Am Anfang war die Furcht. Mit den Flinten der Jäger als Bewaffnung könnten die Deutschen zehn Divisionen Partisanen aufstellen, meinten die Besatzungsmächte nach der Kapitulation. Also entmilitarisierte man im Potsdamer Abkommen auch die Jagd.

Mit der "Entwaffnung" ging auch die Jagdhoheit an die Siegermächte über. Sie erklärten das Jagdwesen zum Sport. Es sei nicht verhehlt, daß das Schießen von Rehen und Hasen – sie zu jagen ist das ausschließliche Vorrecht von Besatzungsangehörigen – ein freudvoller Sport ist. – Die deutschen Jäger aber, früher in Hitlers Terminologie "grüne Freimaurer", heute des illegalen Bandenkrieges verdächtig, verstehen unter Jagd mehr als das Abknallen leicht jagdbaren Wildes. Sie werden jedoch nicht gefragt. Je geringer ihr Ansehen bei den Kontrollmächten ist, desto mehr Unheil wird im deutschen Wildbestand angerichtet. So vermehrt sich der größte Schädling, das Wildschwein, ständig. Im Volksmund heißt es bereits, daß Keiler und Sauen sich in der Gunst der Besatzungsmächte suhlen.

Gab es 1938 im jetzigen Nordrhein-Westfalen kaum 1600 Wildschweine, von denen 973 erlegt werden konnten, so sind es heute mindestens 20 000, den letztjährigen Frischlingszuwachs nicht eingerechnet. 4231, also knapp 20 v. H., konnten davon zur Strecke gebracht werden. Nicht anders verhält es sich in Niedersachsen. Hier schätzt man den Bestand an Schwarzwild auf 13 500 gegen 300 vor Kriegsende. Ähnliche Zahlen liegen aus allen deutschen Ländern vor.

Die Bauern verzweifeln. Ihre Ablieferungsquoten werden immer größer, der Ertrag aber sinkt, da sich das gefräßige Schwarzwild die Kartoffeln selbst vom Acker holt. So beträgt in Nordrhein-Westfalen der angemeldete Schaden 10 000 t Getreide und 50 000 t Kartoffeln. Wahrscheinlich liegt der wirkliche Verlust viel höher, denn viele Landwirte haben resigniert, ihre Einbußen nicht angegeben, da Ersatz doch nicht – auch nicht in Geld – geleistet wird. Das zuständige Ministerium Niedersachsens beziffert den Ernteausfall aus Wildschäden für 1947 auf 270 000 dz Kartoffeln, Rüben und Getreide. In Württemberg-Baden wurden 4737 ha Wintersaatgetreide und 150 ha Ölsaaten durch Schwarzwild zerstört.

Die Jagdoffiziere und die Ernährungsbeauftragten der Besatzungsmächte sind davon überzeugt, daß es so nicht weitergehen kann, Man stellte Erwägungen an, ob man nicht mit Armbrusten oder Schlingen, Palisaden oder Strychnin dem Unheil Einhalt gebieten könnte. Doch die vermehrungswütigen Sauen wurden bei diesen aus dem Mittelalter entlehnten Methoden nicht weniger und die deutschen Mägen nicht satter.

Das Prekäre an der Sache ist das Problem, ob man den Deutschen Waffen geben darf, damit sie "ihrem" Wildschweinunwesen steuern können. Doch noch immer nicht hat man sich zu einer großzügigen Regelung aufraffen können. Die Bedenken der Sicherheitsorgane überwiegen die ernährungswirtschaftlichen Notwendigkeiten. Da aber etwas getan werden muß, versucht man sich in "kleinzügigen" Lösungen.

Der Antrag auf Überlassung einer Waffe zur Jagd, soweit sie nicht unter direkter (und peinlich genauer) Aufsicht der Jagdoffiziere stattfindet, ist mit der Abgabe eines Fragebogens verbunden. Und dabei ist es schon vorgekommen, daß ein deutscher Regierungspräsident aus Gründen der hohen Politik die britische Besatzungsmacht ersucht hat, bereits ausgegebene Waffen wieder, einzuziehen ... Die Anzahl der inzwischen ausgegebenen Waffen beträgt heute in stark befallenen Landkreisen durchschnittlich 10 bis 20. Treffsicherheit wird diesen Büchsen meist älteren Datums von den Empfängern jedoch nicht nachgesagt.

Der Erfolg ist natürlich gering. Kaum ein Fünftel der Säue wird erlegt! Uns aber wird vorgeworfen, wir nützten nicht alle Möglichkeiten zur Leistungssteigerung auf dem Gebiet der Ernährung aus. Liegt es an uns? Wenn man, gleichgültig aus welchen Erwägungen, den Deutschen die erforderlichen Mittel versagt, sollte man keine Vorwürfe erheben. Man gebe erfahrenen Jägern gute Waffen und ausreichend Munition in vernünftiger Menge. Die Erzeugung der Bauern wird dann endlich dem menschlichen Verbrauch zugute kommen. Es kommt hinzu, daß das Wildpret zumeist in die Küchen der Besatzungsmächte wandert. Nur ein geringer Teil kommt Krankenhäusern und Altersheimen zugute. 1938 dagegen flossen 22 250 t Nettogewicht Wildpret im Wert von 30 Millionen Reichsmark in die deutschen Haushalte. Ein solcher Beitrag zur deutschen Ernährung wäre heute gewiß nicht zu verachten. W-n.