Von Ernst O. Single

Ernst O. Single, 1906 in Metz geboren, lebt als Schriftsteller in Karlsruhe. Er wurde namentlich, durch seine Novellen bekannt. Eine Neuauflage seines letzten Romans "Menschen um Weghus" erscheint gegenwärtig in Graz.

Als der Münzmeister zu seinem Zug gegangen war, kam der Mann mit der Palme. Die beiden anderen am Tisch hatten erst geglaubt, der Stuhl würde jetzt leer bleiben, weil die Uhr schon auf den Morgen zudrehte und der Verkehr draußen auf den Bahnsteigen eingeschlafen war. Da kam der Herr herein und setzte seine Palme auf dem freien Stuhl ab.

Eigentlich war es gar keine Palme, sondern ein Gummibaum. Aber in dem vernagelten schwarzen Wartesaal sah die schmale Pflanze so feierlich aus, daß man sie vor sich selbst sofort als eine Palme bezeichnen mußte. Und merkwürdiger-, weise nannte auch der Herr sie später so.

Neben dem Stuhl mit der Palme bewegte sich der gelbe Blusenfleck der Lehrerin in müdem Gependel. Sooft sie im Einnicken vornübersank, stieß ihr Kinn an den Bügel der röten Wachstuchtasche, worauf sie jedesmal entsetzt die Augen aufriß. Das wirkte wie ein zuverlässiger aber höchst sinnloser Mechanismus des Sichwachhaltens. Bis vor wenigen Minuten hatte sie der Münzmeister mit Einzelheiten aus seinem verschollenen Gewerbe unterhalten. Nun er minder Bemerkung, Blech präge sich sogar schwerer als Gold, gegangen war, begann der Schlaf sich über das Schulfräulein herzumachen.

Auch ihr Nachbar zeigte bereits Zeichen solcher Anfechtung. Er war Reisender von Beruf, Verkäufer von Medizinglas, wie er sagte, und alt genug, sich in Fahrplänen auszukennen. Trotzdem saß er jetzt zu solcher Unzeit hier in diesem Wartesaal und trug die Krümel der Armut in seinem Bart. Neben der dicken Tasse mit dem verschütteten Rest von Suppe hatte er Zwicker und Füllfederhalter abgelegt, wie er es wohl früher zu Hause im ehelichen Schlafzimmer getan. Der Anblick des Neuankömmlings mit der Palme war ihm entgangen, da er die Hutkrempe über die Augen gezogen hatte wie, Rolläden gegen die Sonne.