Das neue Geld ist da. Niemand sollte dem alten schlechten Gelde eine Träne nachweinen. Wenn es dahin kommt, daß sich das Arbeiten nicht mehr lohnt, wenn der Verkauf einer Raucherkarte mehr einbringen kann als eine ganze Monatsleistung, und wenn der am besten abschneidet, der jeder nützlichen Arbeit die Schiebung vorzieht, so ist nicht allein die Wirtschaft, sondern das Leben selbst in eine heillose Unordnung geraten. Das Zeitalter der Arbeit, in dem wir leben, steht unter dem Gesetz der alten Weisheiten: "Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert", und "Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen". Und "Arbeiter" ist, ganz unabhängig vom Beruf, jeder der etwas leistet. Die echte Leistung hat den Anspruch auf ihren richtig gemessenen, richtig gerechneten Gegenwert. Das Messen und Rechnen ist nicht allein eine ökonomische Funktion, sondern letzten Endes eine Sache der Ehrlichkeit. Wir haben nicht mehr ehrlich werten können mit dem alten Gelde. Deshalb vor allem war es ein schlechtes Geld.

Die Deutsche Mark kann weder Wunder wirken, noch ist sie ein Allheilmittel. Aber sie kann uns als ein unbestechlicher Maßstab dienen, der uns lehrt, das Wahre vom Falschen, das Echte vom Unechten zu unterscheiden. Die neue Währung macht Deutschland weder um eine einzige Deutsche Mark reicher noch um eine einzige Reichsmark ärmer. Sie zeigt uns die Armut, die schon vorher da war, die unsere preisgestoppte Inflation nur dem verbarg, der bereit war, sich täuschen zu lassen. Diese Armut ist ein Ergebnis des Krieges und der teils notwendigen, teils willkürlichen und ungerechten Kriegsfolgen. Sie begann mit Hitler und durch Hitler. Daß sie nicht mit Hitler enden konnte, versteht sich von selbst. Daß sie nach Hitler bis zu dem heutevorhandenen Ausmaße angewachsen ist, versteht sich nicht von selbst. Der Verlust der Ostgebiete, der Eiserne Vorhang, das Elend der Vertriebenen, dies alles und manches andere wäre zwar ohne Hitler nicht gekommen, aber niemand kann behaupten, daß darin eine unausbleibliche, eine gerechte Folge von Hitlers Krieg zu sehen, ist. Sehr viel Schuld hat Deutschland bei sich selber zu suchen, aber keineswegs alle Schuld.

