Mit der Wahl von Klement Gottwald zum neuen tschechoslowakischen Staatspräsidenten wurde die Krise, in der sich die Tschechoslowakei befand, erfolgreich für die Kommunisten abgeschlossen; das Land wurde zu einer echten Volksdemokratie erhoben. Die Krise brach im Februar offen aus, als die bürgerlichen Parteien den Versuch unternahmen, dem immer größer werdenden Einfluß der Kommunisten in der Regierung Einhalt zu gebieten und endete mit der Einreihung der Tschechoslowakei als jüngstem Mitglied unter den Polizeistaaten Europas. Nun wird man in Zukunft aus Prag kaum mehr über. Unstimmigkeiten unter den Parteien hören. Die meisten der Politiker, die mit dem Regime nicht einverstanden waren und sich dagegen wehrten, mußten entweder ins Ausland flüchten oder wurden als Volksfeinde verhaftet. Zwei stürzten aus dem Fenster. Als letzter trat schließlich auch Staatspräsident Benesch zurück.

Man begann bereits Anfang des Jahres darüber zu diskutieren, ob er zurücktreten müsse, um die Legitimität des neuen Regimes zu bestreiten In Wirklichkeit ist es sehr fraglich, ob ein Rücktritt Beneschs zu jenem Zeitpunkt oder gar sein aktiver Widerstand gegen das Umsturzunternehmen etwas Wesentliches an der Entwicklung zu ändern vermocht hätte; und dies, nicht nur, weil die freiheitsliebenden Elemente, wie sich erwiesen tat, auf keine wirkliche Unterstützung aus dem Westen rechnen konnten, sondern auch wegen der politischen Struktur des neuen tschechoslowakischen Staates, der nach dem zweiten Weltkrieg geschaffen wurde.

Als Benesch im Oktober 1938 abdankte und später, während des Krieges, Staatspräsident der Exilregierung wurde, war er vor allem eifrigdarauf bedacht, eine Garantie der früheren tschechoslowakischen Grenzen zu erlangen. Eine solche Zusicherung erhielt er jedoch von den Westmächten nicht. Es schien, daß der Runcimanbericht über die Behandlung der nationalen Minderheiten in der Tschechoslowakei nicht vergessen war. Man wollte offenbar die Fehler von 1919 nicht wiederholen. Benesch aber verminderte seine Bemühungen nicht und richtete seine Blicke nach dem Osten. Dort erhielt er die gewünschte Garantie. Im Winter des Jahres 1943 wurde in Moskau ein sowjetisch-tschechoslowakischer Beistandspakt unterzeichnet – der Kreml nutzte die schwache Stellung Beneschs und seine Angst vor einer Grenzrevision aus, am eine starke Position für sich im Herzen Europas zu erwerben.

Später kam die Rechnung, die die Sowjets nach ähnlichen Pakten zu präsentieren pflegen. Benesch mußte dem großen Partner und der Partei, die von ihm unterstützt wurde, schon bei der Vorbereitung der Struktur des zukünftigen Staates erhebliche Konzessionen machen. Dann wurde in Kosice unter kommunistischem Einfluß das Regierungsprogramm ausgearbeitet; ein Programm der dauernden Zwangskoalition, außerhalb derer die Existenz keiner Partei erlaubt war. Damit begann das Ende der Demokratie in der Tschechoslowakei. Die nichtkommunistischen Parteien wurden in eine Lage versetzt, aus der sie nicht mehr zu entrinnen vermochten. Jeder Versuch, die Koalition aufzugeben war schon eine "Verschwörung gegen die Volksdemokratie".

Nun ist von dem Sturm der neuen tschechoslowakischen "Demokratie" auch ihr ursprünglicher Baumeister von der politischen Bühne weggefegt worden. Expräsident Benesch, der gewiegte Taktiker, wird kaum die Möglichkeit haben, zum dritten Mal ins Exil zu gehen. Vielleicht wird er aber in seiner Einsamkeit viel Zeit haben, darüber nachzudenken, ob er immer weise gehandelt hat. –ew