Aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang erklingen neuerdings nicht mehr die bekannten Töne. Dort scheint man sich plötzlich auf Frieden umzustellen. Mitte Mai meldete sich überraschend der sowjetische Botschafter in Ankara zu einer Audienz beim Staatspräsidenten Inonü. Er teilte diesemmit, die Sowjetunion lege sehr großen Wert darauf, daß die Beziehungen zwischen der Türkei und der Sowjetunion recht freundlichen Charakter trugen. Auch die bulgarische Regierung, die lange Zeit darauf verzichtete, mit Griechenland normale diplomatische Beziehungen wiederaufzunehmen, zeigt jetztmit einemmal Bereitschaft hierzu. Es heißt weiter, daß die jugoslawische und die albanische Regierung ihre Unterstützung der griechischen Aufständischen plötzlich eingestellt hatten; Die Sowjetunion zeigte ein bemerkenswertes Entgegenkommen in den Vorverhandlungen zu der Zehn-Mächte-Donaukonferenz. Schließlich ist auch die jugoslawische Mitteilung in Washington, daß man in Belgrad gewillt sei, die Ansprüche der Vereinigten Staaten zu befriedigen, die in der Hauptsache aus der Beschlagnahme amerikanischen Eigentums auf Grund des jugoslawischen Verstaatlichungsprogramms entstanden waren, nicht ohne Bedeutung.

Selbst der Rundfunkkrieg, der von Moskau aus so erbittert, geführt wurde, erfuhr eine Wendung; der heftige Ton wurde gemäßigt, und man hört kaum noch etwas über "Dollarimperialismus" und ähnliches. Man – geht sogar weiter und verkündet den eigenen Hörern, die Ost-West-Krise sei weitgehend abgeflaut. Dies sei nach dem Notenaustausch zwischen Außenminister Molotow und dem amerikanischen Botschafter in Moskau; Bedell Smith, erfolgt. Es sei nun klar geworden, daß die Kriegsdrohungen nur eine Form des amerikanischen, diplomatischen Druckes gewesen seien, durch den die Vereinigten Staaten versucht hätten, die neue Ordnung im Osten Europas zu stören. Durch Verbreitung von Kriegsgerüchten hätten die Amerikaner versucht, die reaktionären Kreise in Osteuropa wachzuhalten. Jetzt seien diese jämmerlich verlassen worden. Die Truman-Diplomatie sei also zweifellos fehlgeschlagen. Auch die Länder des Westblocks seien getäuscht worden. Sie hätten die Westeuropäische Union in der Überzeugung geschaffen, daß es Krieg mit der Sowjetunion geben werde. Es habe sich aber herausgestellt, daß die Vereinigten Staaten (in Zusammenhang mit einer bevorstehendenWirtschaftskrise) den Frieden dringender brauchten als die Sowjetunion. Auch der ehemalige Generalsekretär der Kommunistischen Internationale und jetzige Ministerpräsident Bulgariens, Georgi Dimitroff, hat sich kürzlich dazu geäußert. Er forderte in einer Rede die Vereinigten Staaten zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion auf. Sein Ton war ungewohnt maßvoll. Er versicherte, daß es keine internationalen Probleme gäbe, die nicht durch Verhandlungen in einer Atmosphäre des guten Willens gelöst werden könnten. Dimitroff bestritt, daß es möglich sei, die Welt in zwei Teile zu spalten.

Die Vermutungen über den neuen sowjetischen Kurs, wenn überhaupt von einer Kursänderung die Rede sein kann, sind naturgemäß zahlreichund weichen erheblich voneinander ab. Diplomatische Kreise in Washington meinen, daß die Russen und ihre kommunistischen Verbündeten sich die bestmöglichen Belege ihrer friedlichen Tätigkeit verschaffen wollen, bevor im Herbst die UNO-Vollversammlung zu ihrer nächsten Sitzung in Paris zusammentritt. Die Sowjets versuchen, wie man in Washingtonannimmt, ihren Prestigeverlust dadurch wettzumachen, daß sie in den Bemühungen um den Weltfrieden die Führung für sich beanspruchen, während sie die Vereinigten Staaten als "Kriegstreiber" hinstellen. In der neutralen Schweiz glaubt man sogar, daß tatsächlich eine Kursänderung in der sowjetischen Außenpolitik eingetreten sei, wobei diese Politik als Folge innerer Machtkämpfe im Kreml verstanden wird.

Dies alles sind nur Vermutungen, die im Falle der Sowjetunion besonders ungewiß sind. Jedenfalls ist es von großer Wichtigkeit zu wissen, ob es sich bei der gegenwärtigen Außenpolitik des Kremls um eine wirklich neue Politik oder nur um eine neue Taktik innerhalb der alten Politik handelt. Für das erstere spricht gegenwärtig noch sehr wenig. Wahrscheinlicher ist es, daß die Sowjets selbst der Meinung sind, sie hätten den Bogen überspannt, und müßten, zunächst einmal, für eine ruhigere Atmosphäre sorgen.

B – w