Deshalb versteht es sich für uns auch nicht von selbst, daß der Name "Deutsche Mark" nur symbolische Bedeutung hat, daß die neue Währung nicht für ganz Deutschland gilt. Wir wissen, was es bedeutet, daß der Eiserne Vorhang nun auch zur Währungsgrenze – wird. Die Währungsspaltung ist eine unvermeidliche Folge der längst vorhandenen politischen und wirtschaftlichen Zerrissenheit Deutschlands, aber sie wird diese Zerrissenheit noch fühlbarer, noch deutlicher machen. Die SED, der jedes Anzeichen einer Gesundung im Westen Deutschlands verhaßt, ist; beschuldigt alle Deutschen, die an der Währungsreform mitgewirkt haben, des Verrats an der deutschen Einheit. Das ist das altbekannte Spiel mit unredlichen Worten. Kein Volksbegehren kann darüber hinwegtäuschen, daß eine kommunistisch-sowjetische Einheit Deutschlands niemals eine deutsche Einheit wäre; denn nur in der Freiheit kann Deutschland deutsch sein. Die Uniformität der Sklaverei ist eine "Einheit", die kein Deutscher bejahen darf, und sie ist das einzige, was die SED und ihr mächtiger Auftraggeber uns zu bieten haben. Alles muß geschehen, um wenigstens einen Teil Deutschlands frei und gesund zu machen. Und folglich mußte auch die Deutsche Mark geschehen. Wir können nichts Besseres tun, als ein Kerndeutschland errichten und zugleich den Anspruch auf das ganze und freie Deutschland aufrechterhalten. Keine Währungsgrenze kann uns hindern, uns mit den Deutschen östlich des falschen Limes brüderlich verbunden zu fühlen. Keine Währungsgrenze kann uns hindern, in Berlin die Hauptstadt Gesamtdeutschlands zu sehen. Der Unterschied zwischen dem, was de facto ist, und dem, was de jure sein müßte, war niemals so wesentlich wie gerade, jetzt. Wir wissen, daß wir mit der neuen Währung im Westen auf lange Sicht die Sache der Deutschen des Ostens mitvertreten, auch wenn auf kurze Sicht die Trennung noch fühlbarer wird. Und wir wissen, daß wir auch unserer verhinderten Hauptstadt Berlin auf lange Sicht mehr helfen als schaden, wenn wir hier im Westen die alte Reichsmark, diese Währung des Scheins, durch die Deutsche Mark als eine Währung des Seins ersetzen. Nicht wir, sondern die Besatzungsmächte haben diese Deutsche Mark geschaffen. Aber wir können sie uns zu eigen machen. Es wäre müßig, jetzt darum zu streiten, um wieviel besser die Währungsreform gewesen wäre, wenn wir selbst sie durchgeführt hätten. Nach den zähen Auseinandersetzungen mit dem amerikanischen Währungssachverständigen Tannenbaum hat es jetzt keinen Sinn, das alte deutsche Lied "O Tannenbaum, o Tannenbaum" aufs neue und anklagende Weise zu singen. Nicht darauf kommt es heute an, ob dies die beste aller möglichen Währungsreformen ist, sondern allein darauf, ob sie ihren Sinn und Zweck erfüllen kann. Und das kann sie. Sie zieht einen Schlußstrich hinter die Jahre des falschen Messens und Wertens. Und dieses Abschließen mit der Vergangenheit verbindet sich mit einem Sichtbarmachen der Gegenwart und mit einer Chance für die Zukunft. Die Zukunft ist hierbei das Wichtigste. Leistung muß wieder Trumpf werden in Deutschland, und das ist nur möglich, wenn ehrlich gerechnet und gefehlt wird.

Wir hätten es begrüßt, wenn Währungsreform, Steuerreform und Lastenausgleich als ein einheitliches Ganzes auch durch ein einheitliches Gesetzgebungswerk vollzogen worden wären. Denn erst durch diese Gesamtreform kann die Leistung Arbeit, Trumpf werden. Der Wille zu guter Arbeit, die Freude an guter Arbeit sind nur möglich, wenn ein wesentlicher Teil eines in ehrlicher Währung verdienten Entgelts bei dem verbleibt, der die Arbeit geleistet hat. Die Arbeitsmoral, Steuern der letzten Jahre haben die Arbeitsmoral, die Steuermoral und die Sparmoral schwer geschädigt. Das wird jetzt durch die der Währungsreform auf dem Fuße folgende – Steuerreform anders werden. Es wird sich wieder lohnen, mehr und Besseres zu leisten. Und es wird allerdings auch notwendig sein, die Leistung zu steigern, wenn die bisherigen Brutto-Verdienste jetzt in "harter." Währung erhalten bleiben sollen. Auch die Steuerreform der Militärregierungen erfüllt nicht alle deutschen Erwartungen. Aber gerade hier ist eine elastische Politik möglich, die eine weitere Senkung der direkten Steuern in nicht allzu ferner Zeit zulassen sollte.

