Von Ernst Bücken

Es geht nicht nur darum, der musikästhetischen Leistung des größten Antipoden Richard Wagners, die bisher im Sinne seines Gegners und der romantischen Musikauffassung falsch beurteilt wurde, zur gerechten Würdigung ihrer wahren Bedeutung zu verhelfen, sondern auch zu begreifen, daß die Erkenntnisse des "gefürchteten" Kritikers die Grundlage unserer gegenwärtigen Musikanschauung und die klarste Rechtfertigung des modernen Schaffens bilden.

Eduard Hanslicks Buch "Vom Musikalisch-Schönen" – dieses meistgelesene musikästhetische Werk seines Jahrhunderts – erschien 1854, also zu einer Zeit, in der das naturwissenschaftlich beeinflußte Denken sich überall in Europa siegreich die Bahn brach. In jener Zeit war der Einfluß Hanslicks bedeutend. Dies wird am schärfsten durch den von Theodor Billroth überlieferten Ausspruch Johannes Brahms gekennzeichnet, daß das damalige Wien den Namen als Musikstadt nur verdiene, "weil Hanslick über die Aufführungen und Konzertgeber schreibt". Es wehte eine eigenartige Luft in diesem Kreise um Brahms und Hanslick, eine herbe Luft, die die angestammte Wiener Sinnenfreudigkeit und allen spätromantischen Überschwang hinwegfegte. Diese Männer hatten ein hohes, fast griechisch anmutendes Gefühl für Wert und Würde der Kunst, aber sie schmeichelten nie. Aus Scheu vor jener Gefühlsüberwältigung, die – sie von Wagner und Bruckner herkommen sahen, urteilten sie lieber zu kühl als zu warmherzig. Deshalb schlug Hanslick in seinem Kampfe gegen Wagner, Bruckner und Hugo Wolf zu scharf und manchmal sogar blindwütig zu. Aber die Motive dieser Musikfehde waren bei Hanslick lauter und rein.

In seinem Widerstreit gegen die Neuromantik und in seinem Eintreten gegen eine durch Gefühlsüberdruck aus ihrem Eigenkreis herausgeschleuderte Musik steht Hanslick in der Nähe der Reformatoren der Musikgeschichte. Er war ein Reformator mit einem manchmal vielleicht etwas zu nüchternen Blick, der selbst von seinem Liebling Gluck nicht wollte, daß die Musikgeschichtsschreibung einen idealistischen Schwärmer aus ihm mache. Sachlich, klar, war er ein Mann, der unerbittlich allem Kunstgeschwätz scharfe Fehde angesagt hat.

Das, was Hanslick an der romantischen Musikästhetik vor allem angriff, war die Tatsache, daß es sich hier nicht um ein festgefügtes Denkgebäude handelte, sondern um die in verschiedenen Geistesdistrikten verstreuten Äußerungen von Dichtern, Komponisten und Philosophen. Die erste Etappe dieser romantischen Musikästhetik war die mystische Schau der Dichter, die in den musikalischen Schriften von Wilhelm Wackenroder und Ludwig Tieck einen ersten Höhepunkt erreichte. "Wie man sich den Weltgeist in der ganzen Natur allgegenwärtig denken kann", so schreibt Tieck in den Beiträgen zu Wackenroders "Phantasien über die Kunst", "jeden Gegenstand als Zeugen und Bürgen seiner Freundesnähe, so ist Musik wie Bürge, Seelenton einer Sprache, die die Himmelsgeister reden, die die Allmacht unbegreiflich in Erz, Holz und Saiten hineingelegt hat, daß wir hier den verborgenen Funken des Klanges suchen und herausschlagen." Die tiefsten bis zu den Neuplatonikern zurückreichenden Fragen von der Allbeseeltheit eines spiritus mundi wurden von den Romantikern zu Grundfragen einer musikalischen Metaphysik umgewandelt. Und bei dieser Umwandlung wurde der Tonkunst die Stellung eines neuen Prinzips zuerkannt. Die Musik ist, wie Tieck sagt, gleichsam ein neues Licht, eine neue Sonne, eine neue Erde. Der rationalistischen Erkenntnis der "Vernünftler" sei sie ebensowenig zugänglich wie den Methoden der Nachahmungslehre, gegen die sich schon die Frühromantiker mit einmütiger Einstimmigkeit gewandt hatten.

War das musikalische Weltbild der klassischen Epoche ruhend und plastisch, so ist das der Romantiker bewegt und zum Unendlichen hin verströmend. Aus dieser Vorstellung ergab sich die neue Gefühlsdeutung als eine neuartige Musikpsychologie. In der Musik müßten wir – sagte Wackenroder – "das Gefühl fühlen lernen". Wobei er das Gefühl nicht als bestimmten benennbaren Affekt, sondern im Gleichnis, im Bilde eines geheimnisvollen Stromes erfaßte. Freilich ist die Deutung des Musikgefühls eine der positivsten Leistungen der romantischen Musikästhetik. Denn wenn man mit C. L. Schleich unter Gefühl die Fähigkeit zu differenzieren, Unterschiede von der allergrößten Feinheit zu registrieren, versteht, dann sind die Romantiker – die Dichter Tieck, Novalis, Bettina, Grillparzer, E. T. A. Hoffmann, die Musiker Weber und Schumann – die Entdecker dieser Fähigkeit für das Gebiet der Tonkunst gewesen. Dabei lassen die Romantiker in der Regel das erregte Musikgefühl zu den assoziativen Vorstellungen und zu jenen sekundären Empfindungen und Vorstellungen hin verströmen, die die Zeitsprache in dem Begriff der "Gütergemeinschaft der Sinne" zusammenfaßte, Grillparzers Satz: "Wo Worte nicht mehr hinreichen, sprechen die Töne", beleuchtet das Dahingegebensein der Tonkunst an die unterbewußten Mechanismen der Seele.

Wie tief aber auch immer die romantische Musikästhetik sich in die Region der dunkeln Gefühle einbohren mochte, so verharrte sie keineswegs dauernd in ihnen. Gerade in diesem Bezirk des Dunkeln und Unbewußten erwachte der Gegentrieb, das Wesen der Tonkunst und die Konturen der Musikform klar zu erkennen. Das gesamte romantische Musikschrifttum spricht beredt von diesen beiden scharf kontrastierenden Erkenntnisformen. So ruft nach der Formanalyse der Phantastischen Sinfonie von Hektor Berlioz Robert Schumann unmutig aus: "Berlioz kann kaum mit größerem Widerwillen den Kopf eines Mörders seziert haben (er studierte in seiner Jugend Medizin), als ich seinen ersten Satz. Und hab’ ich noch dazu meinen Lesern mit der Sektion etwas genützt?" Und dann faßt er den Gehalt des Einleitungssatzes der Sinfonie in die Worte zusammen: "Die träumerische Melancholie, die nur von einzelnen leisen Tönen der Freude unterbrochen wird, bis sie sich zur höchsten Liebesraserei steigert, der Schmerz, die Eifersucht, die innige Glut, die Tränen der ersten Liebe bilden den Inhalt des ersten Satzes." Schumann ist hier – und das ist ein Symbol des Verlaufs der romantischen Musikästhetik – zur Gefühlsdeutung zurückgekehrt.