Von Hanns Braun

Merkwürdig, wie sich die Symbole oft von selber einstellen. So war der Sinn und die Hoffnung der 2. Internationalen Jugendtagung In München gewiß auch in den Begrüßungsansprachen und formulierten Reden namhafter Ehrengäste ausgedrückt; aber am dichtesten vorhanden schien er in einem Vorgang, der, wenn er etwas überredendes hatte, doch nicht eigentlich mit dem bezwang, was gesagt wurde; denn es war jeweils einer sehr großen Zabl gar nicht verständlich. Ich meine die kurzen Begrüßungsworte der Jugenddelegationen selber. Einer nach dem andern traten sie an das mikrophonbewehrte Rednerpult in der Mitte der riesigen hohen Ausstellungshalle über der Theresienhöhe, die für diesen Zweck wiederhergestellt worden war. Und dann sprach ein jeder in seiner Sprache, und je nachdem konnte einer noch der Brücken innewerden, die ihn mit andern über das Medium der Sprache hin verbanden. Aber da gab es Fälle, wo es für einen nur mehr ein halb Musikalisch-Melodisches, ein zwar Artikulierendes, aber kein Artikuliertes mehr gab, so wenn der Vertreter der ägyptischen Jugend arabisch, zwei Vertreter Indiens in zwei verschiedenen Idiomen redeten, von denen man keines verstand. Ja selbst in dem innern Kulturkreis des Abendlandes, in dem englisch; deutsch, französisch, italienisch, holländisch und die skandinavischen Sprachen sich noch irgendwie nachbarlich empfinden und auch dort, wo der Sinn Mühe macht, wenigstens "in jedermanns Ohre sind, zeigten sich Unterschiede; so war es wieder einmal verblüffend, wie viel eher man als Deutscher dänisch versteht als schwedisch, allen gemeinsamen germanisch-gotischen Urwurzeln zum Trotz.

Dennoch war es richtig, daß nicht gedolmetscht wurde. Denn hierin nun; daß jeder seine Sprache sprach, drückte sich gültig -aus, welch eine Welt diese ist, in der wir leben. Es ist keine des Mittelalters mehr, wo alle, wenn sie zu Beratungen, zu Konzilien zusammengekommen wären, sich mit Selbstverständlichkeit des Lateinischen bedient hätten als der Sprache, die den Geist des Abendlandes selber verwahrt hielt. Es ist aber auch keine Welt der anerkannten Hegemonie, in der es nur das Französische, oder eine der praktischen Übereinkunft, in der es das Englische gegeben hätte als Lingua franca für alle.. Soll man nun daraus folgern: dies ist eine nationalistische Welt immer noch oder erst recht, weil sie sich auf nichts einigen kann und jeder seine Sache vor sich hinsagt, ob er damit verstanden wird oder nicht?

Der Eindruck dieser zweiten Jugendkundgebung – und vielleicht konnte ihn nur eben Jugend hervorrufen – war anders. Man fühlte nicht entscheidend das Trennende im Unverstehbaren. Man fühlte: daß jeder das Seine bringen wollte. Und das war nun fast das Wunderbare dabei: diese Manifestation der Vielsprachigkeit war doch zugleich wie eine sanfte Überwindung des babylonischen Zustands. Denn diese waren ja alle gekommen ohne Not, völlig freiwillig, und wenn sie auch wunderlich verschiedene Zungen redeten, so waren sie doch eines Sinnes: sie wollten Friede und Freundschaft, sie wollten einander kennenlernen, sich bereden und, soviel an ihnen lag, einen Schritt auf die "bessere Welt" zutun, von der die Beamteten so viel reden und so wenig verwirklichen. Eines Sinnes zu werden unter gegenseitiger Achtung, darauf, käme es an, und darum wurde in diesem gar nicht illuminierten Auftreten der jungen Leute aus aller Welt das Bedeutungsvolle durchscheinend.

Es gab noch ein anderes Symbol unseres Weltzustandes. Es wurde nicht laut. Es beruhte geradezu in diesem Nichtlautwerdenkönnen – all der Sprachen nämlich, welche die östlich von uns Wohnenden sprechen. Da war kein slawisches Wort, kein ungarisches, kein rumänisches zu vernehmen, wie es unter anderen Umständen sicher geschehen, wäre. Aber wozu so weit hinausgreifen? Unter den etwa 2500 Teilnehmern, von denen ein gutes Drittel Ausländer gewesen sein dürften, fehlten ja sogar die deutschen Jugendlichen der Ostzone. Daß unsere Dialekte von dort auch zu hören waren, bezeugt nur unser Durcheinandergewürfeltsein, und hebt den schweren Schatten nicht auf, den der eiserne Vorhang auch über diese Kundgebung des Friedens und der Freundschaft warf. Und auch das war ein Zeichen: daß unter den vielen Flaggen, die über der tannengrünen Wand hinterm Rednerpult dicht unter der hohen Decke doppelreihig hingen, ehe einzige fehlte, weil sie fehlen mußte. Nicht die russische, die, obwohl die Russen nicht teilnahmen, blutrot mit Hammer und Sichel in der vorderen Reihe hing. Aber die deutsche. Es gibt sie ja nicht! Aber es läßt sich dessungeachtet "zu Gaste laden"; und Farbe bekennen kann ein Volk auch in Tönen: es waren die berühmten Regenburger Domspatzen, die den Festtag der Eröffnung damit schmückten; Soviel von den Symboler.;

