Wie ist es mit der Präsidentschaftskandidatur Eisenhower? Diese Frage wird bei den vielen Abstimmungen auf dem Parteitag der Republikanischen Partei Amerikas, der am 21. Juni in Philadelphia begonnen hat, immer wieder gestellt werden. Dieselbe Frage, wird aber auch auf dem demokratischen Parteitag, der am selben Orte am 12. Juli tagt, auftauchen. Also derselbe Kandidat für Republikaner und Demokraten? Wo bleibt der Unterschied der Parteien?

Dieser Unterschied ist natürlich vorhanden. Er liegt weniger im Programm als vielmehr in der Haltung. Die Republikanische Partei ist die des behäbig und sicher dahinschreitenden Elefanten, die demokratische die des Esels, der nur zum Ziele kommt, wenn der Elefant den Esel vorbeihuschen läßt. Die Republikaner sind mehr konservativ eingestellt, die Demokraten etwas freiheitlicher und liberaler, aber hier gibt es erhebliche Unterschiede. So haben wir den starken liberalen Flügel der Republikanischen Partei und die ausgesprochen konservativen, ja reaktionären Demo-, kraten des Südens. Eisenhower ist seiner Haltung nach eher ein Republikaner als ein Demokrat. Von republikanischer "Seite wurde ihm auch zunächst die Kandidatur angetragen, aber er lehnte aus grundsätzlichen Erwägungen ab: ein Militär solle sich von der Politik fernhalten. Trotzdem wandte sich die Truman-Opposition der Demokratischen Partei unter Führung von zwei Söhnen Roosevelts Anfang dieses Jahres erneut an Eisenhower, um ihn als Kandidaten zu gewinnen. Seitdem sind die Republikaner sehr besorgt, daß Eisenhower zusagen könnte. Eisenhower ist nämlich, wie alle Rundfragen und privaten Abstimmungen gezeigt haben, der mit Abstand populärste Kandidat. Er würde gewählt werden, einerlei welche Partei ihn nominiert. Die Republikanische Partei würde wohl auch mit einem anderen Kandidaten siegen, aber es droht ihr die Niederlage, wenn Eisenhower für die Demokraten kandidiert.

Das Rennen unter den republikanischen Kandidaten ist offen. Wie bei den Wahlen der Jahre 1936 bis 1944 fehlt der Partei der Kandidat, der eine einmütige und geschlossene Mehrheit hinter sich hätte und einen ähnlichen Erfolg sichern würde, wie ihn Roosevelt in den Wahlen 1932 bis 1944 verzeichnen konnte. Vorn liegt Dewey. Schon vor dem Parteitag ist er als der populärste Kandidat bezeichnet worden, bei den Vorwahlen hat er gut abgeschnitten, aber, er ist bei der Parteibürokratie nicht beliebt. Dasselbe gilt noch mehr für Stassen, der bei den Vorwahlen einige sensationelle Erfolge errang, und, in geringerem Grade; auch für Vandenberg.

Für die Parteileitung sind diese drei Kandidaten zu liberal, zu wenig amerikanisch, für sie ist zum Beispiel Dewey ein New Yorker, aber kein Amerikaner. Die Parteibosse wollen einen Kandidaten wie Harding, der nach dem Versagen Wilsons so glatt gewählt wurde, oder wie Coolidge, der fast 8 Jahre als der große Schweiger im Weißen Hause residierte. Sie will, etwas kraß ausgedrückt, ein gefügiges Werkzeug, und hält die Wahlaussichten der Republikanischen Partei für so günstig, daß sie glaubt, jeder republikafrische Kandidat müsse siegen, es sei denn, den Demokraten gelänge die Nominierung von Eisenhower. Die Parteileitung, die im Kampfe gegen Roosevelt dem liberalen Flügel so manche Konzession hatte machen müssen, 1940 Willkie und 1944 Dewey akzeptieren mußte, will jetzt zu ihrem Vorkriegskurs zurück. Der Gegensatz zwischen Parteileitung und liberaler Opposition verkörpert sich nicht nur für uns Europäer, sondern auch für viele Amerikaner vor allem in der Rivalität Taber–Vandenberg. Vandenberg der frühere Isolationist, ist durch seine außenpolitische Aktivitätund durch sein Eintreten, für den Marshall-Plan auch außerhalb Amerikas wohlbekannt. Von John Taber hörten viele wohl zum erstenmal, als er in Berlin im Sommer vorigen Jahres nach einer Reise durch Italien, Österreich und Deutschland erklärte, er hätte von einer Unterernährung in Europa nichts gemerkt. Als Vorsitzender des Bewilligungsausschusses des Repräsentantenhauses hat er entsprechend gehandelt und eine 25prozentige Kürzung der Marshall-Hilfe durchgesetzt. Dies war nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern auch parlamentarisch-taktisch sensationell. denn es ist selten, daß der Bewilligungsausschuß Gelder nicht anweist, deren Ausgabe, grundsätzlich beschlossen ist, Taft hat eine solche Haltung für den Senat ausdrücklich abgelehnt. Per Erfolg zeigt die Stärke dieses von Taber zusammen mit dem Sprecher Martin geführten Flügels der republikanischen Fraktion des Hauses. Seitdem spricht man in der amerikanischen Öffentlichkeit sogar von Taberismus und Taberiten. Besorgt fragen sich viele: Werden sich die Taberiten auf dem Parteitag in Philadelphia durchsetzen und die Kandidatur derer verhindern, die wie Dewey, Stassen und Vandenberg – innenpolitisch einen liberalen Kurs und außenpolitischden Marshall-Kurs steuern wollen?

Aber wer ist der Kandidat der Parteibürokratie? Wer garantiert nach Meinung der Parteiführer im Innern eine Politik, die man eher reaktionär als konservativ nennen müßte, und nach außen eine Haltung,für die der Ausdruck Isolationismus angebracht, wäre? Die Frage wird sich erst im Laufe der Abstimmung klar beantworten lassen. Man könnte meinen, es wäre Taft, aber Taft hat so wenig politischen Sex-Appeal und hat sich durch sein Anti-Streikgesetz bei den Arbeitern und Gewerkschaften so unpopulär ge macht, daß es fraglich ist, Ob er gegen Truman gewinnen würde. Da alle Amerikaner auf der Schulbank die Namen der amerikanischen Präsidenten auswendig lernen mußten, bedeutet er als Sohn eines früheren Präsidenten immerhin nicht wenig. Gewisse Hoffnungen macht sich Martin selbst, aber vorläufig liegt er weit hinten im Rennen. Vielleicht wird im letzten Moment irgendein bisher wenig genannter Kandidat präsentiert, wie etwa Bricker. Auf jeden Fall wird der Kandidat derParteibürokratie ein namenloser Mann sein im Vergleich zu einem Dewey, Stassen oder Vandenberg: Setzt sich die Parteibürokratie durch, siegt in Philadelphia der Taberismus, so wird es schwerfallen, den liberalen Flügel bei der Stange zu halten. Die liberalen Republikaner würden dann vielleicht die Parteidisziplin brechen und für einen demokratischen Kandidaten stimmen. Aber die Parteibürokratie scheint diesé Gefahr gering zu achten.

W. G.