Ein Grundstein ist da – jetzt gilt es, darauf eine stabile Währung zu begründen. Denn mit der Zuteilung einer Kopfquote an die Bevölkerung und einer Betriebsquote an die Unternehmungen ist ja nur der erste technische Schritt zur Währungsreform getan. Solange die Kaufkraft des neuen Geldes noch von so einschneidenden Umstellungen wie der Neuordnung der Wirtschafts- und Kreditpolitik, der umfassenden Steuerreform, dem Lastenausgleich und der Herstellung einer Relation zu den Auslandswährungen abhängt, kann man nur von einer Geldreform sprechen. Auch das bevorstehende weitere Gesetz über die Behandlung der alten Guthaben und der alten Banknoten, also das Gesetz über den "Schnitt", der die Geld- und Kontenbesitzer trifft, gehört noch in den engeren Bereich der Geldreform. Erst die Bekanntgabe der vom alten Gelde verbleibenden Quote wird die eigentliche Geldreform zum Abschluß bringen. Von großer Bedeutung für das Fundament, auf dem die neue Währung sich aufbauen soll, ist zudem noch die Behandlung der Geldbestände bei den Militärregierungen und in sonstigem ausländischen Besitz.

Die Geldreform kann nicht ein Selbstzweck, sondern nur Werkzeug sein. Sie schafft eine der Voraussetzungen für den neuen Anfang des Wirtschaftens. Denn um eitlen neuen Anfang nach einem verlorenen Kriege handelt es sich, auch wenn seit der Kapitulation bereits, mehr als drei Jahre verstrichen sind, ein großer Teil dieser Zeit leider vergeudet worden ist. Der neue Anfang kann wie ein frischer Wind wirken, der die alten, längst nicht mehr wirksamen Bestimmungen und Vorschriften von den Schreibtischen und aus den Aktenschränken fortfegt. Werden sich die vier deutschen Gruppen des Wirtschaftens, die Verwaltungen, die Kreditinstitute, die Unternehmer und die Arbeitnehmer, zu einem harmonischen Quartett zusammenfügen?

Die Arbeitslust von Arbeitnehmern und Unternehmern wird sicherlich durch, den Zwang zum Geldverdienen und durch die Hoffnung auf einen realen, in Güter umsetzbaren Wert der Verdienste angefacht werden. Der Kreditapparat wird sich zwar zunächst fühlen wie ein Vogel mit lahmen Flügeln, in denen zudem vorläufig die Klammern der sehr beschränken neuen Kreditmittel sitzen. Seit 1931, dem Jahr des Zusammenbruchs der Reparationszahlungen und des Bankenmoratoriums, hat es in Deutschland kaum noch eine private Kreditwirtschaft gegeben, die sich frei nach den Gesetzen der Wirtschaft bewegen konnte. Jetzt wird man weder der Kreditpolitik bedürfen, um möglichst nahe an eine Vollbeschäftigung heranzukommen, aber andererseits die große Gefahr der "Überbeschäftigung" zu vermeiden, jener Leistungslähmung, die in der Übernahme zu vieler Wirtschaftsaufgaben für den gegebenen Produktionsapparat und in dem Fortfall der Auslese nach den Gesetzen der Wirtschaftlichkeit liegt.

Leitsätze zur Freiheit?

Und die Verwaltung, die behördliche Kontrolle und Lenkung? Das Versagen der Bewirtschaftung jedes einzelnen Nagels und des letzten Hosenknopfes ist ein Faktum, das von niemandem mehr bestritten wird; über die Schuldfrage bei diesem Leerlauf braucht man sich in diesem Augenblick des neuen Anfangs nicht mehr zu ereifern. Viel wichtiger ist es, daß tatsächlich mit dem Inkrafttreten der Geldreform für die Wirtschaftsverwaltung der Doppelzone auch ein neues Werkzeug für die Bewirtschaftung vorliegt: Der Wirtschaftsrat in Frankfurt hat mit 50 gegen 37 Stimmen (der Sozialdemokraten und Kommunisten) das "Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftungs- und Preispolitik nach der Geldreform" angenommen, dessen Entwurf im wesentlichen auf den Direktor für Wirtschaft, Prof. Erhard, zurückgeht.

"Der Freigabe aus der Bewirtschaftung ist vor ihrer Beibehaltung der Vorzug zu geben." Mit diesem Leitsatz wird der Direktor für Wirtschaft für die kritische Übergangszeit zum Kapitän ernannt, der für seinen Auftrag, das Wirtschaftsschiff in klares Wasser zu steuern, ausreichende, bis zum Jahresende befristete Vollmachten erhalten hat. Eine Reihe von Seezeichen und Leuchtfeuern bestimmen seinen Kurs. Für zwei wichtige Gruppen wird die Bewirtschaftung ausdrücklich beibehalten, für die Hauptnahrungsmittel (Getreide und Getreideerzeugnisse, Milch und Milcherzeugnisse, Kartoffeln, Fleisch und Fett) und für Rohstoffe, soweit sie wesentliche Grundlagen für die Erzeugung bilden (darunter auf jeden Fall Kohle und Stahl). Textilbekleidung, Schuhe und Seife können einer Verbrauchsregelung unterworfen bleiben. An die Stelle der Bewirtschaftung von Rohstoffen, Halb- und Fertigerzeugnissen können Lieferanweisungen, Herstellungsgebote und -verbote treten. Bei der Durchführung der Bewirtschaftung ist die Einschaltung des Behördenapparates auf ein Mindestmaß zu beschränken. Das Bezugschein-System mit individueller Bedürfnisprüfung wird durch die allgemeine. Bezugskarte (Punktkarte) abgelöst, die je nach der Vorratslage durch allgemeine Aufrufe zum Bezüge bewirtschafteter Waren berechtigt. Besondere, zusätzliche Bezugskarten für notleidende Bevölkerungsgruppen, wie Flüchtlinge und Ausgebombte, sowie für zusätzlichen Bedarf an Arbeitskleidung und Arbeitsschuhen sind ebenfalls vorgesehen.

Also eine Bewirtschaftung "ohne Fahrplan", eine elastische Regelung mit einem Kurs, der sich nicht nach Einzelvorschriften, sondern nach den tatsächlichen Gegebenheiten, in der Produktion wie beim Verbrauch, richten soll. Der Kunde wird zwar noch nicht gleich wieder "König" sein, aber er hat berechtigte Hoffnung, es wieder zu werden. Bei Textilien wird z. B., eine Karte von 20 Punkten im Juli ausgegeben werden, die übertragbar und durch Ware gedeckt sind und vom Verbraucher nach Wahl. verwendet werden können. Nur für den "punktteuren" Bedarf, wie Anzüge oder Matratzen, soll noch die individuelle Regelung mit Bedarfsnachweis des Verbrauchers geplant sein, wobei Spinnstoffwaren im "Werte" von einem Punkt je Kopf- und Monat für diesen und anderen Sonderbedarf zentral zur Verfügung bleiben sollen. Der Textileinzelhandel scheint übrigens mit einer so großen Geldknappheit der Kundschaft zu rechnen, daß er selbst diese Punktbewirtschaftung für zu straff halten und – wie es heißt lebhaft von Gewerkschaftsseite unterstützt – gegen diese Regelung Einspruch erhoben, haben soll. Auf diesen Einspruch dürfte wohl die Umwandlung des Leitsatzes für die Textilbewirtschaftung in die schwächere Form der "Kann"-Bestimmung zurückgehen. Ursprünglich sollte hier eine Vorschrift, nicht eine Empfehlung im Gesetz stehen.