Nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa ist die beste Literatur vom Verkaufstisch verschwunden. Aber sollte es denn wahr sein, daß sich drei oder gar fünftausend Leser für ein so schwieriges Werk, wie etwa die neue Logik von Jaspers finden? In normalen Zeiten gewiß nicht. – Doch heute wird das Buch vom unterirdischen Käuferstrom verschluckt und wandert in Bücherschränke, um nicht mehr hervorgeholt zu werden. Einige Verleger wie Peter Suhrkamp sind deswegen dazu übergegangen, ihre Bücher unter Ausschluß der anonymen Leserschicht zu verbreiten. Aber wer garantiert selbst bei sinnvollem Verfahren, daß nicht gerade der wesentliche Leser, der junge Mensch der bildungsbedürftigen Kriegsgeneration, außer Acht gelassen wird? So bleibt als der probable Ausgleich die Methode der erfahrenen Buchhändler, die in enger Zusammenarbeit mit dem Verleger den Kundenstamm "bedienen". Aber wer weiß – vielleicht wird auch im Dilemma des Büchermarktes die Währungsreform Wandel schaffen.

Auch wenn der richtige Verteilerschlüssel für Bücher nicht hergezaubert werden kann, sind den Zeitungslesern immerhin durch Buchbesprechungen, Aufsätze oder abgedruckte Proben, Namen wie Kasack, Langgässer, Martin Beheim-Schwarzbach, Hans Henny Jahnn – um einige herauszugreifen – nahe gebracht und vertraut geworden. Die Meisterstücke des Massengeschmacks, die Bücher von Theodor Plivier oder Anna Seghers, erste, Künder des hinter uns liegenden militärischen und politischen Grauens, sind aus der Ostzone zu uns gewandert. Groß ist die Auslese noch nicht, sofern man den Mut hat, höchste Wertmaßstäbe anzulegen.

Karl Krolow, selbst Lyriker von eigenem Gepräge, hat kürzlich bereits in der "Zeit" auf das lyrische Schaffen Elisabeth Langgässers hingewiesen, die von Claassen und Goverts (Hamburg) vertreten wird. Ihre Lyrik – zusammengefaßt in der "Laubmann und die Rose" – zählt zu den wenigen Dichtungen, die über den rilkisierenden Modevers hinausgewachsen sind. Ihre Novellensammlung "Der Torso" verpflanzt die amerikanische Kurzgeschichte ins weit konservativere und keineswegs aufgelockerte deutsche Sprachgewand. Es sind Schlaglichter auf unsere ethische Katastrophe, erschütternd in der knappen Aussage.

Die schönen, formvollendeten Gedichte der Marie Luise Kaschnitz sind für jeden, der mit der geistigen Elite von Italien und Süddeutschland vertraut ist, voll unwiderstehlicher Erinnerungsklänge (Claassen und Goverts, Hamburg). Hintergründiger aber ist die farbige Vision der Gedichte von Gertrud Kolmar, die Hermann Kasack herausgegeben hat (Suhrkamp, Berlin). Wer erinnerte sich dabei nicht der expressionistischen Inbrunst der Else Lasker-Schüler? Dennoch bleibt der imposante metaphysische Durchbruch, wie er der angelsächsischen Lyrik geglückt ist, bis jetzt den Dichtern in Deutschland versagt. Noch nichts Ähnliches – jener realistisch-sprachlichen Revolution ist spürbar, wie sie im jungen Gottfried Beim einst geschlummert hat.

Was den Essay betrifft, die Darstellung philosophischer oder künstlerischer Hintergründe – da sind die Deutschen Autoren wieder ganz vorn. Dieter Bassermann zeigt in seinem Band gesammelter Aufsätze "Der späte Rilke" (Leibnizverlag, München, bisher Oldenburg), wieweit das dichterische Genie Rainer Maria Rilkes in den metaphysischen Hintergrund der Epoche eingebrochen war. Das Buch ist eine Fundgrube für und gegen Rilke, denn der Dichter wird am Arbeitstisch, unbeschönigt und belegt mit bisher nicht erreichbarem Material, belauscht. In meisterlicher Ausstattung hat der Piper-Verlag in München ein neues, bedeutsames Werk von Wilheim Hausenstein herausgebracht: "Begegnungen mit Bildern". Da sind vortreffliche Reproduktionen von Gemälden, die Weltgeltung haben, und von anderen, die sie verdienten. Aber nicht nur der Kunstverstand, sondern das Herz hat sie ausgewählt. Und wie Hausenstein die Bilder interpretiert, das rührt aus der Kunsterfahrung eines Lebens. Auch das Lesedrama ist wieder verfügbar. Der durchschlagende Bühnenerfolg von Zuckmayers "Des Teufels General" kann jetzt ebenso wie der von Eliots "Mord im Dom" in der Buchausgabe nachgeprüft werden (Suhrkamp). Es wäre aber gewiß ersprießlich, wenn die großartige Dramatik Eliots zweisprachig veröffentlicht würde, um die angefochtene Übertragung Rudolf Alexander Schröders zu rechtfertigen. Es bleibt ohnehin bedauerlich, daß der Einstrom englischer Literatur nicht in gleicher Weise wie das französische Buch gefördert wird. – Hans Henny Jahnns Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier" (Willi Weismann, München) bannt Erinnerungen an das Weismann, das heute von der Zivilisationskruste überdeckt ist, wie die ungewöhnliche Erscheinung Jahnns überhaupt aus Protest gegen die selbstzerstörerische Epoche geschmiedet ist. Sein Drama wirkt stellenweise wie der verkürzte Entwurf eines Epos.

