Von einer seltsamen Schönheit ist der Gedanke, hier in Bochum den Geist Shakespeares gefeiert zu sehen." Diese Worte Gerhart Hauptmanns galten 1927 der Größe des Gegensatzes: dem "Volk der Schmiede" an der Ruhr und dem "Spiel des Geistes" –"ringsum Eisenwerke, mächtige Schmelzöfen" und inmitten die zehn Königsdramen als lückenloser Zyklus des Bochumer Stadttheaters. Saladin Schmitt hat als Regisseur in den drei Jahrzehnten seiner Bochumer Intendantentätigkeit nicht. nur das dramatische Werk des britischen Dichters mit der Tendenz, zur literarischen Zyklenbildung immer von neuem umworben, auch die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft zog er langsam, aber bewußt von ihrem Stammsitz in Weimar nach Bochum. Einst zu "außerordentlichen" Tagungen und zehn Jahre später (1937) um der Römerdramen willen. Jetzt sind die Jahreshauptversammlungen der Shakespeare-Gesellschaft in Bochum – "die nach wie vor ihren Sitz in Weimar", aber in der sowjetischen Zone ganze 170 Mitglieder hat – noch immer "außerordentlich". Seit 1948 jedoch ist die Geschäftsführung in die Bochumer Stadtverwaltung aufgenommen worden, und die Worte prominenter Bewunderung für Shakespeare spricht als Ehrenpräsident der Gesellschaft "für die drei Westzonen" nun der Kölner Erzbischof, Kardinal Dr. Frings. Er vergleicht Shakespeare mit Dante. Die literarisch-wissenschaftliche Gesellschaft um den Dramatiker der Renaissance- und Barockwelt hat sich diesseits der deutschen Binnengrenze in den Schutzmantel der krisenfestesten unter den Mächten der Zeit geflüchtet: der Kirche.

Den "Deutschen Shakespeare-Wochen" sind in Bochum "halbe Wochen" als Nachfolger erstanden, Wie ein Sinnbild mutet es an, daß ihr Schauplatz, das Parkhaus mit seiner Interimsbühne, nicht wie das zerstörte Stadttheater inmitten des aus trostlosen Trümmern erwachenden städtischen Getriebes liegt, sondern auf sanftem Hügel herausgehoben wie eine Oase. Dichte Baumgruppen schirmen den Blick vor der geborstenen Wirklichkeit. Wendet das "Spiel des Geistes" sich nach innen, von den Quellen her die Welt zu wandeln?

Die Arbeit des Gelehrten schürft nach gewohnter Weise in der Tiefe und rüttelt an den Grenzen der Erkenntnis. Aus neun Weimarer Jahrzehnten ist die Gepflogenheit übernommen worden, daß in der Hauptversammlung der Gesellschaft die neuesten Ergebnisse der deutschen Shakespeare-Wissenschaft vorgetragen werden. Diesmal sprach nach bestem Gelehrtenbrauch Prof. Dr. Hermann Heuer (Münster) über den "Geist, und seine Ordnung bei Shakespeare". Und was bei uns und im Ausland über Shakespeare gedacht, geschrieben und von seinen Dichtungen neu gedruckt wird, das erfährt man so vollständig wie möglich heute in Bochum. In Weimar, wo noch die größte deutsche Shakespeare-Bibliothek mit 80 000 Bänden steht, wird das Wichtigste dann im Jahrbuch der Gesellschaft erscheinen. Band 83/84 wird jetzt ausgeliefert. Als

neueste Daten von allgemeinem Interesse seien vermerkt: das Erscheinen einer vierbändigen Shakespeare-Ausgabe bei Schwakenberg in Dortmund und die Vorbereitung einer dreibändigen Dünndruckausgabe als offizielle Textfassung der Shakespeare-Gesellschaft in neuer Auflage beim Lambert-Schneider-Verlag in Heidelberg. Die Forschung hat als jüngstes deutsches Werk das Buch "Shakespeare und das deutsche Theater" von Ernst Leopold Stahl (bei W. Kohlhammer, Stuttgart) vorzuweisen.

Doch Shakespeare ist kein Objekt für die "Nilmesser einer entwichenen Gottesflut". Er ist eine ständige Aufgabe auch für das Theater. Quantitativ umschließen die Baumwipfel des Bochumer Parkhügels gegenwärtig wohl die regsamste Bemühung um Shakespeare auf deutschen Bühnen. Die Aufführungen dieses Jahres – "Richard II.", "Richard III.", "Romeo und Julia" und "Wie es euch gefällt" – waren trotz ihrer literarischen Neigung zur Bochumer Zyklenbildung nicht einmal doktrinär gewählt. Mit der Neuinszenierung von "König Richard III." war thematisch sogar ein gewisser Zeitbezug gegeben. Denn dieses Daimonion pervertierten Machtgebrauchs traf auf das vertiefte Verständnis aus den eigenen geschichtlichen Erlebnissen der Zuschauer. Um so befremdender mußte es wirken, daß Saladin Schmitts Inszenierungen nach wie vor im Statuarisch-Dekorativen desHistoriendramas stecken bleiben und in den darstellerischen Leistungen weder über ein ausgeweitetes Chargenspiel noch im Durchschnitt über die hohle Deklamation hinausdringen zur unmittelbar packenden menschlichen Tragödie, zur Atmosphäre Shakespearescher Poesie und dem schwebenden Geist seiner Märchenweisheit. Ein ungleichwertiges Ensemble mit einigen zur Virtuosität der Mache gesteigerten Spitzen ist nur einer der Hinderungsgründe. Das tiefere Übel dieses "Bochumer Stils" liegt in der Anknüpfung an seine eigene Vergangenheit. Trotz beengter Bühnenverhältnisse, die durch ein dramaturgisch praktikables Spielsystem nur technisch überbrückt werden, wiederholt sich Schmitt hartnäckig selbst. Über den einst anregenden, zu einer Sonderstellung gelangten Theatermann hat Saladin Schmitt, der Präsident einer literarischen Gesellschaft, gesiegt. Shakespeare ist in Bochum ansässig geworden. Aber das "Theater der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft" ist ein Begriff der Historie, das museale Erinnerungsmal einer "entwichenen Gottesflut". Johannes Jacobi