Am meisten hinkt der Lastenausgleich hinter den beiden anderen Reformen her, und hier allein haben die Besatzungsmächte es für richtig gehalten, die Verantwortung deutschen Instanzen zu übertragen. Es ist weder sachlich noch psychologisch weise, die Gewißheit der allen Scheins entkleideten Verarmung noch auf mehrere Monate mit der Ungewißheit hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit zu verbinden. Unter den Geschädigten, besonders unter den Vertriebenen, ist der Anteil derer, die nicht mehr arbeiten können, außergewöhnlich hoch. Und nur, wer nicht arbeiten will, nicht etwa, wer nicht arbeiten kann, soll auch nicht essen. Hier sind die letzten Scheinreserven in Papiermark endgültig als eine Illusion aufgedeckt. Hier gibt es auch keine Aussichten mehr, durch den Verkauf eines allerletzten Schmuckstückes das Schlimmste wenigstens noch um einige Monate hinauszuzögern; die Jagd nach den Sachwerten um jeden Preis ist zu Ende, und die Habseligkeiten, die bisher am gesuchtesten waren, werden jetzt sehr niedrig bewertet werden. Auch das ist nur der Abschluß einer Periode der falschen Wertungen. Aber um so wichtiger ist es, daß hier bald und gründlich geholten wird, daß das grausame Lotteriespiel, bei dem die einen alles behielten und womöglich noch ihr Vermögen mehrten, während die anderen alles verloren, nachdrücklich korrigiert wird. Auch die Verteilung des Besitzes an realen Werten muß in einem gesunden Verhältnis zur Leistung stehen. Eine Verteilung durch Bomben und Heimatvertreibungen ist alles ancere als gerecht, denn sie hat mit der ursprünglichen Leistung, durch die der Besitz erworben wurde, überhaupt nichts mehr zu schaffen. Hier darf keinesfalls sechs Monate gewartet werden, die den deutschen Instanzen als Frist gesetzt’sind. Es handelt sich um eine Aufgabe, die zugleich christlich, sozial und demokratisch ist. Unsere beiden großen Parteien haben daher eine gute Gelegenheit, ihren Namen als Sozialdemokraten und als Christliche Demokraten, unter Verzicht auf Demagogie und Polemik, in schöner Eintracht Ehre zu machen.

In Wirklichkeit wird ein einigermaßen gerechter Lastenausgleich, eine einigermaßen gerechte Sozialleistung überhaupt, erst durch Geldreform und Steuerreform möglich. Es wäre also unsinnig, gerade die Geldreform als unsozial zu betrachten. Die vermeintliche Sozialität des Scheingeldes war auch nur eine Illusion, die, selbst ohne Geldreform, bald aufgedeckt worden wäre. Die sehr hohe Sozialleistung, die in Deutschland aufzubringen ist, kann allein auf dem Wege über das Sozialprodukt aufgebracht werden. Bei unserem außerordentlichen Defizit an Männern im arbeitsfähigen Alter ist das nur bei höchster Produktivität der gesamten Arbeit möglich. für die Sozialität besteht also nur dann eine Aussicht, wenn der produktiven Leistung jedes Arbeitsfähigen die höchstmögliche Chance gegeben wird. Also abermals: Leistung muß Trumpf – werden, und das ist nur bei ehrlichem Gelde und sinnvollen Steuern zu erreichen.

Die Umstellung wird auf kurze Sicht schwer und nicht ohne Härten sein. Ohne eine vorübergehende Arbeitslosigkeit, ohne den Untergang nicht weniger Betriebe kann es gar nicht abgehen. Soundso viele Unternehmen in Gewerbe und Handel, die in der Welt des Scheins bestehen und Arbeitnehmer beschäftigen konnten, werden sich in einer Welt des Seins als existenzunfähig erweisen. Aber von der Gesamtheit her gesehen sind das nur die Schmerzen einer vernarbenden Operationswunde. Auf längere Sicht wird ein Ausgleich durch die zunehmenden Möglichkeiten der existenzfähigen Unternehmen eintreten. Und selbstverständlich muß jedem geholfen werden, der ohne eigenes Verschulden seinen Arbeitsplatz verliert.