Von überall her ist übrigens die Opposition gegen den Würgegriff der Zivilisation unterwegs. Unheimliches wird über den entfesselten Dämon in Erwin Reisners, des Berliner Pfarrers und bedeutenden Denkers, breit ausgesponnenem "Der Dämon und sein Bild" ausgesagt (Suhrkamp). Derartige Bücher zur Kritik und zur Orientierung der Gegenwart sind symptomatisch. Von diesem Blickpunkt aus gesehen ist uns Thomas Manns formal gerundeter Vortrag über "Nietzsches Philosophie", aus dem die verletzte Liebe gewittert, völlig entrückt – der riesige Denker Nietzsche muß in einen neuen Wissenshorizont hineingeordnet werden. Noch weniger ist mit dem Krisenjournalismus von Alexander Borelius anzufangen, der das "Ende der Vernunft" (Rowohlt) in Begriffsverschwommenheiten auflöst und sich in die Gefahrenzone der halben Wahrheiten verirrt. Aber eine gewichtige wissenschaftliche Diskussion ist von Alfred v. Martin in der Studie zum Humanismus und Christentum wiedergewonnen. Sein Versuch über "Die Religion Jacob Burckhardts" (Erasmusverlag, München) ist (wie schon seine Abhandlung über Burckhardt und Nietzsche) mit dem ganzen wissenschaftlichen Apparat ausgestattet, der das Äußerste an Zuverlässigkeit in unserer vielfach so fragwürdigen Publizistik gewährleisten kann. Martin, ein echter Humanist, zweifelt an den Extremisten wie Nietzsche und Kierkegaard; nicht nur Burkhardts, sein eigener gesunder Sinn bäumt sich gegen "die Verdüsterung unseres Weltbilds" auf. Er schreibt: "Während der .beständig auf der Grenze lebende‘ Kierkegaard nicht hinausgelangt über die Labilität eines Schwebezustandes zwischen den Polen der Höhe des Genialitätsstolzes und tiefster Tiefen der Angst und Verzweiflung, repräsentiert Burckhardt die gesunde Mitte, das humane Maß". Das ist ein erstaunliches Wort in einer Zeit, da rings die Wetterzeichen auf Sturm gesetzt sind. Mit nicht geringerer Entschlossenheit geht Gerhard Nebel im "Griechischen Ursprung", den der bemerkenswert qualitätsbedachte Mareesverlag herausgibt, dem zivilisatorischen Verhängnis auf die Spur. Nebel greift auf die Wurzeln des Humanismus, auf Platon zurück, den er einer Generalrevision unterzieht. Aber es ist fraglich, ob nicht schon Piatön für das abendländische Schicksal verantwortlich gemacht werden kann, wie es Heidegger in seinen Interpretationen der Vorsokratiker, des Wahrheitsproblems und des Parmenides getan hat. "Platon handelt und denkt aus der Präsenz des Seins, die Massen aber werden aus dem Stachel des Nichts vorwärts getrieben". (Nebel). Das Fundament, auf dem das Abendland ruht, ist von unten und oben her angefault: die Energie, mit der Nebel – basierend auf Ernst Jünger – dem Verfall zu Leibe rückt, hat denkerische Größe. Der Satz: "Die Fundamente sind brüchig, weil das System die wesentliche Neigung des Menschen zum Bösen ignoriert, und so stellt sich ... der Optimismus als das eigentliche Verhängnis der Stoa heraus": ist zwar auf die Stoa geprägt, prangert jedoch die falsche Auffassung vom Menschen an, auf der der gesamte moderne Sozialismus beruht – im Gegensatz zur christlichen These, wonach der Mensch von Natur schlecht ist.

Damit sind wir mitten im entscheidenden Gespräch über die Rettung des Menschen, das heute über alle Kontinente hinweg geführt wird. Es gibt Haltepunkte in der Drift, die zum Untergang treibt: Sackville-West, die unvergleichliche Kennerin Persiens, erkennt sie in der Heiligen Teresa von Avila und in Therese von Lisieux ("Adler und Taube" bei Claassen Goverts).