Von August Block

Der älteren Generation unter uns Bauern istdie Zeit um 1900 noch In trauriger Erinnerung. Es waren die Jahre, In denen deutsche Landwirtschaft mit niedrigsten Preisen für ihre Erzeugnisse eine ihrer schwersten Krisen durchstehen mußte. Erst nach 1904 trat eine Besserungen. Sie hielt bis zum ersten Weltkrieg an und bewirkte einen gewaltigen Aufschwung in der landwirtschaftlichen Erzeugung.

Heute steht unsere Landwirtschaft vor einer ähnlichen Lage wie vor fünf Jahrzehnten. Die Preise wichtiger landwirtschaftlicher Produkte sind weit hinter den Erzeugungskosten und dem Index der Industriewaren zurückgeblieben. Das lähmt die Erzeugung. Und diese Lähmung ist besonders gefährlich bei den ernährungswichtigen Eiweiß-, Fett- und Sättigungsprodukten, wie Fleisch. Milch, Kartoffeln, Zuckerrüben, Hülsenfrüchten und Raps, die zum großen Teil gerade die Erzeugnisse der Bauernbetriebe sind.

Die landwirtschaftliche Preispolitik der letzten 45 Jahre hat nicht in erster Linie die Preise dieser bäuerlichen Erzeugnisse, sondern – die des Getreides gestützt und ist somit – gewollt oder ungewollt – in der Hauptursache dem Großbetriebe zugute gekommen. Die Veredelungsprodükte, die überwiegend aus den bäuerlichen Betrieben stammen, waren die Stiefkinder der Preispolitik. Dadurch. wurde der bäuerliche und kleinbäuerliche Betrieb in seiner Vorwärtsentwicklung und Intensivierung gehemmt. Er konnte. sich selbst bei normalen Ernten nur durch überarbeit der Familienmitglieder und durch Beschäftigung billiger, lediger Arbeitskräfte halten. Viele intelligente und strebsame Kräfte wanderten in andere Berufe ab. Gleichzeitig verhinderte der niedrige Preis der arbeitsintensiven Erzeugnisse, dem Landarbeiter an Lohn und sozialer Stellung das zu geben, was ihm gebührt. Das ist der Stand der Entwicklung in der großen Linie, über den auch die Verwirrung der letzten Jahre in Gestalt von Kompensation, grauem und schwarzem Markt nicht hinwegtäuschen darf.

Es darf ferner nicht übersehen werden, daß es für die Ernährung nicht allein auf den Kaloriengehalt ankommt. Die Erhaltung der Gesundheit, der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit und der Widerstandskraft verlangt – je später, desto dringender – einen viel höheren Anteil an tierischem Eiweiß, Fett und an Butter mit wertvollen Vitaminen, als er bisher gewährt wurde; An die Stelle einer schematischen Politik der Kalorien muß eine wahrhafte Ernährungspolitik treten. Ihre tragenden Säulen sind der Anbau von Kartoffeln, Zuckerrüben, Gemüse und Getreide als Sattmacher und Kalorienträger für den Direktyerzehr und die Erzeugung von Ölfrüchten, Hülsenfrüchten, Fleisch, Milch als Lieferanten des physiologisch- notwendigen Fettes und Eiweißes. Die Förderung der Ackererzeugung für den Direktverzehr liegt im Zuge der ganzen landwirtschaftlichen Entwicklung. Die Erzeugung tierischer Produkte, wie Schweinefleisch, Rindfleisch und vor allem Milch, ist dagegen zur Zeit gehemmt, obwohl Klima, Boden, Niederschläge, Betriebsstruktur und Können des Bauern wie der Bauersfrau in weiten Gebieten Deutschlands ähnlich günstig sind wie in Holland und Dänemark, und die Förderung der Veredelungsproduktion geradezu verlangen. Dabei sind folgende Gesichtspunkte von Bedeutung:

Das Schwein lebt in erster Linie von Magermilch, Kartoffeln, Getreideschrot, also aus der Speisekammer des Menschen. Die Schweinemast muß also im Augenblick noch auf Küchenabfälle, Futterabfälle, kleinste Kartoffeln und Gehaltsrüben aufgebaut werden. Da das Schweinefleisch aber das wertvollste Fleisch, und besonders wichtig für die Arbeiterkreise und städtische Bevölkerung ist, und die Rindviehhaltung allein nicht in der Lage ist, den Fleischbedarf zu decken, müssen in absehbarer Zeit die Voraussetzungen für die Erweiterung der Schweinemast geschaffen werden (stärkster Kartoffelanbau, – etwas zusätzliche Futtereinfuhr).

Das Rind lebt im Gegenatz zum Schwein von Futter, das nicht menschliche Nahrung ist, nämlich von Grünfutter, Rübenblatt, Zwischenfrüchten. Bei rationeller Milcherzeugung gehen ähnlich wie bei der Schweinemast 65 bis 75 v. H. der Futternährwerte, bei der reinen Rindermast jedoch noch mehr Prozent verloren. Die Milchviehhaltung ist also der Veredelungszweig mit dem höchsten Nutzeffekt aus Futter, das keine menschliche Nahrung ist. Im bäuerlichen Niedersachsen war die Milch bisher der weitaus größte Einnahmeposten der Landwirtschaft. Das Gesamtfettaufkommen aus der Ablieferung stammte 1946/47zu 55 v. H., das Eiweiß zu 31 v. H. aus der Milch! Wenn nun bei unserm verringerten Viehstande die Ablieferungsauflage an Fleisch so hoch festgesetzt wird, daß sie teilweise nürnoch durch Abgabe nutzungstauglicher Milchkühe erfüllt werden kann, so wird gerade der wertvollste Veredelungszweig mit dem höchsten Nutzeffekt angegriffen. Dieser Zeitpunkt ist in Niedersachsen erreicht. Wir stehen gegenwärtig am Anfange einer sehr gefährlichen Entwicklung. Denn von einer Einschränkung der Milcherzeugung werden auch die Länder mit betroffen, die von Niedersachsen mit Butter und Käse beliefert werden, wie Nordrhein-Westfalen;