So markant ist die Linie Lübeck–Triest als Scheidegrenze zwischen Ost und West auf der europäischen Landkarte geworden, daß man darüber die nordischen Länder zuweilen ganz vergißt, die noch immer – wie in unseren Kindertagen – der oft bewunderten freischwebenden Hundegestalt gleichen, und die sich bis heute noch zu keiner Blockbildung haben einfangen lassen. Kein Zweifel, daß die Sympathie sowie die wirtschaftlichen und politischen Interessen dieser Länder dem Westen gehören, aber das bedeutet nicht ohne weiteres eine endgültige Stellungnahme gegen den Osten oder die Entscheidung für den Westblock.

Dort oben ist während der letzten Wochen und Monate bei zahlreichen Ministertreffen und sozialdemokratischen Parteitagen viel von außenpolitischer Zusammenarbeit und einer Koordinierung der Landesverteidigung gesprochen worden. Vielleicht ist diesen fast einzig überlebenden Individualstaaten angesichts der modernden Mammutgebilde ein wenig bange geworden, und da ihre verständlichen Sorgen durch einen Beitritt zum Ost- oder Westblock keineswegs geringer würden, hat man zunächst über die Zwischenlösung eines nordischen Bundes verhandelt. Generationenlang war es die Tradition der drei nordischen Staaten, neutral zu sein. Jetzt stellt sich auch ihnen zum erstenmal die Frage, gibt es in dieser Welt überhaupt noch Neutralität? Es scheint, daß die drei Partner hierüber verschiedener Meinung sind.

Dänemark ist zu einer Zusammenarbeit im Rahmen eines nordischen Blockes sehr bereit und zur Verteidigung seiner Selbständigkeit fest entschlossen. Der Präsident der sozialdemokratischen Fraktion, Eriksen, hat dieser wehrpolitischen Entschlossenheit mit den Worten Ausdruck verliehen, das Ausland müsse sich darüber klar sein, daß es nie wieder einen "Parademarsch über die dänische Grenze" geben werde. Die beiden skandinavischen Länder, die sich der exponierten Lage Dänemarks bewußt sind, sehen dagegen im Beitritt Dänemarks zu einem nordischen Bündnis eher eine Belastung.

Am stärksten aber sind die Meinungsverschiedenheiten zwischen Schweden und Norwegen. Der sehr aktive und realpolitisch denkende Außenminister Norwegens, Lange, hat kürzlich einmal festgestellt, daß angesichts der modernen Strategischen Erwägungen und der sehr exponierten geographischen Lage des Landes, die Möglichkeit, Norwegen aus einem eventuellen Krieg herauszuhalten, sehr gering wäre. Man ist sich ferner in Norwegen vollkommen darüber im klaren, daß sowohl die Aufrüstung wie auch der Nachschub von Waffen im Kriegsfalle ohne Inanspruchnahme des Auslandes gänzlich unmöglich sind. Darum hält man dort ein norwegisch-Schwedisches Bündnis ohne Anlehnung an den Westen für eine Utopie. Bei einer Gallupumfrage Vor einigen Wochen stimmten 69 v. H. der Befragten für eine außenpolitische Bindung an den Westen, wobei der Norweger zunächst an England und an die USA denkt und nicht etwa das englisch-französische Bündnis mit den Benelux-Staaten meint. Der norwegische Außenhandel ist eng mit England verknüpft und fast die gesamte Handelsflotte fährt für Amerika.

Gerade in dieser Tatsache, die die Möglichkeit sines norwegischen Sonderbündnisses mit dem Westen nahelegt, sieht Schweden eine gewisse Bedrohung seines Neutralitätsideals, und dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, daß der sehr zögernde Außenminister Unden sich schließlich in Verhandlungen über ein nordisches Verteidigungsbündnis eingelassen hat. Einerseits möchte Schweden alles vermeiden, was Rußland gegenüber als Affront gewertet werden könnte, und wer will sagen, ob nicht die Gründung eines nordischen Blocks bereits Rußlands Unwillen erregt? Es möchte ferner alles vermeiden, was seine Wirtschaft zu stark in Anspruch nimmt und das--würde bei einem schwedisch-norwegischen Verteidigungsbündnis mindestens hinsichtlich der Rüstungsindustrie sicherlich der Fall sein. Auf der anderen Seite aber stellt sich Schweden die bange Frage, was geschieht eigentlich, wenn Norwegen zum Beispiel ein Bündnis mit Amerika abschließt? Dann würde nämlich Schweden tatsächlich zwischen dem Ost- und dem Westblock eingequetscht werden, denn dann lägen die vorgeschobenen Verteidigungsfelder: Finnland im Osten, Norwegen im Norden unmittelbar vor seinen Grenzen.

Die Westmächte würden den militär- und außenpolitischen Zusammenschluß der nordischen Staaten sehr begrüßen. Sie sind aber wohl nur unter dieser Voraussetzung zu einem Bündnisangebot bereit und haben offenbar nicht die Absieht, mit einem einzelnen Staat irgendwelche verpflichtenden Abmachungen zu treffen. Einstweilen aber scheint dieser Zusammenschluß noch in weiter Ferne und das einzige Resultat der vielen nordischen Zusammenkünfte und Besprechungen war eigentlich die Feststellung, daß eine Koordinierung der Verteidigungs- und Außenpolitik der drei Länder nicht möglich sei.

Dönhoff