eingeführt. Wenn sich auch der Wohlstand des Landes durch all diese Maßnahmen gehoben hat, so trägt doch die Kolonisationsarbeit der Japaner die Züge einer selbstsüchtigen Expansionspolitik.

Der Reisanbau wurde forciert, aber nur um den Reis nach Japan zu exportieren; der koreanische Bauer lebte nach wie vor in der Hauptsache von Hirse, unter im allgemeinen kümmerlichen Verhältnissen. Eine Bauernbefreiung, die in den 30er Jahren verkündet wurde, hatte lediglich den Erfolg, daß gut 50 v. H. des gesamten bebaubaren Landes in die Hände von japanischen Grundherren fielen. Die Japaner aber vermochten nicht über ihren eigenen Schatten zu springen: sie konnten den Krebsschaden, das unselige Pachtwesen mit seinen Zwergpächtern und den Renteziehenden "Landlords" nicht radikal abschaffen, weil ihre Agrarverfassung zu Hause auch nicht viel anders aussah. Die Industrie wurde wohl gewaltig gefördert, aber dies diente der Steigerung des japanischen Kriegspotentials und nicht der Hebung des koreanischen Lebensstandards. Nach der bedingungslosen Kapitulation Japans hat Korea nun seine zwei neuen Herren bekommen: Die Sowjetisierung im nördlichen Teil begann sofort nach dem Einmarsch der russischen Truppen. Eine Volkskommission wurde als provisorische Regierung eingesetzt und das Bild ihres Vorsitzenden Kin Ir Sen in alle Amtsstuben gehängt. Die Wahlen, die das neu eingeführte Regime bestätigen, sollten, ergaben, wie nicht anders zu erwarten, 95–99 v. H. Ja-Sager. Das Agrarproblem würde radikal angepackt: der den japanischen oder koreanischen Grundherren gehörige Grund und Boden, nämlich 963 657 ha oder 63 v. H. der gesamten Nutzfläche Nordkoreas wurde enteignet und an 683 000 Bauern in Dauerpacht vergeben. Kin Ir Sen hat sich in diesen neugeschaffenen Staatspächtern eine Gefolgschaft auf Leben und Tod gesichert. In den andern Wirtschaftszweigen, Industrie, Verkehr, Bankwesen haben Sowjetbeamte die Oberleitung in die Hand genommen. Eine bis dahin unbekannte Sozialgesetzgebung soll das Los der unter japanischer Herrschaft und Kriegswirtschaft schwer ausgenutzten Arbeiterschaft erleichtern. 8-Stundentag, eine Mindestzuteilung von Nahrungsmitteln, ein Jahresurlaub von zwei Wochen, gleiches Recht für Frauen und festgesetzte Lohnstaffeln sind die für fernöstliche Begriffe unerhörten Errungenschaften dieser Aera.

Die Methoden der Amerikaner in Südkorea gipfeln ähnlich wie in Europa vorwiegend in der Unterstützung des Landes durch Lieferung von Lebensmitteln, Konsumgütern und Kapital. Viele Millionen Dollar – im Jahre 1947 allein 170 Millionen – sind nach Korea geflossen. Die Amerikaner beabsichtigen weder ein rein parlamentarisches Regierungssystem einzuführen, noch auch der Wirtschaft die Zügel frei schießen zu lassen, weil es sowohl der Verwaltung als auch der Wirtschaft an den hierfür erforderlichen Voraussetzungen fehlt. Man hat aber die Absicht, das einzige halbdemokratische Gefüge weiterzuentwickeln, das der japanischen Herrschaft seinen Ursprung verdankt: das Genossenschaftswesen. Das Land ist überzogen mit genossenschaftlich organisierten Kreditinstituten der Landwirtschaft, die eine Mitgliederzahl von zwei Millionen aufweisen. Zwar war die Oberleitung stets in japanischen. Händen, aber die praktische Handhabung und Leitung der lokalen Sitzungen mit freier Aussprache lagen bei den Koreanern. Man könnte also sagen, daß Anknüpfungspunkte für ein demokratisches Staatswesen nicht ganz fehlen, obgleich der Journalist Raymond vom amerikanischen Standpunkt aus sicherlich nicht unrecht hat, wenn er kürzlich in der "New York Herald Tribune" über Korea berichtend, die führenden politischen Kräfte des Landes im Norden mit dem Titosystem, im Süden mit der Regierung Francos vergleicht.

W. v. Tirpitz