Um auch von den äußeren Umständen zu reden: der Unterschied zur ersten Kundgebung vor einem Jahr war beträchtlich. Damals überwog die europäische Prominenz der höheren Altersstufen: André Gide, Mr. Brailsford, Jef last – sie sind heuer nicht gekommen, und auch andere, wie Alfred Kerr und Pearl S. Bude, die man sich noch erhofft hätte, sind fortgeblieben und haben freundliche Botschaften und gute Wünsche gesandt. 1948 überwiegt, wie es ja soll, die Jugend durchaus. Sie ist in einer Zeltstadt im Münchner Ausstellungspark untergebracht, nicht in Nationen getrennt, sondern in Gemeinschaften, und es ist ein Glück, daß die südliche Wärme auch dieses Junimonds solches Kampieren begünstigt; denn ein nasser Münchner Juni kann polar anmuten. Die Ausstellungshalle selbst, von einem imposanten Fassungsvermögen, zeigte sich akustisch freilich nicht! von der besten Seite; aber es gibt die Stimme des Herzens, die alle Lautsprecher-Verquetschungen und Echo-Rückläufe überwindet, das sollte sich schon am Eröffnungstag zeigen. Einmal, als der bayrische Ministerpräsident Dr. Ehard an seinen Dank für die zu diesem Jugendtag freigelassenen 30 deutschen Kriegsgefangenen aus Frankreich die Bitte knüpfte, daß doch nun überall unsere Gefangenen freigelassen werden, – und minutenlanger Beifall den hohen Raum durchdröhnte. Dann: als Carl Zuckmayer sprach. Und endlich während und nach der Rede von Mrs. Brailsford; die wie schon vorige Jahr so auch heuer, nicht als Engländerin, nicht als geborene Deutsche, die sie ist, sondern als Mensch zum "Mitmenschen" zu sprechen verlangte und dafür die rechten Töne traf. Sie sowohl wie Carl Zuckmayer sprachen frei, und der letztere bekannte, daß er’s nicht übers Herz gebracht, einen Vortrag zu; dieser Gelegenheit "auszuarbeiten". Das war ein gutes Wort. Dem wir hatten zuvor manches Kluge zwar und Gutgemeinte vernommen: eine geschliffene, doch nicht leicht verstehbare Rede von Emmanuel Mounier, eine herzhaft-bestürzte, dennoch Hoffnung gebende dies Dänen Arne Meigaard, der Zum erstenmal in dies "Wartezimmer der Hölle" hereingeschaut hatte, sowie die wohlmeinende Mahnung des englischen Labourabgeordneten, "ohne Selbstbemitleidung" an einem geeinten Europa, bauen zu helfen.

Aber etwas war "anders", in der Art, wie der amerikanische Staatsbürger, der ein deutscher Autor geblieben ist, Carl Zuckmayer, die deutsche Jugend bat, nicht zurück-, sondern voranzuleben, und freihin sagte: er glaube nicht an die "Produktivität des schlechten Gewisens." Und "anders" auch war es, als Eva Maria Brailsford alle Menschen beschwor, ihre Burgen des Vorurteils, ihre "Schein-Heimaten", abzudanken, und als sie, aus dem Ethos des Mitmenschen heraus, die Forderungen einer friedlos gehaltenen Jugend formuliert und vor die UN gebracht sehen wollte. In diesen beiden, denen ihr Herz eingab, was sie sagen sollten, kam so auch die ungeheuere Bangnis zum Ausdruck, die seit der vorjährigen Tagung sich finster über die Welt gebreitet hat, und die, gerade an solchen Merktagen entlang, alle Welt lehren könnte, wie viel sie schon schuldhaft, in lieblos öder Routine, versäumt hat und wie viel schlimmer schon wieder alles dadurch hat werden müssen. Es ist aber so sicher wie tröstlich, daß um solche Menschen herum auch in ganz schweren Lagen immer jenes Gute getan wird, das nie versäumt werden sollte, auch wenn sich, im Augenblick, selbst die kleinste Wirkung nicht absehen läßt. Mancher Deutsche fragt sich wohl, warum sind alle diese Menschen, die jüngeren zumal, von so weit her nach München gekommen? Ist es nur die Ferne, die lockt? Der Ausflug in Niemandsland (das für die, die drinnen wohnen, ein Käfig ist)? Ein Abenteuer wie sonst eines, gewürzt mit einer Dosis mitleidigen Grausens? Ich glaube nicht, daß man es sohin verallgemeinern dürfte. Gewiß, manche, die versprochen hatten, auch an den (über dreißig) Arbeitsgemeinschaften teilzunehmen, in denen das Gespräch über Politik und Kultur in engeren Kreisen fortgesetzt werden sollte, haben es vorgezogen, an die Seen hinauszufahren und zu baden; das Wetter war auch zu schön! Voriges Jahr hatten diese Gespräche am Starnberger See oder auf dem Sudelfeld stattgefunden; wer wollte leugnen, daß ein Münchner Schulgebäude nicht die gleiche Anziehungskraft besitzt.